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Reichstein: Ehrenbürger-Grab gerettet

Brandenburg an der Havel Reichstein: Ehrenbürger-Grab gerettet

Carl Reichstein war Mitgründer der berühmten Brennabor-Werke, über seine Stiftung gab er eine Million Reichsmark für die Kinder-Wohlfahrtspflege, er wurde zum Ehrenbürger ernannt. Seine Familien-Grabstätte ist seit Jahrzehnten in städtischer Verantwortung – jetzt wurde das Neoklassizismus-Jugendstil-Ensemble gerettet.

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Wieder wie neu: Die Reichstein-Grabanlage auf dem Neustädtischen Friedhof.

Quelle: Ruediger Boehme

Brandenburg/H. Die Besucher mögen den wuchernden Efeu an der prächtigen Grabstätte der Industriellenfamilie Reichstein für malerisch und romantisch gehalten haben, doch für das überwiegend aus Muschelkalk bestehende neoklassizistische Stelenensemble mit Jugendstilelementen war die schnellwachsende Rankpflanze Gift. „Das Grabmal war total überwuchert, die Wurzeln des Efeu werden im Laufe der Zeit zu richtigen Stämmen, die mit der Grabpflege beauftragten Firmen haben sich das Zurückschneiden gar nicht mehr getraut, weil sie um die Standfestigkeit des Denkmals fürchteten“, sagt Martin Mitrenga, der Chef des Neustädtischen Friedhofes.

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Die prächtige Grabstelle der Industriellenfamilie Reichstein sieht nach Jahren des Verfalls auch wieder präsentabel aus. Wuchernder Efeu drohte die Muschelkalk-Konstruktion zur erdrücken, Fugen waren herausgebrochen und ein Kalkbelag hatte sich auf dem Mosaik gebildet. Jetzt ist alles wieder in Ordnung, im Frühjahr will der Förderverein des Neustädtischen Friedhofes die Anlage neu bepflanzen.

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„Wir haben den Efeu herunternehmen lassen und einen Statiker mit der Kontrolle beauftragt“, sagt Anja Castens von der städtischen Denkmalbehörde. „Die Platten wurden zwar noch von den verdübelten Ankern gehalten, aber die Fugen waren herausgebrochen und die Platten waren schon gegeneinander verkippt.“ Das Hintergrundmosaik war mit einem großflächigen Kalkschleier überzogen, es gab Risse und frühere Putzplomben traten zutage. Fehlstellen mussten ergänzt und ausgebessert werden.

Gemeinsam begab man sich auf die Suche nach Geldgebern, um das 12.500 Euro teure Restaurierungsvorhaben zu realisieren. Die IG Brennabor zeigte sich großzügig, ebenso die Reichstein-Familie, einige Spender meldeten sich auf die Veröffentlichung in der MAZ hin – die letzten 2000 Euro steuerte dann die Mittelbrandenburgische Sparkasse bei. „Insgesamt halfen etwa 15 Spender mit. Es war eine Gemeinschaftsaktion für den Ehrenbürger – die Bürger haben etwas zurückgegeben“, resümiert Anja Castens.

„Der Förderverein wird zudem im Frühjahr in einer größeren Aktion die gärtnerische Neugestaltung der Anlage vornehmen“, sagt Mitrenga, der den Vorsitz im Verein führt.

Feierliche Übergabe am 23. Februar

Eine feierliche Übergabe des sanierten Grab-Ensembles gibt es am 23. Februar ab 15 Uhr auf dem Neustädtischen Friedhof.

Auf der Anlage an der Kirchhofstraße, die selbst in ihrer Gesamtheit ein eingetragenes Gartendenkmal ist, gibt es mittlerweile 37 ausgewiesene Einzeldenkmale.

Förderverein und Friedhofsverwaltung stufen aber insgesamt 80 Grabstätten als erhaltenswert ein – aufgrund der beerdigten Persönlichkeiten, der aufwendigen Gestaltung in Material und Form.

Im Jahr 1740 ist der Friedhof südlich der Neustadt vor den Stadttoren angelegt worden.

Bei dem Denkmal handelt es sich um eine Familiengrabstelle. Kommerzienrat Carl Reichstein (1847-1931) und seine Frau Emma (1864-1940) sind die letzten, die hier bestattet wurden. Angelegt wurde sie erstmals im 19. Jahrhundert, als sich in einem Jahr die Sterbefälle in der Familie häuften, unter anderem die Reichstein-Mutter starb. 1910 und 1913 starben dann die beiden Brüder (Adolf und Hermann) von Carl Reichstein, die auch 1871 Mitgründer und -inhaber der Brennaborwerke waren. Brennabor war bis zur Demontage nach Kriegsende 1945 ein deutscher Hersteller von Kinderwagen, Fahrrädern, Kraftwagen und Motorrädern – die drei Gründungsbrüder waren gelernte Korbmacher.

Über den Grablegen der Särge von Adolf und Hermann wurden große Schmuckurnen aufgestellt. Der vierte Bruder Eduard ist andernorts begraben, Schwester Emma liegt auch auf dem Neustädtischen Friedhof, aber in einer anderen Grabstelle unter ihrem mit der Ehe angenommenen Namen Voigt.

Und auch über das „C“ in Reichsteins Vornamen darf gerätselt werden. „In den Sterbebüchern steht er noch als Karl Reichstein. Zum Eintrag darin muss die Familie eine Urkunde vorlegen. Deshalb kann es auch gut sein, dass er wirklich Karl hieß, sich aus einer Modeerscheinung heraus selbst das ,C’ verpasst hat“, orakelt Mitrenga.

Für das Erhalten der Grabstelle ist die Stadt zuständig, nachdem die Familie das bereits vor Jahrzehnten aufgegeben hat. Die Anlage steht auf der Denkmalliste, also muss sich die Kommune auch darum kümmern. Die konkreten Arbeiten vergibt sie aber an Firmen, die Leistungen werden alle paar Jahre neu ausgeschrieben.

Von André Wirsing

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