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Selbst die Horrorfilmer hatten Angst

Verkehrsbetriebe heute modernes Unternehmen Selbst die Horrorfilmer hatten Angst

Werner Jumpertz ist der Inbegriff einer rheinischen Frohnatur. Der Kölner kam vor 23 Jahren in den Osten und übernahm vor 17 Jahren die Verkehrsbetriebe der Stadt Brandenburg an der Havel. Nun geht er in den Unruhestand - und bleibt den Brandenburgern auch nach dem Ende seiner Amtszeit weiter erhalten.

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Werner Jumpertz mit BKC-Präsidentin Jacqueline Damus vor seiner VBBr-Endhaltestelle.

Quelle: André Wirsing

Brandenburg an der Havel. Werner Jumpertz kann selbst traurige Geschichten so schön erzählen, dass seine Zuhörer lachen müssen. Als der Betriebshof der Verkehrsbetriebe VBBr noch in der Bauhofstraße betrieben wurde, stampfte dort das älteste Kohlekraftwerk der Stadt. Eines Tages kam eine Anfrage von einer Filmgesellschaft: Sie hätten gehört, die Location eigne sich für einen Horrorfilm. Nach dem Besichtigen winkten sie ab: „Das war selbst ihnen zu gruselig.“

Wer Jumpertz auf seine rheinische Frohnatur, auf seinen Fundus solcher Schmonzetten reduziert, irrt gewaltig. Er ist viel mehr kühler Rechner, gewiefter Taktiker und standfester Streiter als die meisten vermuten. Als Meisterleistungen rechnen ihm die Experten und Kollegen beispielsweise den Schnäppchenkauf zweier neuwertiger Straßenbahnen zum halben Preis einer neuen an.

Das „Langläuferprogramm“ mit dem Restaurieren von zehn Tatra-Bahnen bis zum Jahr 2017 ohne Kredite wird landes- und bundesweit respektvoll betrachtet. Er musste „die schönste Straßenbahnstrecke Europas“ von der Anton-Saefkow-Allee nach Plaue und Kirchmöser schließen, „aber wir können nicht ewig leer an Fuchs und Hase und viel Wasser vorbei mit diesem aufwendigen System Tram kutschieren“.

Ein kühler Rechner und gewiefter Taktiker

Linien wurden unter seiner Regie optimiert, Takte verlängert – nach zwischenzeitlichem Abwandern vieler Fahrgäste sind es heute wieder stabil acht Millionen Passagiere im Jahr. Werner Jumpertz organisierte Kundenbindung um beinahe jeden Preis – auch wenn es wie 2008 das erste Brandenburger Sommer-Bobrennen in der Steinstraße sein musste. Und die Volksvertreter traktierte er wenigstens einmal im Jahr: Beim Vorstellen seines Vbbr-Wirtschaftsplanes zwang er sie, sich seine Nöte anzuhören. „Ich habe sie gefragt, ob sie die kurze oder die lange Fassung hören wollten. Wenn sie ,kurz’ gesagt haben, bekamen sie die lange Version. Das war ich ihnen schuldig.“

Obwohl selbst notorischer Autofahrer mit „Bleifuß“ lebt Jumpertz für „seine“ VBBr. Er kann auch grantelig sein, wenn es Stress im Unternehmen gibt. Jeder Konflikt wurde am Ende friedlich beigelegt. Der gebürtige Rheinländer kann nämlich nicht nur austeilen, sondern auch einstecken.

Acht Millionen Fahrgäste

Im September 1998 übernahm Jumpertz die VBBr mit 225 Beschäftigten und einem Kostendeckungsgrad von 35 Prozent.

Heute sind es acht Millionen Fahrgäste und 142 Mitarbeiter, die 60 Prozent der Kosten selbst erwirtschaften.

1999/2000 wurde unter seiner Regie für 35 Millionen Mark der neue Betriebshof in Hohenstücken gebaut.

Seit 2011 wurden Verkehrsanlagen am Hauptbahnhof umgebaut, ein Zentraler Omnibusbahnhof errichtet, der Nicolaiplatz umgebaut: Zehn Millionen Euro Kosten.

Höhepunkt war die Buga 2015 mit der neuen Linie 8 und der Kombi-Linie 12, die tadellos funktionierten.

Diese Nehmerqualitäten musste er vor allem in der eigenen Partei beweisen. Als Jumpertz es wagte, um den SPD-Vorsitz seinen Hut in den Ring zu werfen, keiften und keilten zwei Genossinnen und stellten ihn in die Jecken-Ecke. Jumpertz war verletzt, aber nicht beleidigt. Als Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) am Dienstag zu seiner Verabschiedung süffisant anmerkte, es hätte noch eine andere Partei gegeben, die seine Verdienste zu schätzen wusste, ergänzte Jumpertz nur in Richtung SPD-Fraktionschefin Britta Kornmesser: „Es ist nicht immer leicht, diese Farbe nach außen zu vertreten“.

Langweilig wird Jumpertz nun nicht: Er ist Vorsitzender des Stadtsportbundes mit 100 Vereinen, „nebenbei“ Flüchtlingskoordinator, Senatskanzler beim Karnevalsclub BKC und gefragter Experte in unzähligen Personenverkehrsgremien. Und er wird gespannt die unter seiner Ära unvollendeten Projekte verfolgen – beispielsweise den behindertengerechten Umbau der restlichen Haltestellen.

Von André Wirsing

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