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Plaue: Sprachkurs im Schloss-Ambiente

Deutsch lernen für Flüchtlinge Plaue: Sprachkurs im Schloss-Ambiente

Andras Keuchel hat einen Sprachkurs für 25 Flüchtlinge in seinem Plauer Schloss organisiert. Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, zählt für den Unternehmer seit Jahrzehnten zum Tagesgeschäft. Das prägt seinen Blick auf die Flüchtlingskrise, wobei ihm das Wort „Krise“ dafür gar nicht in den Sinn käme.

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Sprachkurse für Flüchtlinge im Schloss Plaue.

Quelle: Maloszyk

Brandenburg/H. Die Wörter „Krankenpfleger“, „Arzt“, selbst „Krankenhaus“ kommen den 14 Männern schon flüssig über die Lippen. Doch beim Wort „Frisör“ scheitern einige der Syrer. Macht nichts, ihr Lehrer verströmt beste Laune, betont das „ö“ überdeutlich und schreibt das Wort geduldig wieder an die Tafel. Seit rund vier Wochen unterrichtet der Politologe Jost Wippermann die aus Damaskus, Rakka, Kobane und Aleppo stammenden Männer. Sie sitzen an einem langen Tisch im Schloss Plaue.

Das Plauer Schloss

Das Plauer Schloss.

Quelle: Promo

Ein Dachdecker zählt dazu, ein Rechtsanwalt, ein Ölarbeiter und ein Koch. Sie wohnen in der Flüchtlingsnotunterkunft im nahen Kirchmöser. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert den Sprachkurs. Organisiert hat ihn die „Gullivers Kompetenz-Zentrum für berufliche Aus- und Weiterbildung OHG“. Deren Geschäftsführer Andreas Keuchel ist zugleich Chef der Schloss Plaue GmbH, kurz der Schlossherr. So kommt es, dass die geflüchteten Männer im warm geheizten Schulungsraum des Schlosses die deutsche Sprache pauken.

Deutsch lernen im Schlossambiente

Am Tag zuvor haben die Männer die neue App „Ankommen“ auf ihre Handys geladen. Es ist ein Sprachkurs als App, erarbeitet unter anderem vom Deutschen Goethe-Institut. „Das Handy ist das wichtigste Lerninstrument“, weiß Jost Wippermann. Es herrscht eine angeregte Arbeitsatmosphäre. Vokabelhefte liegen neben aufgeschlagenen Lehrbüchern. Auf den Tischen stehen blaue Mineralwasserflaschen, auf einem Beistelltisch sind Teetassen gestapelt, daneben ein Wasserkocher und eine Packung Ceylon Assam Tee.

Schloss Plaue

Schloss Plaue ruht auf mittelalterlichen Fundamenten, auf denen es zwischen 1711 und 1716 unter Friedrich von Görnde errichtet wurde. Der russische Zar Peter I war dort ebenso zu Gast wie der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I und sein Sohn Friedrich II. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss schwer beschädigt und später zu DDR-Zeiten seines Prunks beraubt. Stuck, Kapitelle und Wappen mussten Rauputz weichen. Nach dem Krieg kam zunächst eine Verwaltungsschule ins Schloss und 1966 ein Institut für Sprachintensivausbildung. Fast ließe sich sagen, hier schließt sich der Kreis angesichts des Sprachkurses für Flüchtlinge. Doch heute ist das Schloss vor allem ein Hotel und Veranstaltungsort.

Nebengebäude des Schlosses sind bereits saniert. Demnächst will Eigentümer Andreas Keuchel den Nordflügel herrichten.

