Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Schwindelfrei zum Frühjahrsputz

Storchenturm Ziesar Schwindelfrei zum Frühjahrsputz

Frühjahrsputz in luftiger Höhe. Jedes Jahr im März fegen Ziesars Heimatfreunde den 22 Meter hohen Storchenturm. Auf der Turmspitze befindet sich ein großes Nest. Der darunter liegende Wehrgang ist nach jeder Saison mit allem übersät, was bei Familie Adebar aus dem Nest fliegt. Wer in den Turm will, muss schwindelfrei sein.

Voriger Artikel
Sturm haut alten Baum um
Nächster Artikel
Sauwetter behindert Subbotnik

Otto Nittmann fegt den Dreck auf dem Wehrgang des Storchenturms zusammen.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Ziesar. Otto Nittmann hat sein Berufsleben auf Leitern verbracht. Mittlerweile geht der pensionierte Malermeister auf die 82 zu. Bis heute traut er sich in die Höhe. Und das nicht zu knapp. Der Ziesaraner lehnt seine Steckleiter an die Außenmauer des Storchenturms und schaut nach oben. An die sieben Meter Kletterei liegen vor ihm. Dann ist der Hocheingang in den rund 500 Jahre alten Wach- und Wehrturm erreicht. Im Innern des Mauerwerks müssen sich die Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen.

Ein Teil der Vorburg

Der Storchenturm existiert in seiner heutigen Form seit dem Ende des 15. Jahrhunderts. Er hatte die Funktion eines Wach- und Wehrturms und war in die Vorburgmauer integriert. Der ehemalige Maueransatz ist bis heute an der nordwestlichen Seite des Turms zu sehen.

Über eine Treppe ist das Verlies zu erreichen, das nur zu besonderen Anlässen geöffnet wird. Der Legende nach musste der märkische Raubritter Jaspar Gans zu Putlitz dort für seine Verbrechen schmachten. 1999 wurde der Storchenturm umfassend saniert.

Vor dem Turm wurde ein steinerner „Wächter“ aufgestellt. Die Statur stammt aus der Werkstatt des Bildhauers Alexander Calandrelli (1834-1903). Der Geheime Kriegsrat Paul Schneider, dem die Burg Ziesar von 1917 bis 1945 gehörte, erwarb die Figur um 1925.

Im Schein einer Taschenlampe geht es an einer Wachstube vorbei die steinerne Wendeltreppe empor. Die letzten Meter bis zum Austritt auf den kreisrunden Wehrgang unterhalb der kegelförmigen Turmspitze muss Nittmann über eine Holzleiter bewältigen. Noch einmal wird es eng. Dann ist es geschafft. Der Blick auf Ziesar und die höher gelegene Burganlage mit dem größeren Bruder, dem Bergfried, ist frei. Doch wer sich auf den für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Storchenturm quält, will nicht lange die Aussicht genießen, sondern zur Tat schreiten.

Ohne Frühjahrsputz würde der Wehrgang zuwachsen

Ohne Frühjahrsputz würde der Wehrgang zuwachsen. Vereinsvorsitzende Silvia Zimmermann beseitigt jede Menge Strauchwerk.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Es ist eine friedliche Eroberung, zu der vom Kultur- und Heimatverein jedes Jahr im März aufgerufen wird. Zum Feldzug in den Frühjahrsputz gehört das Großreinemachen auf dem 22 Meter hohen Storchenturm. Dieser hat seinen volkstümlichen Namen von den Weißstörchen, die seit Jahrzehnten die Lufthoheit über den einzeln stehenden Rundturm und die benachbarte Burg haben. Seit dem Aufbau einer Nisthilfe auf der Turmspitze 1971 dürften an die 100 Jungstörche in Ziesar das Licht der Welt erblickt haben.

Der Hocheingang zum Storchenturm ist nur über eine Leiter zu erreichen

Der Hocheingang zum Storchenturm ist nur über eine Leiter zu erreichen.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Vor allem die Hinterlassenschaften der Sommergäste sind es, die regelmäßig von den Heimatfreunden beseitigt und zusammengefegt werden. Otto Nittmann und die ihn in luftiger Höhe begleitende Vereinsvorsitzende Silvia Zimmermann haben alle Hände voll zu tun, um in Mauerfugen gekeimtes Strauchwerk zu entfernen. Selbst junge Weidentriebe krallen sich mit ihren Wurzeln zwischen den Steinen fest. Der Boden des Wehrganges ist mit allem überdeckt, was bei Adebars im Laufe einer Brutsaison aus dem Nest fliegt. Darunter Samen von pflanzlichen Baumaterialien, der in jeder feuchten Ritze aufgehen kann. Mit Spachtel säubert das Duo selbst versteckte Ecken. Die Regenabläufe werden mit einem Bambusstab durchstoßen, damit kein Wasser auf dem Turm stehen bleibt. „Wenn wir nicht einmal im Jahr säubern würden, wäre der Gang bald zugewachsen“, berichtet Nittmann.

Ziesars erster Storch ist schon da

Ziesars erster Storch ist schon da. Seit Jahrzehnten nisten die Vögel auf dem sogenannten Storchenturm.

Quelle: Silvia Zimmermann

Es ist nicht zu übersehen, dass auch Wind und Wetter dem Bauwerk zu schaffen machen. Zwar war der Turm 1999 für rund 95 000 Euro umfassend saniert worden, doch hoch oben bröckeln schon wieder Fugen, Putz und Steine. „Nicht mehr lange, dann müssen wieder die Denkmalpfleger ihren Job machen“, meint Vereinsvorsitzende Zimmermann. Nach gut einer Stunde ist der Arbeitseinsatz auf dem Rondell beendet. Die Heimatfreunde treten den beschwerlichen Rückweg über 33 Steinstufen und fast ebenso viele Leitersprossen in Richtung Erdboden an.

Auch das Heimatmuseum auf dem Burggelände wurde von den Kultur- und Heimatfreunden vom Winterstaub befreit

Auch das Heimatmuseum auf dem Burggelände wurde von den Kultur- und Heimatfreunden vom Winterstaub befreit.

Quelle: Silvia Zimmermann

Was dann passierte, war nicht geplant. Kaum hatte Otto Nittmann die Leiter auf seinem Handwagen verstaut, landete die Vorhut von Familie Adebar auf dem Nest. So früh kehrte schon lange kein Storch aus dem Winterquartier nach Ziesar zurück. Die Heimatfreunde deuten den überraschenden Anflug als Dankeschön der Vögel für ein aufgeräumtes Vorzimmer. Einen Sommer lang gehört der Turm wieder ganz alleine ihnen.

Von Frank Büstenbinder

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg/Havel

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg