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Brandenburg/Havel Organspenderin: „Die denken, wir sind die Kranken“
Lokales Brandenburg/Havel Organspenderin: „Die denken, wir sind die Kranken“
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19:30 03.11.2018
„Sehen sie uns an. Wir sind gesund wie alle anderen auch“, sagt Brunhilde Ernst (r.). SIe hat ihrem Mann Erich (l.) eine Niere gespendet. Quelle: Ansgar Nehls
Paulinenaue

Als Erich und Brunhilde Ernst im Infektionszimmer der Charité in Berlin liegen, dringen die Jubelschreie bis zu ihnen an die Betten. Bei jedem Tor, nach jedem Sieg hören sie die Menschen, die in den Kneipen und Cafés die Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika anfeuern. Die Ernsts sehen kein einziges Tor des Turniers. Sie sehen Ärzte und Krankenschwestern, die ihr Zimmer in Schutzanzügen und grünen Kitteln betreten und die Infusionen kontrollieren. Es sind die Wochen nach dem 15. Juni 2010. Für Erich und Brunhilde Ernst hat an diesem Tag das Leben neu begonnen.

Acht Jahre später sitzt Erich Ernst im Haus des Ehepaars im havelländischen Paulinenaue und kämpft mit den Tränen. Er ist ein kräftiger Mann, fast 70 Jahre alt, mit buschigen Augenbrauen und festem Händedruck. Sein gesamtes Berufsleben lang war er Kraftfahrer, ist riesenhafte Lkw gefahren. Doch als er von dem Moment erzählt, als seine Frau im Nachhinein dem operierenden Arzt der Charité dankte, ringt er mit sich. Es sind Emotionen des Glücks, denn dies ist eine Erfolgsgeschichte.

Erich Ernst hat die Blutgruppe 0 – auf der Warteliste für Organspenden heißt das: 10 Jahre Dialyse

Sie beginnt, als bei Erich Ernst nach zehn Jahren Diabetes-Erkrankung 2009 schwere Nierenschäden festgestellt werden. Als das Organ nur noch zu 26 Prozent arbeitet, muss etwas passieren, sagen die Ärzte. Dreimal die Woche zur Dialyse zu gehen, sein Blut künstlich waschen zu lassen, kann Ernst sich nicht vorstellen. Zudem hat er die seltene Blutgruppe 0. Auf den Endloswartelisten für Organspenden bedeutet das noch schlechtere Chancen. 10 Jahre wartet ein Empfänger im Schnitt.

Zahl der Organspenden auf Tiefstand

797 Organspenden gab es im vergangenen Jahr in Deutschland. Weniger waren es nach Angaben der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) noch nie. Auch die Zahl der transplantierten Organe nahm ab. Im Jahr 2017 wurden nur noch 2600 Organe transplantiert. Vor sechs Jahren waren es noch 1000 Organe mehr.

Brandenburg gibt es im Übrigen keine Klinik, die Organe transplantiert. Die nächstgelegenen Krankenhäuser sind die Standorte der Charité in Berlin und das Herzzentrum in der Hauptstadt. Das Klinikum in Brandenburg an der Havel kann nur Organe entnehmen.

Der einzige Ausweg ist neu. Bis dahin galt die Regel, dass auch bei Lebendspendern die Blutgruppe von Spender und Empfänger identisch sein muss. Doch die Ärzte an der Charité erproben gerade in diesen Jahren ein neues Verfahren. Das Ehepaar greift zu, ohne einmal zu zögern. Brunhilde Ernst erklärt sich bereit, trotz verschiedener Blutgruppen ihrem Mann eine Nieren abzugeben – und wird ein ganzes Jahr lang untersucht. Von Kopf bis Fuß, jedes Organ wird überprüft. Sie muss gesund sein, wirklich gesund. An Erich Ernsts 60. Geburtstag ruft der Arzt an. Sie ist geeignet. „Für mich war das der emotionalste Moment“, sagt Brunhilde Ernst und schluckt.