„Was wollen wir heute machen“, fragt Jost Wippermann die Runde. „Grammatik“, antwortet einer der Schüler. „Zählen, nein Zahlen“, sagt ein zweiter. „Gut, dann stellen wir eine Tagesordnung zusammen“, sagt ihr Lehrer, schreibt auf: „1. Lesen, 2. Wiederholung, 3. Grammatik, 4. Nachrichten und Deutschland“. Dann lässt Wippermann abstimmen: „Wer ist dafür? Wer dagegen?“ Sie wird einstimmig angenommen. „So, dann ist das jetzt verpflichtend unser Programm für heute.“

Zu Gast ist an diesem Tag auch Andreas Keuchel. Menschen zu vernetzen, auf dem Arbeitsmarkt, aber auch in seinem Schloss, das ist Andreas Keuchel wichtig. „Das begeistert mich.“ Es passt, dass sein Schloss mittlerweile ein 40-Betten-Hotel mit zehn Vollzeitkräften geworden ist. Dort bringt der 52-Jährige Menschen aus Berlin und Brandenburg zusammen. Und auch Kunst, Künstler und ein Publikum. Der Unternehmer gründete vor 34 Jahren, kaum erwachsen, Gullivers. Was als Bus-Unternehmen und Fahrschule begann, wurde Jahre später ergänzt durch den Gullivers Kompetenz Aus- und Weiterbildungsbetrieb. 40 Mitarbeiter sind bei Gullivers beschäftigt und 15 Honorarkräfte als Lehrer in der Erwachsenenbildung. „Flüchtlinge“, sagt der studierte Volkswirt Keuchel, „sind ein Jobmotor“.

Menschen vernetzen

Der in Reinickendorf in Berlin aufgewachsene Keuchel hat einen entspannten Blick auf Flüchtlinge, die er selbst lieber „Geflüchtete“ nennt. „In Berlin liegt der Ausländeranteil eh bei 30 Prozent.“ 25 Schüler lernen in Plaue Deutsch unter Gullivers Regie, in Berlin sind es 100 Menschen aus Krisenregionen, zwei Drittel davon Männer. Als Unternehmer sehe er es politisch neutral. Es sei der Job als Schule für Deutsch und berufliche Weiterbildung. Die Flüchtlinge würden gebraucht auf dem Arbeitsmarkt. „Überall werden Leute gesucht und keine gefunden. Danach müsste hier die Arbeitslosenquote eigentlich bei Null liegen.“ Er sei überrascht, „wie schnell und gut die Menschen Deutsch lernen. Wer Bock hat, lernt die Sprache in einem halben Jahr.“

Schlossherr Andreas Keuchel

Schlossherr Andreas Keuchel.

Quelle: Maloszyk

„Tausende Menschen“ haben seit Firmengründung Keuchel zufolge die Schulungen durchlaufen für berufliche Qualifikationen. 90 Prozent hätten einen Job danach erhalten. Im Monat müsse er 25 bis 30 Arbeitsplätze bei Firmen besetzen, 360 etwa im Jahr, berichtet der Unternehmer. „Integration ist ein Thema, dass es schon seit Jahrzehnten gibt. Seit damals die Bundesrepublik Türken, Spanier und Griechen für den deutschen Arbeitsmarkt anwarb.“ Dass Jobcenter und Arbeitsagentur 322 Flüchtlinge aus Brandenburg an der Havel als arbeitssuchend führen und erst vier vermittelt haben, wertet Keuchel privat als „Armutszeugnis. Die arbeiten mit Formblättern, die als Deutsche kaum zu verstehen sind, dann sind sie für Geflüchtete erst recht nicht zu verstehen“.

Jost Wippermann und seine Schüler verstehen sich schon gut. Wenn es auf Deutsch noch nicht klappt, dann auf Englisch oder zur Not mit Händen und Füßen. Aber das kommt kaum noch vor. Und so nebenbei lernt der Politologe und Buchautor auch gleich arabisch. In der Erwachsenenbildung ist Wippmann schon länger tätig, bilingual Deutsch und Englisch. Jetzt steht in seinem Arbeitszimmer halt noch ein Lexikon für Arabisch.

Von Marion von Imhoff

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