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Premnitz heizt die Brandenburger Stuben

Brandenburg an der Havel Premnitz heizt die Brandenburger Stuben

Die Brandenburger Fernwärme soll künftig aus Premnitz geliefert werden, über eine Strecke von 20 Kilometern. Dann könnten die Brandenburger Stadtwerke ihr überdimensioniertes Kraftwerk vom Netz nehmen. Vermieden wird dadurch auch der Ausstoß von 70.000 Tonnen Kohlendioxid im Jahr, mehr als ein Zehntel der Emissionen in der Stadt.

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Im Premnitzer Kraftwerk werden bereits Fernwärme für Wohnungen und Prozessdampf für die Industrie erzeugt.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Es wird eine Zäsur in der Geschichte der Stadtwerke Brandenburg – wenn das Projekt gelingt, sichert es die Wärmeversorgung für die Jahre 2020 bis 2040. Kurz gesagt, soll das eigene Kraftwerk abgeschaltet und die Fernwärme aus der Müllverbrennungsanlage Premnitz importiert werden – dazu bedarf es einer 20 Kilometer langen Rohrleitung und des guten Willens vieler Behörden.

Das mit Erdgas betriebene Kraftwerk von 1996/97 kann 130 Megawatt thermische Leistung erzeugen, benötigt werden heute nur noch 50 Megawatt. Die beiden Gasturbinen und vier Heißwasserbereiter sind nun mehr als 20 Jahre alt _ Zeit, sich über ihre Zukunft Gedanken zu machen. „Von 8760 Stunden im Jahr laufen die Turbinen maximal 1200“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Gunter Haase. Unter der Überschrift „Einsparung von Kohlendioxid“ wurden verschiedene Szenarien durchgespielt worden: Einbinden solarer Wärme, Großwärmepumpen, „Power to heat“ – das Umwandeln überschüssiger regenerativer Energien in Wärme, sogar die Abwärmenutzung im Elektrostahlwerk wurde erwogen.

„Wir müssen dabei auch auf die Rahmenbedingungen achten – Wirtschaftlichkeit , Baukosten und Preise. Wir wollen eine ,grüne’ Fernwärme, unsere Kunden sollen dies aber nicht über höhere Preise finanzieren“, sagt Haase. Bei seinen Stadtwerkekollegen im tiefen Westen der Republik gibt es Vorbilder für das Premnitz-Projekt: Die Stadtwerke Mannheim versorgen Speyer mit Fernwärme über 21 Kilometer, ähnlich sieht es in Hamm oder Aachen aus.

Das relativ neue Kraftwerk auf dem Areal der Märkischen Faser AG in Premnitz liefert bereits Fernwärme für Wohnungen in der Stadt sowie „Prozessdampf“, der in der Industrie in unterschiedlichen Technologien angewendet wird, beispielsweise beim Trocknen oder beim Antreiben von Turbinen. Die in Brandenburg benötigten 50 Megawatt Thermoleistung sind locker übrig und müssen nicht in die Luft geblasen werden.

3500 Kubikmeter Dampf im Rohr

Die Leitung ist 20 Kilometer lang, das Rohr hat einen Durchmesser von 300 bis 350 Millimetern.

Die Fernwärme wird mit 12 bis 14 bar Druck losgeschickt, unterwegs beträgt der Druckverlust etwa 9 bar, 3 bis 4 bar reichen aber zum Verteilen in der Stadt.

Die Rohrwandungen sind auf 16 bar Druck maximal ausgelegt.

Eine Druckerhöhungsstation unterwegs wird nicht benötigt, wenn die Trasse weitgehend gerade verläuft.

Im Rohr sind bei vollem Betrieb insgesamt 3500 Kubikmeter Wasserdampf.

Die Leitung liegt etwa einen Meter unter der Oberfläche, also unter Pflugtiefe.

Für die Stadt Brandenburg hätte das positive Effekte: Durch das Abschalten des Kraftwerkes entstehen 70.000 Tonnen weniger Kohlendioxid, die Einsparung stadtweit läge bei etwas mehr als zehn Prozent. Deshalb hat sich die Stadtwerkeführung vom Aufsichtsrat die Zustimmung geholt, ein Planungsverfahren anzustrengen. Federführende Behörde ist das Bergamt in Cottbus, das holt die Stellungnahmen anderer Träger öffentlicher Belange ein, etwa von der Umweltbehörde, weil die Trasse nahe eines Naturschutzgebietes verlaufen soll. So müssen sich die Stadtwerkeplaner nun auch mit Amphibien, Reptilien, Käfern, Adlern, Fledermäusen sowie mit seltenen Pflanzen und Gräsern beschäftigen.

Die Denkmalbehörde vermutet steinzeitliche Siedlungen im Boden. So sollen auf 16 von 20 Kilometern Länge alle 25 Meter Suchschachtungen zum Vor-Erkunden angestellt werden. Das sind 640 Löcher von jeweils 50 Zentimetern Seitenlänge, deren Inhalt dann auch noch zu sieben ist, bis möglicherweise eine alte Tonscherbe herausfällt. „Es ist ein gigantischer Aufwand, wir prüfen ständig, ob das Projekt für uns wirtschaftlich realisierbar ist“, sagt Haase. Das Wirtschaftsministerium des Landes will das Vorhaben als ökologisches Vorzeigeprojekt unterstützen, dem Vernehmen nach mit bis zu zwei Dritteln der auf 15 bis 20 Millionen Euro veranschlagten Investition.

Die Leitung soll unterirdisch verlegt werden in einer Tiefe von etwa einem Meter, also niedriger als die Pflugtiefe. Landwirtschaftliche Flächen können nach dem Einbau weiter bearbeitet werden. Lediglich zwischen Premnitz und Döberitz soll ein ganz kleiner Abschnitt überirdisch verlaufen, weil es dort eng ist und Altlasten im Boden liegen.

Die genaue Trasse steht noch nicht fest, die Stadtwerke wollen möglichst auch öffentliche Flächen nutzten, beispielsweise Feldwege. Zudem sollte die Trasse ziemlich gerade ohne viele Bögen und Winkel verlaufen, weil sonst noch eine Druckerhöhungsstation unterwegs das ganze Vorhaben weiter verteuern würde. Während der Druck über die Strecke ziemlich deutlich abnimmt (siehe Infokasten) ist das bei den Temperaturen nicht so.

Um fünf bis zehn Prozent weniger warm kommt der in Premnitz abgeschickte Dampf in Brandenburg an. Im kommenden Frühjahr soll der Aufsichtsrat entscheiden, ob das Projekt realisiert wird. Dann gibt es noch ein Jahr Feinplanung, 2019 könnte gebaut werden.

Von André Wirsing

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