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Bei Freigängern bleibt ein Restrisiko

Nach Überfall auf Joggerin: Chefarzt des Maßregelvollzugs im MAZ-Gespräch Bei Freigängern bleibt ein Restrisiko

Die Brandenburger sind beunruhigt. Am vergangenen Wochenende hat ein Mann am Gördensee eine Joggerin überfallen und sie an einen Baum gefesselt. Wenig später hat sich herausgestellt, dass er im Maßregelvollzug sitzt und Freigang hatte. Im MAZ-Gespräch erklärt der Chef des Maßregelvollzugs, warum die Insassen Freigang bekommen.

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Am Sonntag ist in Brandenburg/Havel ein Joggerin brutal überfallen worden.

Quelle: dpa

Brandenburg/Havel. Der Fall der überfallenen und gefesselten Joggerin am Brandenburger Gördensee beunruhigt die Bevölkerung. Der Psychiater Ingolf Piezka, Chefarzt des Maßregelvollzugs in Brandenburg an der Havel, erklärt, unter welchen Umständen Patienten seiner Klinik bestimmte Freiheiten gewährt bekommen.

MAZ: Wie kann es sein, dass ein einschlägig vorbestrafter Mann so viele Freiheiten bekommt, dass er die nächstbeste Joggerin überwältigen, in Angst und Schrecken versetzen und an einen Baum fesseln kann?
Ingolf Piezka: Ich bitte um Verständnis, dass ich mich zu konkreten Patienten nicht äußern darf. Denn ich unterliege der ärztlichen Schweigepflicht. Hinzu kommt, dass jeder Mensch bis zu einem richterlichen Urteil als unschuldig gilt.

Ingolf Piezka, Chefarzt des Maßregelvollzugs in Brandenburg an der Havel

Quelle: MAZ

Lassen Sie mich also allgemeiner fragen. Warum bekommen Patienten Ihrer Klinik, die ja als psychisch krank gelten, überhaupt Ausgang, und dann auch noch unbegleiteten?
Piezka: Wir als Ärzte haben den gesetzlichen Auftrag, die Resozialisierung unserer Patienten vorzubereiten und anzustreben. Auf dem langen Weg bis zu einer möglichen Entlassung werden schrittweise Freiheiten gewährt, wir nennen sie Lockerungen. Dazu sind wir gesetzlich verpflichtet.

Was meinen Sie mit Freiheiten oder Lockerungen?
Piezka: Die erste Stufe besteht darin, dass sich ein Patient innerhalb der geschlossenen Klinik frei bewegen kann. In einem weiteren Schritt darf er sich für eine festgelegte Zeit auf dem mit Stacheldraht umzäunten Klinikareal aufhalten. Erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt bekommt er Ausgang in Begleitung von Klinikpersonal.

Und irgendwann darf er auch allein raus?
Piezka: Diese Stufe wird – wenn überhaupt – erst nach vielen Jahren erreicht, wenn ein Patient gelernt hat, Strategien zu entwickeln, mit seiner Störung so umzugehen, dass nichts passiert. Die Lockerung setzt also voraus, dass der Patient einen Riesenfortschritt gemacht hat. Das gelingt längst nicht jedem. Ausgang wird nie automatisch gewährt, sondern nur wenn die Perspektive Entlassung realistisch ist. Ehe ein Patient das Klinikgelände ohne Begleitung verlassen darf, muss ein externer Gutachter diese Lockerungsstufe nach eingehender Untersuchung befürwortet haben. Die Staatsanwaltschaft ist zuvor immer anzuhören.

Der Maßregelvollzug auf dem Brandenburger Görden.

Quelle: dpa

Trotzdem kann etwas passieren. Wo bleibt die Sicherheit der anderen Bürger?
Piezka: Die Sicherung ist neben der Resozialisierung unsere zweite Aufgabe. Wir sind selbst Bürger dieser Stadt und möchten natürlich auch sicher hier leben. Das Verfahren läuft aber nicht in der Weise: Daumen rauf oder Daumen runter. Wir müssen jede Lockerung mit den entsprechenden therapeutischen Fortschritten begründen. Wir sind aber auch verpflichtet, für jeden Patienten zu erläutern, wenn wir ihm Lockerungen nicht gewähren.

Es bleibt also ein Restrisiko?
Piezka: Ein Restrisiko bleibt, da wir prognostische Entscheidungen über Menschen treffen, diese entsprechend ihren Aussagen und ihrem therapeutischen Verhalten bewerten müssen.

Maßregelvollzug

  • Der Maßregelvollzug ist nicht in der Justizvollzugsanstalt, sondern in der Landesklinik untergebracht.
  • Die Forensische Klinik umfasst ein Areal von 3,5 Hektar, das von einer 5,20 Meter hohen Mauer umschlossen ist.
  • In sechs Stationen sind 110 Patienten untergebracht.
  • Es gibt zwei Bettenhäuser, eine Turnhalle sowie drei Häuser für Arbeits-, Musik- und Sporttherapie.
  • 150 Ärzte, Pfleger, Psychologen und Therapeuten sind angestellt.

Wie viele Patienten sind in der Obhut Ihrer Klinik und wie viele von ihnen haben derzeit unbegleiteten Ausgang?
Piezka: Derzeit 110 Patienten, von denen 20 Alleinausgang nach außerhalb der Klinik haben.

Wie viele strafrechtlich relevante Zwischenfälle sind in den vergangenen Jahren bezogen auf Ihre Klinik passiert?
Piezka: Da gab es eine Verurteilung eines hier untergebrachten Patienten wegen einer Straftat außerhalb der Klinik. Dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Für Außenstehende ist schwer verständlich, was einen Menschen zu einer solch sinnlosen Tat antreibt, wie eine wildfremde Frau an einen Baum zu fesseln und dann abzuhauen. Haben Sie eine Erklärung?
Piezka: Wie gesagt, äußere ich mich nicht zu einem konkreten Fall oder Patienten. Ganz allgemein gesprochen gibt es Verhalten, das rational nicht zu erklären ist, wo das Entdeckungsrisiko sogar sehr hoch ist. Als Ärzte versuchen wir, das Bedingungsgefüge einer Tat in dem spezifischen Moment zu analysieren. Ich gebe aber zu, dass auch wir manchmal keine befriedigenden Antworten finden.

Ist die Bevölkerung wenigstens nach einer Tat sicher vor einem Patienten, der während eines Ausgangs eine Straftat begeht?
Piezka: Über die Unterbringung desjenigen entscheidet der Ermittlungsrichter. Wenn wir als Ärzte Gefahr im Verzug sehen, entscheiden wir gegebenenfalls entgegen bestimmter Aussagen des Patienten auch zu dessen Lasten.

Interview: Jürgen Lauterbach

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