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Schluss bei Bosch – 160 stehen auf der Straße

Solarfabrik Brandenburg macht dicht Schluss bei Bosch – 160 stehen auf der Straße

Bosch beendet sein Engagement in der Solar-Industrie in Brandenburg an der Havel und legt die Forschungsabteilung Bosch Solar CISTech GmbH zum Jahresende still. 160 Mitarbeiter sind von der Schließung betroffen. Zwei Investoren, deren Angebote nun offenbar als unzureichend bewertet wurden, wollten die Standort erhalten. Dem erteilte Bosch Donnerstag eine Absage.

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Der Kampf war umsonst: Das Bosch-Solarwerk macht die Pforten dicht. Der Standort Brandenburg hat keine Zukunft.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Die schlechte Nachricht zu verkünden, fand sich gestern nicht einmal ein Geschäftsführer der Firma Bosch aus Stuttgart. Statt dessen oblag es dem Brandenburger Werkleiter seinen 160 Mitarbeitern mitzuteilen, dass Bosch sein Brandenburger Engagement in der Solar-Industrie der Havelstadt zum Jahresende einstellt und man nun mit der Stilllegung der Bosch Solar CISTech GmbH beginne. Alle Maschinen und Anlagen sollen bis Ende des Jahres 2016 abgebaut. „Damit wird das Kapitel Solarenergie im Bosch-Konzern vermutlich endgültig beendet“, sagt Frank Hergert, Entwicklungsleiter und Vize-Betriebsratschef.

Schließung 2015 angekündigt

Bereits am Oktober 2015 hatte die Bosch mitgeteilt – die Entwicklungsaktivitäten in Brandenburg beenden zu wollen und das Werk zu schließen, das vor kapp 15 Jahren unter dem Namen „Johanna Solar“ für viele Millionen Euro in Brandenburg errichtet wurde. Zusammen mit der Prenzlauer Aleo Solar übernahm Bosch 2009 auch die Johanna Solar, wie Branchenkenner seinerzeit schätzten, für einen Paketpreis von mehr als 150 Millionen Euro. Schon im März 2013 trennte sich Bosch von seiner produzierenden Solarsparte Aleo, behielt aber den Forschungsbereich in Brandenburg.

„Bosch hat seit mehr als drei Jahren alle Optionen umfassend geprüft, wie die Aktivitäten fortgeführt werden können“, teilte ein Bosch-Sprecher gestern mit. Um so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten zu können, habe Bosch seit Mitte 2014 zahlreiche Gespräche mit potenziellen Investoren geführt. Eine wirtschaftlich tragfähige Perspektive für die Bosch Solar CISTech GmbH konnte jedoch keiner dieser Interessenten bieten. Auch die beiden bis zuletzt vorhandenen Interessenten aus China und der Schweiz, mit denen Bosch bis vor wenigen Tagen in Gesprächen gewesen sein soll, hätten kein wirtschaftlich tragfähiges Konzept vorgelegt.

„Werk steht ja nicht in Stuttgart“

Zudem habe Bosch, wie es aus Stuttgart heißt, ergebnislos unterschiedliche Möglichkeiten geprüft, alternative Bosch-Aktivitäten am Standort in Brandenburg anzusiedeln. Für den Betriebsrats-Vize Hergert ist der Grund der Schließung klar: „Das Werk steht nicht in Stuttgart oder Baden-Württemberg sondern im fernen Brandenburg.“

Ziel von Bosch sei es, möglichst sozialverträgliche Lösungen für die verbliebenen 160 Mitarbeiter zu finden. Dazu gehöre auch die Vermittlung von so vielen Mitarbeitern wie möglich innerhalb der Bosch-Gruppe. Zehn Mitarbeiter haben in den vergangenen Monaten bereits eine Anschlussbeschäftigung innerhalb der Gruppe übernommen, weitere zehn Mitarbeiter außerhalb. Allen zehn Auszubildenden am Standort hat Bosch bereits einen Ausbildungsplatz an anderen Bosch-Standorten angeboten, an dem sie ihre Ausbildung fortsetzen können.

