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Premiere: „Jacke wie Hose“ auf der Studiobühne

Brandenburg an der Havel Premiere: „Jacke wie Hose“ auf der Studiobühne

Kompakt. Komplex. Wirkmächtig. Regisseur Boris von Poser hat mit seiner Inszenierung des Stückes „Jacke wie Hose“ von Manfred Karge ein Theaterereignis geschaffen. Gelungen ist ihm das mit dem Kunstgriff, dass er die Laienschauspieler als so genannten Chor wie einst in der griechischen Tragödie auftreten ließ. Doch das war nicht die einzige Überraschung.

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Szene aus „Jacke wie Hose“ am Brandenburger Theater.

Quelle: Foto: Volkmar Maloszyk

Brandenburg/H. Kompakt. Komplex. Wirkmächtig. Regisseur Boris von Poser hat mit seiner Inszenierung des Stückes „Jacke wie Hose“ von Manfred Karge mit sieben Laienschauspielern von der Brandenburger Bürgerbühne und der wunderbaren Profi-Schauspielerin Anna Böttcher ein Theaterereignis geschaffen. Gelungen ist ihm das mit dem Kunstgriff, dass er die Laienschauspieler als sogenannten Chor (ohne Gesang) wie einst in der griechischen Tragödie auftreten ließ.

Und so verstärkte von Poser nicht nur die Brisanz des ursprünglichen Ein-Personenstückes. Indem der Chor Hintergrundinformationen zu der Geschichte der Protagonistin lieferte, verstärkte er den Eindruck des intensiven Spiels von Anna Böttcher. Und umgekehrt ließ Anna Böttcher mit ihrer Darstellung der Ella Gericke den Chor hell funkeln. Beide Darstellungsstränge bedingen sich in dieser Inszenierung gegenseitig. Ja mehr noch: Es ist kaum vorstellbar, wie dieses Stück jemals anders funktioniert hat.

Anna Böttcher als Ella Gericke

Anna Böttcher als Ella Gericke.

Quelle: Volkmar Maloszyk

In seinem Stück beschreibt Manfred Karge nach einer wahren Begebenheit die Geschichte von Ella Gericke. In der Weimarer Republik war die Arbeitslosigkeit extrem hoch. Da war es sinnvoll, um einen vorhandenen Job zu kämpfen. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes übernimmt Ella seine Identität und arbeitet in seinem Job als Kranführer weiter. Was ursprünglich spontan aus Angst vor wirtschaftlicher Not begann, erweist sich als Entscheidung auf Lebenszeit. Denn alle späteren Versuche von Ella, ihre Identität als Frau wieder neu zu leben, scheitern nicht zuletzt daran, dass ihr Leben als Mann trotz aller Schwierigkeiten einfacher und vor allem selbstbestimmter war, selbst dann, wenn die Arbeit als solche härter war.

Die größte Gefahr von Entdeckung bestand für Ella Gericke immer dann, wenn Männer ihre Geschlechtsteile verglichen, woran sie sich ja nicht beteiligen konnte.

Den Krieg lehnte sie ab aus Angst vor der Musterung. Lange Zeit konnte sie in ihrer Firma als Kranführer weiterarbeiten, weil der Betrieb als kriegswichtig eingestuft war. Als das nicht mehr möglich war, wurde sie nicht aus Überzeugung sondern als Mitläufer Aufseher in einem SS-Gefängnis, weil sie so der Musterung entgehen konnte.

Ein einziges Mal musste sie in diesem Krieg schießen, und zwar genau dann, als sie als Frau vor der Vergewaltigung durch Russen auf der Flucht war. Dem wollten zwei Wehrmachtssoldaten zuvorkommen und sie vergewaltigen.

Anna Böttchers Spiel war grandios. Ausgesprochen berührend hat sie die verschiedenen Stimmungen der Frau dargestellt, die in ihrer Männerrolle gefangen war. Ihre Sehnsucht nach einem eigenen Kind. Ihre zunehmende Vereinsamung, denn sie konnte ja niemanden näher an sich heranlassen. Ihre Verwirrung und ihr Glück, als sich eine Frau in sie verliebte. Die sie jedoch auch verjagen musste, wenn ihr Betrug nicht auffliegen sollte. Und der sie später ihren eigenen Ella-Pass überließ, um sie vor politischer Verfolgung zu retten.

Begeisterter Applaus am Schluss für diese schauspielerische Bravourleistung. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass einige Zuschauer ratlos zurück blieben, weil sie das Stück unverständlich fanden. Der komplexen Aufführung geschuldet, hatten sie einfach den roten Faden verloren.

Von Ann Brünink

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