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Samuel Koch zu Gast im Brandenburger Dom

Musikalische Lesung Samuel Koch zu Gast im Brandenburger Dom

Vor fünf Jahren hatte er einen schweren Schicksalsschlag: Bei „Wetten...dass“ verletzte sich Samuel Koch so schwer, dass er seither querschnittsgelähmt ist. Koch verlor jedoch nicht den Lebensmut, schloss sein Schauspielstudium ab und schrieb seitdem zwei Bücher. Am Dienstag sprach er in Brandenburg an der Havel über sein Leben vor und nach dem Unfall.

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Samuel Koch und seine Assistentin Leoni Börner.

Quelle: Maloszyk

Brandenburg an der Havel. Hell schien das Kameralicht auf Samuel Koch in dieser kalten Oktobernacht im Dom, doch davon ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Herrlich unaufgeregt gestaltete er eine musikalische Lesung mit seinem Bruder Jonathan, der ihn auf dem Flügel begleitete. Viele der etwa 80 Zuhörern waren sichtlich bewegt, als er aus seinem neuen Buch „Rolle vorwärts - das Leben geht weiter als man denkt“ vorlas und auch Passagen seines alten Werkes „Zwei Leben“ zitierte. Darin verarbeitete der gebürtige Neuwieder neben seinen Erfahrungen auch Briefe, Postkarten, E-Mails und Begegnungen aus den letzten fünf Jahren.

Die Schwerkraft hinter sich lassen

Das Schicksal traf den 28-Jährigen 2010 hart, als er bei „Wetten, dass...?“ einen solch schweren Unfall hatte, dass er seitdem querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Das Multitalent, das zum ersten Mal in der Havelstadt war, zeigte sich an diesem Abend zugänglich und menschlich. Viele der Zuschauer hatten mit der Kälte zu kämpfen, doch er schaffte es, zumindest ihre Gemüter zu erwärmen, aber auch zum Nachdenken anzuregen. Samuel Koch nahm kein Blatt vor den Mund und beschrieb sein Leben vor dem Unfall: Dass er gerne viel ausprobierte, wie zum Beispiel Wakeboarden, Snowboarden oder Sechskampf. „Ich tobte mich sowohl sportlich als auch geistig aus. Als Turner wollte ich die Schwerkraft hinter mir lassen“, sagte er. Oft war er bis 20 Uhr in der Turnhalle und verausgabte sich richtig. Als er im Frühjahr 2008 sein Abitur machte, quälte er sich mit der Entscheidung herum, was er mit seinem Leben anfangen soll. Samuel machte Erfahrungen als Risikodarsteller, hatte ein Studienangebot in den USA und überlegte, Physik zu studieren.

Über Umwege kam er dann schließlich zur Schauspielerei, sprach bei den Bavaria Filmstudios vor und begann 2010 sein Schauspielstudium in Hannover. „Da dachte ich, dass ich endlich angekommen bin“, verriet er, doch nur drei Monate nach Semesterbeginn geschah sein schrecklicher Unfall. Als Folge davon kann er auch seine Arme nicht mehr bewegen. Seine Verlobte, die Schauspielerin Sarah Elena Timpe, die während der Lesung nur ein paar Meter entfernt saß, füttert ihn jeden Tag. Weil er seine Bücher nicht umblättern kann, half ihm bei der Lesung Leoni Börner vom Domteam.

Lebensmut nicht verloren

An die Momente kurz vor und nach dem Unfall kann sich Samuel nicht mehr erinnern. Doch als er langsam zu sich kam, „fühlte ich mich ausgeliefert wie eine Schildkröte, die sich auf ihren Panzer gelegt hat“, beschrieb er seine Situation, „ich meinte zu merken, wie sich der Staub auf mir ablegt. Verzweiflung stieg in mir auf, mein Körper fühlte sich wie eine tote Hülle an. Die Realität sickerte nur ganz langsam in mein von Medikamenten benebeltes Hirn.“

Doch Samuel verlor nicht den Lebensmut, schrieb seit dem Unfall zwei Bücher, schloss sein Schauspielstudium ab und ist festes Ensemblemitglied am Darmstädter Theater, wo er derzeit den Prinzen von Homburg spielt. „Für viele ist er ein Vorbild und stellt sich philosophische und christliche Fragen, die für uns interessant sind“, sagte Domkantor Marcell Fladerer-Armbrecht, der den Abend moderierte. Zum Beispiel die Frage, was eigentlich Glück ist: Für Samuel sind das auch ganz einfach Dinge wie ein gutes Gespräch, frische Luft, effektiv niesen, Besuch bekommen, ins Kino gehen, Freunde treffen oder eine Rolle vorwärts, beschrieb er in seinem Buch.

Gedanken über den Wert des Menschen

Der Autor leitete schon als Jugendlicher Kindergottesdienste und schon immer ließ ihn die Frage nicht los, warum Gott Leid zulässt. „Ich beruhige mich mit Worten, zum Beispiel, dass Gott alle Tränen trocknen wird“, sagte er. „Niemand auf dieser Welt wird auf alle Fragen Antworten bekommen, ich versuche das hinzunehmen und mich zu arrangieren.“ Ob er inzwischen etwas Bestimmtes habe, neben der sportlichen Betätigung, das er gerne ausübe, wollte eine Zuschauerin wissen. „Ganz akut das Bedürfnis nach Wärme“, scherzte er. „Aber ich habe genau wie früher den gleichen Bewegungsdrang.“

Gedanken machte sich der Schauspieler, der in der ARD-Telenovela Sturm der Liebe die Rolle des Tim Adler besetzte, auch über den Wert des Menschen. „Mein Wert hängt nicht an meiner Nützlichkeit oder Verwertbarkeit. Viele Menschen messen ihn aber daran: Erst wenn sie Geld oder Erfolg haben, sind sie sich etwas wert.“ Samuel Koch sieht das anders: „Für mich ist es umgedreht: Zuerst bin ich etwas, habe einen Wert und erst danach kann ich etwas tun.“

Von Melanie Höhn

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