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Brandenburg/Havel Nach Kündigung von Chefarzt: Zoff in der Helios-Klinik in Hohenstücken
Lokales Brandenburg/Havel Nach Kündigung von Chefarzt: Zoff in der Helios-Klinik in Hohenstücken
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17:01 09.03.2019
Die Helios Klinik Hohenstücken in Brandenburg an der Havel aus der Luft. Hier werden Kinder und Jugendliche mit schwersten Krankheiten behandelt und rehabilitiert. Doch das erfolgreiche Konzept scheint in Gefahr. Quelle: Foto: R. Böhme
Brandenburg/H

Die Brandenburger Helios Klinik in Hohenstücken sucht, wie noch Mitte Februar die Stellenausschreibung im Internet verrät, einen neuen Chefarzt und ärztlichen Direktor in Personalunion. Gesucht wird ein Arzt für Pädiatrie – ein Kinderarzt, der auch Neuropädiator ist, also spezialisiert auf Nervenkrankheiten von Kindern.

In Hohenstücken steht eine Spezialklinik in der Säuglinge, Kinder und junge Erwachsene mit neurologischen Erkrankungen aller Schweregrade behandelt werden können. Häufig finden sich dort komplexe Krankheiten, die bei schwersten Unfällen auftreten. Aus aller Welt kommen Patienten mit letzter Hoffnung zu mehrmonatigen Aufenthalten.

Ausschreibung längst Makulatur

Häufig werden die jungen Patienten über Jahre im Wachkoma beatmet, betreut und gepflegt. Medizinisch aufgebaut hat die im Jahr 2000 eröffnete Klinik, der ärztliche Direktor Martin Köhler. Er werde, so stand es in der Ausschreibung, einen neuen Chefarzt „im Kollegialsystem“ einarbeiten und dann in den Ruhestand wechseln.

Zwei Jahre, so sagt er Ende 2018 – eben 65 Jahre alt geworden – werde er, wenn gewünscht, seinem Nachfolger gerne zur Verfügung stehen. Was Köhler zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, ist, dass sich die Geschäftsführung längst anders entschieden hat und die Ausschreibung nur noch Makulatur ist. Vom geforderten Profil eines Neuropädiators, ist gar nicht mehr die Rede. Solche Experten sind Goldstaub, der Markt ist leer.

Da ist die Welt noch in Ordnung: Im Dezember 2017 landet die Klinik auf der Liste der führenden Rehakliniken in Deutschland Fachbereich Neurologie. Die erneute Focus-Auszeichnung eine Teamleistung Chefarzt Martin Köhler, Klinikgeschäftsführerin Stefanie Günther, Kathrin Schulz, und der leitenden Oberärztin Jutta Köhler (v.l.) Quelle: Nicole Menzel, Helios

Köhler geht im Zorn

Nach Informationen der MAZ wird zu diesem Zeitpunkt schon mit einer Neurologin verhandelt, deren Vertrag nun offenbar unterschrieben ist und die zum Sommer 2019 ihre Arbeit aufnehmen soll. Sie ist anerkannt aber keine Kinderärztin. „Das ist, als würde man eine Frauenklinik einem Kinderarzt übertragen“, sagt ein Arzt, der mit der Sache vertraut ist.

Als Köhler, dessen Frau Jutta eine der beiden Oberärztinnen in der Helios-Klinik ist, davon erfährt, fühlt er sich hintergangen und sein Lebenswerk bedroht. Er zieht die Notbremse und kündigt zusammen mit seiner Frau. Beide Mediziner haben die Klinik Ende Februar verlassen. „Ja, Ich bin jetzt Rentner“, bestätigt Martin Köhler.

Stimmung angespannt

Er habe andere Pläne gehabt, doch er werde sich zu Details nicht äußern. Der Weggang des Ärzteehepaars ist eine ziemliche Katastrophe für den Konzern und für die Klinik-Geschäftsführerin Stefanie Günther. Ihr Name steht unter der Ausschreibung und unter dem längst geschlossenen neuen Vertrag.

Martin Köhler, noch als Chefarzt der Klinik Quelle: JACQUELINE STEINER

„Die Stimmung hier vor Ort ist unterirdisch“, berichtet ein Mitarbeiter. 14 Ärzte, 103 Pfleger und Pädagogen, sechs Psychologen, 30 Psychotherapeuten, zehn Logopäden sowie elf Ergotherapeuten versorgen im Normalfall jungen Patienten in 110 Rehabilitationsbetten und 45 Akutbetten. Wer soll das Team führen, wer die medizinische Versorgung der Kinder und wer betreut Assistenzärzte in der Ausbildung?

