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Sie lädt in Brandenburgs kleinste Kirche

Hauskapelle im Bauwagen Sie lädt in Brandenburgs kleinste Kirche

Brandenburgs kleinste Kirche steht in Buckau (Potsdam-Mittelmark). Dort hat Roswitha Wipf einen alten Bauwagen zur Hauskapelle umgebaut. Nach mehreren Schicksalsschlägen findet sie im Glauben Kraft und Trost. Jeden Freitag gibt es eine öffentliche Andacht. Der evangelische Pfarrer hat damit kein Problem.

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Roswitha Wipf spielt vor der Bauwagen-Kirche auf der Mundharmonika.
 

Quelle: Frank Bürstenbinder

Buckau.  Wenn Roswitha Wipf (61) dem Herren nahe sein will, tritt sie vor die Haustür, zieht ihre Mundharmonika aus der Tasche und spielt „Nun danket alle Gott“. Meistens ist sie mit dem Choral allein. Doch manchmal pilgern Leute zu dem einsamen Anwesen außerhalb der Ortslage. Jeden Freitagabend um 19 Uhr lädt die fromme Frau zu einer öffentlichen Andacht in ihre Hauskapelle ein, die einmal ein Bauwagen war. In der umgerüsteten Arbeiterunterkunft liest Roswitha Wipf aus der Bibel, gemeinsam wird gesungen und gebetet.

Roswitha Wipf läutet die Glocke

Roswitha Wipf läutet die Glocke.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Kleine Nikolaikirche nennt die Buckauerin ihren Herrgottswinkel. Zum Andenken an den tödlich verunglückten Freund ihres Sohnes Andreas. Der tragische Vorfall war für Roswitha Wipf Anlass ein schon lange gehegtes Vorhaben in die Tat umzusetzen. Was für andere Gläubige die christliche Zimmerecke in der bäuerlichen Wohnstube ist, steht im Buckauer Hof auf vier Rädern. Sohn Andreas, ein gelernter Fensterbauer, hat das geschlossene Heck durch zwei bodentiefe Fenster ausgetauscht und mit einer Querlatte versehen. Fertig war das Kruzifix. Die Rundbogenabdeckung wurde durch ein Spitzdach ersetzt. Über der Eingangstür schwebt der aus Latten und Vierkanthölzern gezimmerte Glockenturm. Nur das Geläut fehlt noch.

Eine der ältesten Kirchen

Roswitha Wipf wuchs in Baden-Württemberg in einer katholischen Familie auf. Heute gehört die 61-Jährige einer Freikirchlichen Gemeinde in der Stadt Brandenburg an. Regelmäßig besucht die Buckauerin die Gottesdienste der Evangelischen Kirchengemeinde in Buckau und im Pfarrspiel Wollin/Flämingtor.

Buckau war eines der Dörfer mit einem deutschen beziehungsweise flämischen Burgward im Vorfeld der Burg Ziesar. Die feldsteinerne Kirche ist eines der ältesten Gotteshäuser in der Mark Brandenburg, wie ein Grabstein vor dem Altar belegt. Der Ursprung geht bis auf das Jahr 1200 zurück. 1870 wurde die Kirche durch den Architekten Werner vollkommen erneuert.

Dafür bimmelt Roswitha Wipf in ihren heiligen vier Wänden mit einer unterm Dach hängenden Keramikglocke, die ihr der ehemalige Rottstocker Forellenteichbetreiber Andreas Franke vermachte. Dann gibt es noch ein handliches Exemplar aus Bronze, dessen heller Klang den gesamten Raum einnimmt.

Blick in die Bauwagenkirche

Blick in die Bauwagenkirche.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Je nach Jahreszeit schmückt Roswitha Wipf ihre Kirche mit Naturmaterialien aus. Jetzt sind es Tannenzweige, Erika, Alpenveilchen und Äste von Beerensträuchern, die zusammen mit vielen Kerzen bunte Heiligenbilder ersetzen. Auf einem Schränkchen liegt die Bibel. Als Gestühl dienen drei zu einer Bank zusammengestellte Baumkloben und zwei zu Boden gelegte Arbeitsböcke, die mit Campingauflagen gepolstert sind. Einen Altar oder einen ans Kreuz geschlagenen Jesus gibt es in dem Rückzugsort nicht. „Jesus ist auferstanden. Deshalb ist für mich allein das Kreuz als Symbol des Christentums ausschlaggebend“, so die Buckauerin.

Näharbeit auf einem in der Hauskapelle hängenden Leinentuch

Näharbeit auf einem in der Hauskapelle hängenden Leinentuch.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Mit Ehemann Herbert und mehreren Kindern kam Roswitha Wipf 1992 nach Buckau. Die Familie hatte ihren Hof im baden-württembergischen Jestetten nahe der Schweizer Grenze aufgegeben, weil es für den Betrieb zu eng wurde. Die Wipfs brachten 650 Mutterschafe und 250 Milchkühe mit in den Osten, um sich auf den Flächen der untergegangenen LPG ein neues Leben aufzubauen. Sie gründeten den Buckauer Hof. Ein finanzieller Kraftakt, der am Ende scheiterte. 1994 kam der vierjährige Sohn Markus bei einem Unfall ums Leben. Vor neun Jahren folgte der frühe Tod von Ehemann Herbert.

 Heute lebt Roswitha Wipf von zwei Mini-Jobs und einer Grundsicherung. Zwei Söhne, eine im Dorf lebende Tochter und zwei Enkel sind ihr geblieben. In ihrer persönlichen Kirche findet sie Kraft, Ruhe und Trost im Glauben. Trotzdem versäumt sie keinen Gottesdienst in der Buckauer Kirche oder im Pfarrsprengel. Roswitha Wipf ist Mitglied im Kirchenförderverein und im Projektchor des Kirchenkreises. „Sie ist immer da, wenn sie gebraucht wird“, freut sich Pfarrer Thorsten Minuth. Der Seelsorger aus Wollin kennt den blauen Bauwagen mit dem Kreuz an der großen Scheibe. „Andere richten sich einen Kraftraum oder ein Lesezimmer ein. Die Hauskapelle von Frau Wipf ist gelebte Spiritualität, die mich anrührt“, so Minuth.

Von Frank Bürstenbinder

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