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Stadt will Grabstelle der Reichsteins retten

Brandenburg an der Havel Stadt will Grabstelle der Reichsteins retten

Die Grabstätte Carl Reichsteins in Brandenburg an der Havel ziert dichter Efeubewuchs. Das ist vielleicht schön anzusehen. Ein Problem sind die wuchernden Pflanzen aber, denn die Grabstätte aus den 1910er Jahren ist dringend restaurierungsbedürftig. Nun werden Spender gesucht, um das Grab zu restaurieren.

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Martin Mitrenga, Leiter des Neustädtischen Friedhofs, hofft auf Spenden für die Restaurierung der Grabstelle von Carl Reichstein.

Quelle: Britta Kessing

Brandenburg/H. Die Säulen hat es fest umschlungen, wuchert in deren Ritzen. Es macht sich in der Hecke breit und den Boden hält es ohnehin bedeckt: Die Grabstätte Carl Reichsteins auf dem Neustädtischen Friedhof ziert dichter Efeubewuchs. „Das ist vielleicht schön anzusehen“, sagt Martin Mitrenga, Leiter des Gottesackers, während er auf die neoklassizistische Anlage blickt. Freude kommt bei ihm dabei allerdings nicht auf, denn die Grabstätte aus den 1910er Jahren ist dringend restaurierungsbedürftig – und eines der Hauptprobleme dabei das Efeu.

„Das geht in jede Ritze“, erklärt Mitrenga. Vor rund 20 Jahren sah das noch ganz anders aus, waren die Figuren auf den Muschelkalk-Pfeilern der Kolonnaden noch bestens zu erkennen. Nun verschwinden sie zum Teil gänzlich unter der Efeuschicht. Doch das soll sich bald ändern: Die Stadt hat zu Spenden für die Restaurierung der „denkmalgeschützten, stadt- und kunsthistorisch bedeutenden Grabanlage“ aufgerufen. Am 23. Februar 2017 jährt sich der Geburtstag von Carl Reichstein, Ehrenbürger der Stadt Brandenburg. Im Zuge dessen soll die Grabanlage wieder in altem Glanz erstrahlen.

Auf rund 11 500 Euro werden sich die Kosten für die dafür notwendigen Arbeiten laut der Stadtverwaltung belaufen. „Der das Grabmal stark überwuchernde Efeu muss vollständig entfernt werden. Das Grabmal ist substanzschonend zu reinigen, neu zu verfugen, Vierungen sind zu ergänzen und zahlreiche gelockerte und lose Elemente müssen neu versetzt werden“, heißt es auf MAZ-Anfrage. Um die Grabanlage dauerhaft zu erhalten und die Standsicherheit zu gewährleisten, müsse dabei auch ein Tragwerksplaner einbezogen werden.

Der genaue Zustand der Grabanlage lässt sich aber wohl erst ohne Grünbewuchs feststellen. „Es ist noch nicht einzuschätzen, inwiefern das Efeu Dinge zusammenhält“, meint Mitrenga. Alles zu lassen, wie es ist, sei aber keine Option. Dann würde das Grabmal irgendwann instabil. Und schließlich ist die Grabstätte ein eingetragenes Denkmal. So wie 37 weitere Grabmäler auf dem Neustädtischen Friedhofs, der insgesamt als Flächendenkmal gilt und dessen gärtnerische Gesamtanlage, Einfriedung und Kapelle sowie die Einfassung der Gräber ebenfalls unter Denkmalschutz stehen.

Mitrenga verweist zudem auf die Person Carl Reichstein als eine wichtige Persönlichkeit der Stadtgeschichte. Nicht zuletzt auch deshalb sei die Grabstätte erhaltenswert. „Ortsgeschichtliche Bedeutung kommt dem Friedhof insofern zu, als hier eine große Anzahl stadtgeschichtlich bedeutsamer Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft ihre letzte Ruhestätte gefunden haben“, erfährt man denn auch in einem Flyer zum Neustädtischen Friedhof. Und eben eine solche Persönlichkeit war Carl Reichstein zweifelsohne.

Der Unternehmer war Mitbegründer und Inhaber der Brennabor-Werke, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum größten Kinderwagenhersteller Europas entwickelten. Auch die übrigen Produktionszweige Fahrräder, Motorräder und Automobile erlangten Weltgeltung. Auf den Seiten der Stadt sowie der Interessengemeinschaft Brennabor lässt sich die Firmengeschichte nachlesen: Die Brüder Adolf, Hermann und Carl Reichstein gründeten 1871 eine Fabrik zur Herstellung von handgeflochtenen Korb- und Kinderwagen.

25 Jahre später fertigten 1800 Mitarbeiter jährlich etwa 75 000 Kinderwagen. Es folgten Fahrradherstellung und der Bau von Motorfahrzeugen. Bis Mitte der 1920er Jahre entwickelten sich die Brennabor-Werke dabei zu Deutschlands größtem Automobilhersteller und exportierten weltweit. In Weltkriegsjahren war das Werk Zulieferer für die Rüstungsindustrie und wurde dann 1946 von der sowjetischen Militärverwaltung demontiert. Mitbegründer Carl Reichstein wurde 1921 die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen. Anlass war die Stiftung eines Fürsorgeheims für Kinder. Zehn Jahre später verstarb der Unternehmer. Neben ihm sind in der Grabstätte Emma (1864 bis 1940), Fritz ( 1890 bis 1917) und Carl-Ernst (1925 bis 1945) Reichstein in der Familiengrabstätte beerdigt.

Nachfahren der Reichsteins hatten das Grabmal 1990 zuletzt restaurieren lassen. Da sie aber weit entfernt leben, haben sie inzwischen das Nutzungsrecht abgegeben. Seitdem ist die Grabstelle Eigentum des Neustädtischen Friedhofs, um Pflege und Erhalt kümmert sich aber die Stadt.

Wer diese bei der Restaurierung unterstützen möchte, kann gerne spenden. „Es wäre ein großer Erfolg, wenn die Restaurierung noch 2017 fertig gestellt werden könnte“, sagt Anja Castens von der Fachgruppe Denkmalschutz. Sie schätzt, dass die entsprechenden Arbeiten etwa ein bis zwei Monate dauern werden und hofft, dass durch den Spendenaufruf viele Unterstützer gewonnen werden. Denn bevor die Arbeiten beginnen können, müssen noch rund 6000 Euro zusammen kommen.

Die andere Hälfte der für die Restaurierung notwendigen Gelder von insgesamt rund 11 500 Euro wurden bereits durch Investor Wilhelm Schomaker zugesichert. Das zur Schomaker-Firmengruppe gehörende Unternehmen SD Invest richtet für die Deutsche Rentenversicherung in dem denkmalgeschützten Ensemble der Brennaborhöfe die Behördendienstgebäude her. Anschließend vermietet sie die Brennaborhöfe langfristig an die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA), besser bekannt als Riesterbehörde.

Wie die Grabanlage künftig bepflanzt wird, ist indes noch nicht klar. Einem erneuten Wildwuchs des Efeus soll aber in jedem Fall Einhalt geboten werden, verspricht Castens.

Von Britta Kessing

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