Professor Thomas Erler, Sprecher der Kinderärzte im Land Brandenburg, ist alarmiert, wie ein Schreiben verrät, dass er Mitte Februar an alle leitenden Kinderärzte sowie die frühere MdB Margrit Spielmann und an Thomas Barta, Referatsleiter im Gesundheitsministerium, geschickt hat.

Klare Botschaft: Keine neuen Patienten

Erler schreibt, er habe erfahren, dass die „hoch angesehene“ Klinik in Hohenstücken „künftig von einer Nicht-Kinderärztin ärztlich geleitet“ werde. Das führe dazu, dass es den Zuweisern in Kinderabteilungen, Kinderkliniken sowie ambulanten Kinderärzten, „nicht mehr möglich sein wird, ihre Patienten in der Einrichtung rehabilitieren zu lassen“. Die Botschaft: Ohne Kinderarzt an der Spitze keine weiteren Patienten.

Die Adressaten sind nicht zufällig Spielmann und Barta –sie leiten den Verein „Neurologisches Rehabilitationszentrum Brandenburg“ und der Verein ist Träger der Klinik. Diese ist ein Modellprojekt des Bundes und des Landes für Ostdeutschland. Sie wurde mit 64 Millionen Euro Fördermitteln errichtet und wird seit 2000 erst von den Wittgensteiner und später von der Helios Klinik geführt.

Stefanie Günther ist Geschäftsführerin der Helios Klinik Hohenstücken. Quelle: HEIKE SCHULZE

Spielmann sieht die Lage kritisch

Alle fünf Jahre erneuert der Verein die Trägerschaft. Die jetzt entstandene Situation beschreibt Margrit Spielmann (SPD) gegenüber der MAZ als „sehr misslich und kritisch“. Sie fühlt sich von der Helios-Geschäftsführerin hintergangen. „Dort hat man offenkundig eine Einstellung vorgenommen, der wir nicht zustimmen werden. Wir werden auf einen Kinderarzt als Chef bestehen“, sagt Spielmann. Das habe man Anfang der Woche der Konzernführung auch unmissverständlich klar gemacht und erwarte ein zügiges Umsteuern.

Neben den Bedenken, die Klinik würde nicht mehr in der entsprechenden Qualität Kinder und Jugendliche neurologisch versorgen können, treibt derweil Thomas Erler die Sorge um, dass die Klinik als Ausbildungsstätte mit Schwerpunkt Neuropädiatrie verloren geht: „Die angespannte neuropädiatrische Nachwuchssituation dürfte sich somit weiter zuspitzen.“

Ärzte machen sich auf die Suche

Etwa zehn Assistenzärzte waren bisher in der Spezialausbildung bei Marin Köhler. Diese dreijährige Ausbildung zum Neuropädiator schließt sich an das sechsjährige Medizinstudium und die fünfjährige Facharztausbildung zum Kinderarzt an. Ohne Köhler stehen die „jungen“ Ärzte plötzlich ohne Lehrer da. Dem Vernehmen nach sind bereits mehrere der Assistenzärzte auf der Suche nach neuen Anstellungen fündig geworden.

Das setzt die Helios-Geschäftsführung weiter unter Druck. Zumindest tageweise arbeitet bereits die leitende Ärztin der Neuropädiatrie der Helios-Klinik Geesthacht jetzt in Brandenburg. Ob das für die Anerkennung der dreijährigen Ausbildung ausreicht, bezweifeln Kinderärzte. Ein Antrag sei bei der Ärztekammer aber gestellt, so Spielmann.

Städtisches Klinikum beendet Zusammenarbeit

Angesichts der neuen Struktur hat die Kinderklinik des städtischen Klinikums (die zusammen mit der Potsdamer Klinik arbeitet) die Zusammenarbeit mit Helios Brandenburg beendet. Bisher half Klinikgeschäftsführerin Gabriele Wolter mit regelmäßigen Diensten eines ihrer Kinderarzte aus. Die Beendigung der Zusammenarbeit bestätigte Donnerstag Spielmann.

Thomas Barta als Mitglied des Trägervereins sandte im Gespräch mit der MAZ deutliche Signale der Beruhigung in die Helios-Klinik und zu den Partnern: „Helios weiß jetzt, wie ernst die Situation ist und dass wir Struktur und personelle Besetzung mitentscheiden.“ Insofern sei er überzeugt, dass die Klinik in Hohenstücken „auch in Zukunft durch einen Neuropädiator geleitet wird“.

Donnerstag sagte Helios-Geschäftsführerin Stefanie Günther, es „gibt keine Probleme und der Weggang von Herrn Köhler ist geplant gewesen.“ Das sie eine Kandidatin für die Nachfolge habe, bestätigte sie. Auch, dass man diese jetzt dem Trägerverein vorstelle. Für Nachfragen Freitag stand sie dann nicht mehr zur Verfügung.

Von Benno Rougk

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