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Schätze an der Wand

Brandenburg an der Havel Schätze an der Wand

Die 600 Jahre alten Darstellungen der Künste sind nördlich der Alpen ziemlich einmalig und der Deutschen Forschungsgemeinschaft großen Aufwand wert – im oberen Kreuzgang der Nordklausur am Dom werden die polychromatischen Darstellungen von vor 600 Jahren aufwendig erforscht und möglicherweise restauriert.

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Die Malereien werden aus den verschiedensten Winkeln fotografiert, um ein Bild ohne Verzerrungen erstellen zu können.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Der im Jahr 2005 von der Restauratorin Birgit Malter im Dom entdeckte Schatz wird nun gehoben: Beim Sanieren der Nordklausur war sie auf spätmittelalterliche Wandmalereien gestoßen, die 1463 von Hartmann Schedel, dem Nürnberger Arzt, weit gereisten Humanisten und späteren Herausgeber der „Schedelschen Weltchronik“ detailliert beschrieben worden sind. In den Seccomalereien sind die sieben mechanischen Künste dargestellt, ebenso die sieben freien Künste sowie Allegorien der vier Fakultäten.

Die Bezeichnungen der Künste im Mittelalter

Als die sieben mechanischen Künste bezeichnete man im Mittelalter Lanificium (Bekleidungshandwerk), Armatura (Architektur) , Navigatio (Handel), Agricultura (Ackerbau), Venacio (Jagd), Medicina (Heilkunde) und Theatrica (Schaustellerei).

Sie sind in polychromatischen Wandbildern dargestellt und in lateinischer Schrift in Fünfzeilern erläutert.

Ebenso die sieben freien Künste Geometrie, Arithmetik, Grammatik, Rhetorik, Dialektik , Musik und Astronomie.

Hinzu kommen noch Allegorien der vier Fakultäten Theologie, Justitia, Medizin und Philosophie – also der komplette Bildungskanon.

Die Darstellungen sind unter Bildungsbischof Stefan Bodecker (1384-1459) bei Umbauarbeiten entstanden. Unklar war, ob es sich bei dem „Prämonstratenserkloster außerhalb der Stadt” um den Dom auf der Dominsel oder die Marienkirche auf dem Harlunger Berg handelte. Diese wurde 1722 abgebrochen. Malereien und Inschriften hielt man deshalb für verloren gegangen. Bis sie wieder entdeckt wurden. Mitte der 90er-Jahre gab es bereits einige Freilegungen, aber erst im Jahr 2000 begann das Dombaumeisterbüro PMP mit Untersuchungen, bei denen in allen Jochen Malereien gefunden wurden. Joch oder Säulenjoch wird in der Architektur der Achsabstand zwischen zwei Säulen oder Pfeilern genannt.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG hat nun ein drei Jahre währendes Forschungsprojekt ins Leben gerufen. Wissenschaftler der Universität Paderborn und der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen forschen unter dem gemeinsamen Titel: „Der Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und Künsten in der Brandenburger Domklausur“. „Zum Glück hat Frau Professor Ulrike Heinrichs es übernommen, das komplizierte Antragsverfahren in Gang zu setzen und es bei der DFG durchzusetzen“, sagt Dommuseums-Chef Rüdiger von Schnurbein.

Was passiert nun? Mit Hilfe von zerstörungsfreien und zerstörungsarmen analytischen und bildgebenden Verfahren erfolgt unter anderem ein Auswerten und Visualisieren der im natürlichen Licht nicht erkennbaren Komponenten der Wandmalerei als Grundlage für die weiterführende Forschung. Dann muss man sehen, wie man mit den Bildfragmenten umgeht – werden sie nur konserviert, werden sie ergänzt und wiederhergestellt. Das sind Fragen, die zu beantworten sind.

In der ersten Woche des Projektes erfolgte erst einmal eine umfangreiche Dokumentation der Bestände. Vermesser Roman Schneider hat mit seinem Tachymeter den ganzen Kreuzgang millimetergenau in allen seinen Verformungen erfasst, in jedem Joch 15 bis 20 Messungen vorgenommen, so dass ein sehr genauer Grundriss sowie Querschnitt entstand. Die Bauforscherin Stephanie Bassen und der Denkmalpfleger Arnold Kreisel haben mit einer hochauflösenden Kamera alle Darstellungen aus den verschiedensten Winkeln fotografiert. Die Einzelbilder werden alle übereinandergelegt, so dass ein dreidimensionales Bild entsteht, dass aus allen Lagen betrachtet werden kann. Es ist faktisch eine Rundumsicht ohne eine Verzerrung. Dazu braucht es mindestens 80 Bilder pro Joch – das komplexe Foto hat dann jeweils eine Datenmenge von etwa 120 Megabyte. Die so genannten orthogonalen Bild ohne Perspektiven brauchen die Wissenschaftler für ihre Arbeit. Sechs bis acht Wochen dauert nun das Erstellen solcher Bilder am Rechner – selbst gute PC brauchen vier bis fünf Stunden, bis sie ein Bild richtig zusammengerechnet haben. Beim Auswerten lassen sie sich bei Bedarf wieder elektronisch in jeden einzelnen Schnitt zerlegen – deshalb ist das Dokumentieren so mühselig.

Andere Forscher werden dann noch mit Infrarotaufnahmen den übereinanderliegenden Farbschichten auf den Grund gehen, nach Vorzeichnungen suchen oder – salopp gesagt – den Pinselschwung nachempfinden.

Selbst wenn das bislang Sichtbare nur konserviert wird, gibt es mit der heutigen Technik bestimmte Darstellungsformen. Das Fraunhofer-Institut hat ein Verfahren entwickelt, um aus Hyperspektralmessung und Augmented Reality (erweiterte Realität) verblichene Malereien wieder sichtbar zu machen.

„Es ist durchaus möglich, dass in einigen Jahren Besucher durch den Kreuzgang gehen, ein Tablet vor die Bildfragmente halten und faktisch das komplette Bild auf dem Bildschirm sehen“, sagt Arnold Kreisel. Aber erst mal müssen die Forscher die Bilder zusammensetzen.

Von André Wirsing

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