Verhandlungen zum Abschluss eines Interessenausgleichs

Die Geschäftsführung ist nun im Gespräch mit den Arbeitnehmervertretern und will die Verhandlungen zum Abschluss eines Interessenausgleichs und Sozialplans für die Mitarbeiter konkretisieren. Diese Regelungen könnten die Einschaltung einer Transfergesellschaft sowie Vorruhestandsregelungen und Abfindungen für ein Ausscheiden aus dem Unternehmen beinhalten. Bereits Freitag soll mit Transfergesellschaften verhandelt werden.

Nicht nur der Betriebsratsvorsitzende Bodo Paetzel ist verärgert darüber, dass nun der letzte Solar-Standort im Unternehmen endgültig schließt. Zumal das Schweizer Investorenkonsortium, das auch durch das Potsdamer Ministerium für Wirtschaft und Energie unterstützt wurde, einem Großteil der Mitarbeiter einen vergleichbaren Arbeitsplatz am n Standort Brandenburg anbieten wollen. Für dieses Konsortium aus der Solar-Branche war sowohl der Standort mit seiner technischen Ausstattung als auch die Qualifizierung der Mitarbeiterschaft von entscheidender Bedeutung. Leider habe der Bosch-Konzern diese Chance für den Erhalt qualifizierter Beschäftigung in der Stadt Brandenburg bewusst vertan, heißt es aus dem Betriebsrat. Geplant war, wie die MAZ berichtete, die Schaffung von zunächst 130, später dann sogar mehreren hundert neuen Arbeitsplätzen auf dem Werksgelände in Brandenburg/Havel.

Unser Ansinnen wurde leider bewusst ignoriert

Betriebsratsvize Frank Hergert meint zum Vorgehen des Bosch-Konzerns: „Wir bitten seit Monaten um eine echte Beteiligung bei solchen Entscheidungsprozessen. Insbesondere für diese Auswahl unter den letzten Interessenten haben wir explizit um ein Gespräch gebeten. Unser Ansinnen wurde leider bewusst ignoriert - vermutlich, um sich keinen unbequemen Fragen stellen zu müssen.“ Bodo Paetzel ergänzt: „Ich bin enttäuscht davon, dass Bosch nicht einmal einem Investor, der den Standort für seine Zwecke nachnutzen und erweitern will, eine faire Chance gibt - stattdessen nimmt man allen Mitarbeiter eine berufliche Perspektive vor Ort und hinterlässt der Stadt eine Investruine.“

Tatsächlich verband die Stadt Brandenburg große Hoffnungen mit dem Einstieg von Bosch vor sechs Jahren. Um so trauriger war am gestrigen Nachmittag Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU). Sie hatte mit der Bosch-Geschäftsführung in Stuttgart gesprochen, konnte diese aber nicht von der Entscheidung zur Schließung abbringen. Auch wenn in der Stadt derzeit etwa 700 Stellen unbesetzt sind, werde es schwierig, insbesondere für die etwa 100 hoch qualifizierten Ingenieure in der Havelstadt Arbeit zu finden.

Bei aller Kritik aus den Reihen der Belegschaft und der Politik: Leicht gemacht hat es sich das Unternehmen Bosch mit der Schließung offenbar nicht. Neben den nun abzuschreibenden mehrstelligen Millionen-Investitionen für den Kauf von Johanna Solar rechnen Branchenkenner mit etwa 20 Millionen Euro Personal-, Sach- und Investitionskosten für das Brandenburger Werk jährlich. Wenn das Werk zum Jahresende schließt, wurde es sechs volle Jahre von Bosch betrieben. Dazu kommen die Kosten für den Rückbau der zum Teil kontaminierten Gebäude und die Kosten für den Personalabbau. Der Gewerkschaftssekretär Bernd Thiele, der für Verdi das Solarprojekt vom ersten Tag an begleitet hat, war gestern, wie er sagt, „stinksauer.“ Mit der Schließung des Werks komme „Bosch seiner unternehmerischen Verantwortung nicht nach.“

Von Benno Rougk

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