„Wenn das hier vorbei ist, fahren wir wieder auf Kreuzfahrt“ – Brunhilde Ernst

Bevor die Ernsts ins Krankenhaus kommen, bittet Brunhilde darum, operiert zu werden, wenn es kühl ist. Hitze setze ihr zu, sagt sie. Doch dann läuft alles gegen sie. Erst sorgt der Ausbruch des Eyjafjallajökull-Vulkans auf Island dafür, dass die Ärztin aus den USA nicht nach Berlin fliegen kann. Danach ist auch noch der Operateur krank. Als das Ehepaar am 15. Juni endlich operiert wird, ist es 30 Grad heiß. Brunhilde Ernst wird als erste zur Operation geholt. Kurz bevor ihr Bett aus dem gemeinsamen Zimmer geschoben wird, dreht sie sich zu ihrem Mann um. „Wenn das hier alles vorbei ist, fahren wir wieder auf Kreuzfahrt“, sagt sie.

Angst, erzählt die 68-Jährige mit den wachen Augen, habe sie während der gesamten Zeit nie gehabt. Keine Angst, dass sie nach den Untersuchungen als Spenderin doch nicht geeignet sein könnte. Keine Angst vor der Operation. Keine Angst davor, dass der Körper ihres Mannes ihre Niere abstoßen könnte. „Ich weiß auch nicht wieso, aber ich wusste einfach, dass das klappt.“

Nach einer Minute fängt die Niere an zu arbeiten

Nach der OP ist Brunhilde Ernst kaum bei Bewusstsein. „Ich habe im Halbschlaf gehört, wie ein Arzt sagte, dass die Niere bei meinem Mann schon nach einer Minute angefangen habe zu arbeiten, sagt sie. „Da wusste ich: Jetzt wird alles gut. Jetzt kann ich schlafen.“

Heute ist tatsächlich alles gut. Die Ernsts sind gesund, können alles machen. Nur Grapefruits darf Erich Ernst nicht essen. Aber damit könne er leben, sagt er. „Denn wer weiß, ob ich heute noch hier wäre, wenn wir die OP nicht gemacht hätten“.

Heute nimmt Brunhilde Ernst anderen Patienten die Angst

Abgeschlossen haben die beiden trotzdem noch nicht. Die Angst, die Brunhilde Ernst selber nie hatte, nimmt sie heute anderen Patienten. Zusammen mit anderen Lebendspendern haben die Ernsts einen Verein gegründet. Er heißt „Das zweite Leben“ und arbeitet mittlerweile bundesweit, hat Landesverbände in zwölf Bundesländern. Brunhilde sitzt im Vorstand. Sie sind Ansprechpartner für diejenigen, die noch vor der Entscheidung einer Operation stehen. „Manchmal führe ich hier Zwei-Stunden-Gespräche am Telefon“, sagt Brunhilde Ernst.

Immer wieder muss sie dabei ein völlig falsches Bild des Lebens nach einer Spende geraderücken. „Einmal kam eine Frau, die mit der Spenderin reden wollte“, sagt Ernst. „Die hat eine kranke Frau erwartet, aber nicht mich. Denn sehen sie uns an, wir sind gesund wie alle anderen auch.“ Die Frau glaubte Brunhilde Ernst erst, als sie ihr ihre Operationsnarbe zeigte.

Ihr Verein „Das zweite Leben“ ist bundesweit aktiv

Immer wieder werden die Ernsts und ihr Verein zu Festen und Veranstaltungen eingeladen. Dort sollen sie berichten vom Leben nach der OP. „Die denken jedes Mal, dass wir da mit dem Rollator reinfahren“, sagt Brunhilde Ernst. „Die denken, wir sind die Kranken“.

Doch die Ernsts machen diese Aufklärungsarbeit gerne. Sie finden sie wichtig. Sie wollen etwas bewegen. Und sie unterstützen die sogenannte Widerspruchslösung, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) jüngst ins Spiel gebracht hat. Die besagt, dass jeder im Zweifel zur Organspende zugelassen würde, der nicht aktiv widersprochen hat. Es ist eine viel diskutierte Lösung um die endlosen Wartelisten für Spenderorgane zu verkürzen. Dass sie in vielen europäischen Ländern schon gilt, macht sie die Lösung nicht weniger umstritten. Für die Ernsts ist es trotzdem der einzige Weg. Doch bis dahin machen sie weiter mit ihrer Arbeit – und nehmen anderen Spendern die Angst.

Von Ansgar Nehls

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