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Wiedersehen mit der Hölle von Brandenburg

Treffen politischer Gefangener der DDR-Zeit Wiedersehen mit der Hölle von Brandenburg

Die kleine Gruppe älterer Männer, die am Sonntag aus verschiedenen deutschen Städten nach Brandenburg kommt, verbindet alles andere als gute Erinnerungen mit der Stadt. „Brandenburg, das war richtig die Hölle“, sagt Michael Stehr (67), der bei Hamburg lebt. Die Hölle erlebte er im Jahr 1977 als politischer Häftling der Strafanstalt Brandenburg.

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Springers Eltern, gestandene Sozialdemokraten, erfahren von der Entlassung in den Westen.

Quelle: Foto: Archiv Springer

Brandenburg/H. Die kleine Gruppe älterer Männer, die am Sonntag und Montag aus verschiedenen deutschen Städten nach Brandenburg kommt, verbindet alles andere als gute Erinnerungen mit der Stadt. „Brandenburg, das war richtig die Hölle“, sagt Michael Stehr (67), der bei Hamburg lebt. Die Hölle erlebte er im Jahr 1977 als politischer Gefangener der Strafanstalt Brandenburg.

Auch wenn Michael Stehr das Glück hatte, nur zehn Monate hinter Brandenburger Zuchthausmauern zu verbringen und dann in den Westen abgeschoben zu werden, hat sich die Zeit tief einbrannt in das Leben des Mannes, der zu der am 17. Juni 2015 gegründeten „Interessengemeinschaft Brandenburger Häftlinge SBZ/DDR“ gehört.

„Ich habe mitunter heute noch Alpträume, die Geräusche von Schloss und Riegel verfolgen mich dann in den Schlaf“, sagt Michael Stehr, der wegen Arbeitsverweigerung einmal von Anstaltsleiter Fritz Ackermann (1921-2014) „zusammengeschissen“ wurd. Diesen „vierschrötigen eiskalten Kerl, Typ Mielke“ hat er noch heute vor Augen. „Vor dem hatten alle Angst.“

Stasi-Knast, Lager X, Zuchthaus Cottbus, Zuchthaus Brandenburg

Das Stadtgericht Berlin hatte den gebürtigen Berliner Michael Stehr im September 1976 wegen staatsfeindlichen Menschenhandels und schwerer Beihilfe zur Republikflucht zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach Stasi-Knast, dem Lager X in Hohenschönhausen und dem Zuchthaus in Cottbus lernte er im März 1977 die Strafanstalt auf dem Görden kennen.

Der Unterschied: Von nun an teilt er die Zelle mit 14 Schwerverbrechern, darunter sieben Mördern, einige Vergewaltiger und Brandstifter. „Ich war damals kräftig und konnte mich in dem Haifischbecken durchsetzen“, erinnert sich der Wahlhamburger. Die Bedingungen im Brandenburger Knast seien schlimm gewesen, doch Folter und physische Misshandlungen habe er persönlich nicht erlebt.

Anders lag der Fall bei Manfred Springer (70). Der Heizungsinstallateurlehrling aus Magdeburg war mit Freunden am 25. April 1963 auf der Autobahn in Möser bei Burg dabei erwischt worden, als sie ihre Flucht vorbereiten wollten. Der 18-Jährige galt den Ermittlern als Rädelsführer, in einem Schauprozess wurde der junge Mann zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wegen „staatsgefährdender Gewaltakte“.

Die Angst ist geblieben

Fast ein halbes Jahrhundert liegt die Haftzeit des Hamburgers zurück, doch die Angst ist geblieben. Schon in der Stasi-U-Haft in Magdeburg erlebte er seine Hölle. Schlafentzug, Schikane, Demütigungen, Misshandlungen, auch sexueller Art. Als er sich nach Monaten der Gefangenschaft erstmals im Spiegel des Vernehmungszimmer sieht, erschrickt er: Er erkennt sich selbst nicht wieder, sieht im Spiegelglas eine Art Gespenst.

Manfred Springer landet nach seiner Verurteilung am 9. August 1963 durch das Bezirksgericht Magdeburg sowie mehreren Haftstationen landete er im Mai/Juni 1965 hinter den Brandenburger Gefängnismauern, hinter denen er lange 19 Monate blieb. Als jüngster unter seinen Mitgefangenen erlebte er seelische und physische Misshandlungen und sexuelle Gewalt.

Weil Springer im Knast die „sogenannte DDR-Staatsangehörigkeit und die Arbeit niederlegte, kam er in Isolierhaft (15 Monate), auf die Aushungerungsstation. Den Arzt zu sehen, wurde ihm ein Jahr lang verwehrt.

Weihnachten 1966 im Hungerstreik

Springer: „Mein Zahnfleisch war derart zurückgegangen, dass ich befürchtete, als 22-Jähriger ohne Zähne entlassen zu werden.“ Am 26. Dezember 1966 trat er in den Hungerstreik und begründete der Haftleitung diese Aktion. Das Schriftstück aus Zelle 23 fand sich später in seinen Stasiopfer-Unterlagen.

Der 70 Jahre alte Hamburger trägt auch fast 50 Jahre später an den Spätfolgen. Er hat Nervenzusammenbrüche erlitten, leidet an Verfolgungswahn, Platzangst und Panikattacken.

Der Mann, den Rechtsanwalt Wolfgang Vogel im 230-er Mercedes am 3. Februar 1967 im Schritttempo nach Westberlin, Ecke Kudamm / Schlüterstraße fährt, beginnt ein neues Leben in Hamburg. Krank ist er geblieben, seine Zeit als politischer Häftling wurde mit 14 000 Euro einmalig abgegolten.

Verständnis für alle Opfer

Als Mitglied der Interessengemeinschaft kehren Manfred Springer und einige seiner Leidensgenossen am Montag an den Höllenort von damals zurück. Vor der heutigen Justizvollzugsanstalt werden sie Kränze niederlegen.

Stellvertretend für alle gedenken sie vor allem Michael Gartenschläger ((1944-1976), der zehn Jahre in der Strafanstalt Brandenburg abgesessen hat und sich nach seinem Freikauf als Fluchthelfer betätigt, bis einen Stasi-Trupp ihn am 1. Mai 1976 an der Demarkationslinie erschießt. Gartenschläger hatte wieder einmal versucht, eine Selbstschussanlage an der DDR-Grenze zu demontieren.

Manfred Springer fordert Verständnis für alle Opfer. An eine lückenlos Aufdeckung der Machenschaften glaubt er nicht mehr, tut aber alles um Zeithistoriker in ihrer Forschungsarbeit zu unterstützen. So ist auch ein Gespräch mit Sylvia de Pasquale vorgesehen, die die Gedenkstätte Brandenburg leitet.

Von Jürgen Lauterbach

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