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Sie bringen die französische Lebensart an die Havel

Brandenburg an der Havel Sie bringen die französische Lebensart an die Havel

Christina Gumz und Clément Labail sind vor zwei Jahren von Paris über Berlin nach Kirchmöser gekommen, um französisch geprägtes Theater an der Havel zu etablieren – sie schreiben, übersetzen, singen und spielen, wollen ein Café mit Kleinkunst einrichten, alte Filme zeigen und Leben in den Ortsteil bringen.

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Christina Gumz und Clément Labail wollen deutsch-französische Theaterkultur in Kirchmöser etablieren.

Quelle: HEIKE SCHULZE

Brandenburg/H. Zwei Zugvögel werden sesshaft: Das Theater ist ins beschauliche Kirchmöser gekommen – Christina Gumz und Clément Labail haben vor zwei Jahren die ehemalige Fleischerei am Wusterauer Anger erworben und füllen diese nun mit neuem Leben: Mit Projekt-Theaterarbeit, bald mit einer Galerie und einem Café. Im Juni wollen sie ein Kulturfestival am Gränert mit einem selbstgeschriebenen Stück über den französischen Journalisten und Schriftsteller Guy de Maupassant veranstalten. Sie quellen beide über vor Ideen und Plänen.

Im April gehen sie noch auf Liedertournee mit eigenen Chansons, mit Bearbeitungen von „Sag mir, wo die Blumen sind“ von Marlene Dietrich oder „Die Forelle“ von Franz Schubert – Stationen sind Worms und wiederum Paris, wo sich beide kennen- und liebengelernt haben.

Christina Gumz und Clément Labail spielen in „Manèges – Kreise“ ein Schaustellerpaar mit unterschiedlicher Lebensplanung

Christina Gumz und Clément Labail spielen in „Manèges – Kreise“ ein Schaustellerpaar mit unterschiedlicher Lebensplanung

Quelle: Privat

Christina Gumz (36) wuchs im beschaulichen Barby an der Elbe auf, mit 19 Jahren zog es sie in die französische Hauptstadt, wo sie am Théâtre du Lucernaire und am Conservatoire du 11e Schauspielunterricht nahm und in Bühnenstücken auftrat. Parallel studierte sie an der Sorbonne Anglistik mit theaterwissenschaftlichem Schwerpunkt. Clément Labail (42) wuchs in Rouen, der Hauptstadt der nordfranzösischen Region Normandie auf, lernte dort an einer staatlichen Schauspielschule, bevor er in Paris an der Université Sorbonne Nouvelle Schauspielkunst studierte. Im August 2005 gründeten beide das Théâtre au fil des nuages (frei übersetzt: Das Ziehen der Wolken am Himmel) und zogen 2007 nach Berlin um.

Neun Jahre lang hielten sie es dort aus, beide waren große Fans der Volksbühne und des Berliner Ensembles. Und warum Kirchmöser? „Wir wollten mehr Ruhe, es ist ein Traum von uns beiden, einen Ort zu entwickeln. Hier am Wusterauer Anger soll es früher viel Leben mit Läden und Cafés gegeben haben. Wir wollen ihn wieder zu einem lebendigen Ort machen“, erzählt Clément Labail.

Beide können sich sogar vorstellen, den Kern eines Schauspielerteams am Brandenburger Theater zu bilden, falls die Sparte reaktiviert werden sollte. „Wir haben fertige Stücke, wir kennen gute Kollegen und wir brauchen kein großes Budget.“ Mit der ehemaligen Künstlerischen Leiterin Katja Lebelt hatten sie bereits Gespräche geführt, doch dann war diese wegen der internen Theaterquerelen weg. Seitdem: Still ruht der Mösersche See.

Beide schreiben und übersetzen eigene Stücke, und sie spielen diese auf deutsch und auf französisch. Teilweise sind es Sketche, teilweise Bühnenstücke, in denen sie humorvoll, aber ohne Fingerzeigen schrulliges und skurriles Verhalten der Mitmenschen darstellen.

Mit ihrem Stück „Manèges – Kreise“ sind sie seit 2015 auf Fahrrad-Tournee, die sie von Berlin bis nach Strasbourg und Paris geführt hat. 2016 folgten dann unter anderem Aufführungen am Anglerheim in Kirchmöser, in Werder (Comédie Soleil) und Potsdam.

In dem Stück geht es um ein Paar – Maria und Pierre – , das ein Karussell besitzt und kleine Zirkusnummern für Kinder veranstaltet. Sie will sich unbedingt verändern, er ist zufrieden und will unbedingt, das alles so bleibt wie es ist. „In unseren Stücken ist immer Poesie, aber auch die kleinen täglichen Exzesse und Entgleisungen. Es hat schon etwas von Den-Spiegel-vorhalten, aber ohne Häme und Überheblichkeit“, beschreibt es Christina Gumz.

Bei manchen Aufführungen werde zum Ende hin auch das Publikum einbezogen, das kleinere Rollen ausfüllen muss. Dennoch halten sich die Hauptakteure ziemlich worttreu an ihr Stück, Improvisationen gibt es nur bei den Workshops, die sie immer zweisprachig anbieten.

Christina Gumz bereitete die Crêpes für die Kin der persönlich zu

Christina Gumz bereitete die Crêpes für die Kin der persönlich zu.

Quelle: Privat

Am vergangenen Wochenende waren sieben Kinder und zwei Dutzend Eltern und Großeltern aus der Nachbarschaft da. Die Kinder schrieben Postkarten, erst auf deutsch, dann auf französisch, um sie dann vorzulesen.

Mit Mikro und Verstärker haben die Profis geholfen, damit es auch „französisch“ klingt. Es ging um den Umgang, das Spielen mit Worten, das Verständnis für eine Sprachmelodie und für Ausdrucksformen. Christina Gumz buk eigenhändig Crêpes und für die Erwachsenen gab es Apfelwein von Werder-Frucht, Cidre war leider zu dieser Jahreszeit hier nicht zu bekommen.

Es soll aber nicht die letzte Nachbarschaftsaktion gewesen sein. Die beiden wollen ja ihr Café im ehemaligen Verkaufsraum etablieren, Kleinkunst anbieten, Kollegen dazu einladen, sie wollen alte Filme zeigen. Und vor allem wollen sie die alte Kühl- und Zerlegehalle herrichten, ihren leicht maroden Charme bewahren und ganz viel Theater machen. Im Wortsinn.

Von André Wirsing

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