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Brandenburg/Havel Pretty Woman in Brandenburg
Lokales Brandenburg/Havel Pretty Woman in Brandenburg
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18:57 15.07.2015
Wie diese Prostituierte bot sich Annemarie G. mehrere Jahre lang ihren Freiern an. Ein Brandenburger Arzt verhalf der Ungarin zur Flucht von ihrem Zuhälter.  Quelle: Bernd Gartenschläger
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Brandenburg/H

 Ein Brandenburger Arzt rettet eine Prostituierte, verhilft ihr zweimal zur Flucht aus den Fängen ihres Zuhälters und nimmt sie aus Liebe bei sich auf. Die Geschichte erinnert ein bisschen an Pretty Woman mit Julia Roberts und Richard Gere, ist aber in Wirklichkeit viel dramatischer. Denn im laufenden Strafverfahren vor dem Landgericht Potsdam geht es um schlimme Vorwürfe: Menschenhandel, Zwang zur Prostitution und Vergewaltigung. Nach den Ermittlungen der Polizei ergibt sich bisher folgendes Bild.

Der vor der 4. Strafkammer angeklagte Jenö L. (54) und sein mutmaßliches Opfer Annemarie G. (26), beide aus Ungarn, waren über etliche Jahre ein einträchtiges Paar. Annemarie G. war 20 Jahre alt, als im Herbst 2008 die Idee reifte, mit käuflicher Liebe Geld im europäischen Ausland zu verdienen. Die junge Frau trug ihre Haut zu Markte, prostituierte sich in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Italien und England.

Plötzlich 3000 bis 10 000 Euro im Monat

Soweit bekannt geschah dies einvernehmlich, fand auch Annemarie G. Gefallen daran, plötzlich über relativ viel Geld zu verfügen: Zwischen 3000 und 10 000 Euro im Monat. Den überwiegenden Teil der Einnahmen strich zwar offenbar ihr Partner ein, der sie wie ein Zuhälter anschaffen schickte.

Aber auch die Frau schien zumindest eine ganze Zeit lang zufrieden zu sein mit ihrem Prostituiertendasein. Jenö L. machte ihr zudem Hoffnung, dass er bald eine andere Frau auf den Strich schicken würde.

Kein Hinweis auf ein abgekartetes Spiel

Die Polizei ermittelte zunächst auch in eine andere Richtung, versuchte herauszufinden, ob Jenö L. und Annemarie G. womöglich gemeinsame Sache machen, um dem Brandenburger Arzt letztlich doch nur das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Für ein solches abgekartetes Spiel gibt es ein Vorbild im Land Brandenburg. Vor einigen Jahren verliebte sich eine ungarische Prostituierte nur zum Schein in einen ihrer Freier, einen reichen gutherzigen Arzt, der sie aus ihrem Milieu herausholen wollte. Er zahlte dem Zuhälter Geld, um die Frau damit auszulösen. Soweit bekannt bestehen verwandtschaftliche Beziehungen der damaligen Übeltäter zu Beteiligten im aktuellen Fall Jenö L.

Die Liebe zwischen dem Arzt und Annemarie G. ist aber offenbar echt. Denn beide leben schon mehr als anderthalb Jahre zusammen. Außerdem hielt die Frau ihren Geliebten in einem sehr frühen Stadium ihrer Beziehung davon ab, dem mutmaßlichen Zuhälter Jenö L. die geforderten Geldsummen zu zahlen, die angeblich bei 10 000 oder 20 000 Euro lagen.

 Erst Anfang des Jahres 2013 wurde Annemarie G. der Job zu viel, im März verkündete sie, dass sie aussteigen wolle. Da wurde Jenö L. unangenehm. Er bedrohte seine Prostituierte, als Druckmittel diente deren Familie, aus der er nach Erkenntnissen der Ermittler weitere Frauen als Huren zu rekrutieren drohte .

Widerwillig machte Annemarie G. weiter. Bis zu dem Tag, als ihr im August 2013 auf dem Straßenstrich in Berlin ein Freier begegnete, der anders war als die anderen.

