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Spektakulär: Die Speicherstadt von Neuendorf

Archäologischer Jahresrückblick Spektakulär: Die Speicherstadt von Neuendorf

Seltsame Wortklaubereien betreiben Archäologen: Ein Befund ist eine Fundstelle, was aber noch nicht heißt, dass es einen Fund im materiellen Sinn gibt. Dennoch gibt es sensationelle Erkenntnisse auch ohne Scherben und Knochen. Das bewies der archäologische Jahresrückblick in Brandenburg an der Havel auf beeindruckende Weise.

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Auf dem Windmühlenberg außerhalb der Siedlung wurden Kornvorräte gelagert.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Manchmal geraten selbst Archäologen in Erklärungsnot gegenüber den Bauherren. 65 kreisrunde Gruben hat Archäologe Stefan Dalitz freigelegt, auf die laienhafte Frage des Eigentümers „Und?“ konnte er nur mit einem ebenso konkreten „Jein“ antworten. „Viel Arbeit, wenig zum Mitnehmen.“ Aber sensationelle Erkenntnisse. Auf besagtem Bauplatz am Neuendorfer Windmühlenberg erschloss sich der Wert der Grabung erst später an dem einzigen Fundstück. Das hatte Dalitz aus Hunderten Tonscherben zusammengepuzzelt und geklebt - es wurde ein halbmeterhoher Krug, ein Vorratsgefäß.

Seit einigen Jahren führen die Archäologen eine neue Denkmalgattung, den Speicherplatz. Um das Jahr 1500 kamen die Menschen auf die Idee, Vorräte professionell zu lagern. „Da waren Lagerzeiten von 20 Jahren und mehr drin. So wurde das besagte Speichergut erst 1524 für Neuansaat und Lebensmittel wiederverwendet, weniger als 20 Prozent der eingelagerten 40 Tonnen Korn waren verdorben, zitiert Dalitz aus alten Aufzeichnungen. Genau wie beschrieben, bauten die Siedler sogar Häuser über den Gruben beziehungsweise Winden zum Ein- und Ausheben.

Die Pfostenlöcher der Aufbauten hat er teilweise nachgewiesen. In einiger Entfernung am heutigen Anger befand sich die eigentliche Siedlung Neuendorf. „Es war logisch, den Speicherplatz abgelegen auf einer Anhöhe einzurichten. Würde die Siedlung niederbrennen, blieben wenigstens die Vorräte übrig.“ So ist es plausibel zu erklären, warum geometrisch angeordnete und akkurat hergestellte tiefe Gruben beinahe ohne echte Funde blieben. Die sind längst verspeist.

22 Jahre

Bereits im 22. Jahr ununterbrochen haben die Archäologen ihren Jahresrückblick am dritten Donnerstag im Januar vorgestellt.

Das Spektrum reicht dabei von der Stein- bis in die Neuzeit.

Die Ausgräber stellen ihre Ergebnisse jeweils selbst in bilderreichen, aber kurzen Beiträgen vor.

Dabei gibt es auch erstaunliche Erkenntnisse: Der Tote aus dem jungsteinzeitlichen Hockergrab war 45 bis 60 Jahre alt, er hatte eine gut verheilte, aber schiefe Schienbeinfraktur, zudem deuteten Hypoplasien am Zahnschmelz auf Stress in seiner Kindheit, hat Anthropologin Bettina Jungklaus herausgefunden.

Ähnlich kriminalistisch musste Stadtarchäologe Joachim Müller ans Werk gehen, um seine Theorie zu erhärten: Seit Jahrzehnten nun sucht er nun schon das einstige Dorf Luckenberg. Die Neuendorfer Straße, der Nicolaiplatz und Teile des Parks um die Nikolaikirche sind im Zuge der jüngeren Bauarbeiten komplett wie ergebnislos durchgegraben. Im vorigen Jahr musste am Haus Nicolaiplatz 27 das Fundament beim Sanieren freigelegt werden.

In der einstigen Direktorenvilla des Zuchthauses sind heute die Kinder der Kita „Kleine Strolche“ untergebracht. In einem schmalen Streifen hat Müller mehrere Zäune, Gruben und eine Gehöft nachgewiesen – aber auch nur an Hand von Spuren in den Kulturschichten. Vielleicht das slawische Dorf Luckenberg. Es wäre logisch, so nahe am Ufer der Havel. Aber ungewöhnlich, weil 200 Meter von der Kirche entfernt. Erst über die spätere Zeit gibt es gesicherte Erkenntnisse: Die Kirche wurde vor 1174 gebaut, 1298 erfolgte die Eingemeindung der deutschen Siedlung Luckenberg in die Altstadt.

Der archäologische Jahresrückblick 2015 am Donnerstagabend im ungeheizten Rolandsaal mit 150 Besuchern bot Spektakuläres wie der Hockergrabfund bei Lafim an der Potsdamer Landstraße, im „archäologischen Nationalpark Schmerzke neben bronze- und kaiserzeitlichen Spuren nun auch die der Slawen und des deutschen Mittelalters. Aber auch die spannenden Thesen, die nicht beim ersten Hinsehen erkannt werden.

Von André Wirsing

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