Junger Arzt verliebt sich auf dem Straßenstrich

 Der junge Arzt aus einem Brandenburger Ortsteil verliebte sich in die junge Ungarin und wollte sie aus ihrem Milieu herausholen. Annemarie erwiderte die Zuneigung, das junge Paar machte sich wenig später schöne gemeinsame Urlaubswochen in den USA.

Das wiederum missfiel Jenö L., der seine Felle und vor allem seine Einnahmequelle davon schwimmen sah. Damit sie nicht weiter auf dumme Gedanken komme, schnappte er sich seine Annemarie, fuhr mit ihr in die ungarische Heimat, tat ihr Gewalt an und ließ sie fortan nur noch einmal aus den Augen, damit sie noch einmal in Berlin anschaffen gehe.

Doch wegen ihrer blauen Flecken verschmähten die Freier die Ungarin, so dass Jenö L. sie wenige Tage später zurück ins ungarische Dorf beorderte. Dort wich er nicht mehr von seiner Seite. Doch unterschätzte er die Hilfsbereitschaft des deutschen Arztes.

Zuhälter mit Tabletten außer Gefecht gesetzt

Der Brandenburger stand über das Internetforum Facebook in Kontakt mit seiner Geliebten, gemeinsam schmiedeten sie einen Fluchtplan. Annemarie G. mischte ihrem Aufpasser Anfang Oktober 2013 heimlich ein Medikament in sein Essen. Das war so dosiert, dass er außer Gefecht gesetzt wurde. Während er schlief, konnte die Frau davonlaufen, im Nachbardorf ihren herbeigeflogenen deutschen Liebhaber treffen und gemeinsam mit ihm ausreisen.

Mehrere Wochen lebte das deutsch-ungarische Paar unbehelligt in der Brandenburger Wohnung des Mediziners. Doch am 3. Dezember 2013 standen nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Jenö L. und sein Sohn mit ihrem Auto vor dem Haus der jungen Leute. Tags darauf soll der 54-Järhrige seine Ex-Partnerin geschnappt haben und sie mit einem Messer vor ihrem Bauch verschleppt und zurück nach Ungarn gebracht haben. Von dort ging es bald darauf weiter ins englische Bolton, wo er Annemarie G. zwischen dem 9. und 21. Dezember 2013 mehrmals vergewaltigt haben soll. Doch erneut nahte Rettung.

Die Flucht aus dem englischen Bolton

Der Arzt aus Brandenburg und ein Freund waren angereist. Dieser Freund bestellte die Prostituierte Annemarie G. in das Hotel, in dem er mit dem Arzt eingecheckt hatte. Es klappte. Zwar hatte Jenö L. aus Misstrauen die Handtasche von Annemarie G. ausgeräumt, doch den Reisepass dabei übersehen.

Am Hotel angekommen, nahm der Mediziner seine Freundin an die Hand und lief mit ihr fort. Jenö L. versuchte noch, das junge Glück aufzuhalten, doch als Sicherheitskräfte auftauchten, machte er sich aus dem Staub.

Angeklagter bestreitet alle Vorwürfe des Staatsanwalts

Nachdem die ungarischen Behörden ihren Landsmann an Deutschland ausgeliefert haben, sitzt er in Untersuchungshaft. Zur Last wird ihm gelegt, vom 1. November 2008 bis zum 21. Dezember seine damalige Freundin in verschiedenen Städten in Europa zur Prostitution überredet und später, als sie diese Tätigkeit beenden wollte, zunächst mit Androhung von Gewalt gegen sie und ihre Familie, später mit Schlägen und durch Vergewaltigungen dazu gezwungen zu haben. Der Angeklagte bestreitet sämtliche Vorwürfe, sieht sich als Opfer einer Verschwörung und versucht im Prozess, vermeintliche Widersprüche Lügen seiner Ex-Freundin aufzudecken.

Seit der Rückkehr aus England am Tag vor Weihnachten 2013 leben der Arzt und die Pretty Woman aus Ungarn als Paar zusammen und sind soweit bekannt glücklich miteinander. Der Prozess gegen Jenö L. wird fortgesetzt.

Von Jürgen Lauterbach

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