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Brandenburg/Havel Stimmungsaufheller für einen Siebenjährigen
Lokales Brandenburg/Havel Stimmungsaufheller für einen Siebenjährigen
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02:16 21.10.2017
Das ist der Auszeit-Raum, in dem sich Kinder beruhigen sollen, wenn sie nach Eskalationen nicht mehr zu beherrschen sind. Quelle: Fotolia (Symbolbild)
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Brandenburg/H

Eine Mutter aus Brandenburg an der Havel hat die Behandlung ihres sieben Jahre alten Sohnes in der Kinder-und Jugendpsychiatrie von einem auf den anderen Tag abgebrochen. Der Grund: Ohne Absprache mit der Mutter hat die Klinik dem Kind einen Stimmungsaufheller verabreicht, ein sogenanntes Antidepressivum. Obwohl die Klinik den Fehler sofort einräumte, ist das Vertrauen verschwunden.

Der kleine Benedikt (Name geändert) wurde mehrere Wochen lang in der Kinder- und Jugendpsychiatrie von Asklepios auf dem Görden behandelt, zunächst tagesklinisch, später stationär. Der Junge hat an seinem früheren Wohnort Berlin schwere Zeiten durchlebt, die sich auf sein Verhalten auswirken.

„Sehr oft frustriert und negativ gestimmt“

Allerdings bleibt auch in der Fachwelt Skepsis: „Die fehlenden und verfälschenden Veröffentlichungen führen zu dem Ergebnis, dass die Pharmaka in dieser Altersgruppe– möglicherweise auch Fluoxetin – wahrscheinlich gefährlicher und weniger effektiv sind als bisher bekannt“, wird der australische Jugendpsychiater Jon Jureidin in dem Fachmagazin zitiert.

Benedikt sollte Fluoxitin laut Chefärztin Eckhart-Ringel erhalten, da er oft sehr frustriert und negativ gestimmt mit negativer Erwartungshaltung erlebt wurde. Auch habe er oft eine Unruhe gezeigt, die ebenfalls im Kindesalter bei Depressionen auftreten könne. Die Ärztin: „Gerade bei Jungen verbergen sich depressive Symptome auch hinter deutlich aggressivem, abwehrendem Verhalten, wie es auch das Kind gezeigt hat.“

Wenn die gewünschte Wirkung eingetreten wäre, hätte der Junge den Stimmungsaufheller in der Klinik über einen Zeitraum von einem halben bis ganzen Jahr bekommen, permanent überwacht und kombiniert mit Verhaltenstherapie und anderen Hilfen.

Benedikt erlebte den Dauerstreit zwischen seiner Mutter und seinem türkischen Stiefvater mit, musste wiederholt mit der Mutter vor dem Mann in den Keller fliehen, folgte seiner Mutter ins Frauenhaus und litt immer wieder darunter, dass sein Stiefvater nur ein Herz für seine eigenen Kinder hatte, aber nie für ihn.

Seine aufgestaute Trauer äußerte sich in Frust und Aggressionen, auch in Kraftausdrücken, die nicht zu einem Sechs- oder Siebenjährigen passen. Benedikts Schule macht Mutter Gina Böhlert (Name abgeändert) auf das Problem aufmerksam, auch auf die Gewaltausbrüche und den häufigen Streit mit Mitschülern, die den schwierigen Jungen ablehnten.

Die 35 Jahre alte Brandenburgerin suchte die Hilfe der Fachklinik. Sie streitet nicht ab, dass vieles für ihr Kind alles andere als glücklich gelaufen ist. Weil er zu Hause aber nicht sonderlich schwierig und lieb zu seinen beiden jüngeren Schwestern sei, hoffte sie auf positive Veränderungen.

Nach Schilderung der Mutter fanden die Therapeuten in der Klinik jedoch keinen rechten Zugang zu ihrem schwierigen Kind, was sie auch auf den urlaubsbedingten Wechsel seiner Bezugspersonen im Krankenhaus zurückführt.

Hintergrund

Die verabreichte Tablette heißt Fluoxitin und dient der Stimmungsaufhellung. Das Antidepressivum ist verbreitet, allerdings für Kinder unter acht Jahren nicht zugelassen. Benedikt ist sieben Jahre.

Eine zulassungsüberschreitende Anwendung (off-label-use) von Arzneimitteln ist Ärzten gleichwohl erlaubt, die Krankenkassen müssen dafür aber nicht in jedem Fall bezahlen.

Fluoxitin ist womöglich das beste unter allen Antidepressiva, die Kindern verabreicht werden. Das legt eine Studie nahe, die 2016 in der renommierten Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlicht wurde.

Jedenfalls blieb Benedikt auch in der Klinik das schwierige Kind, dem die wechselnden Therapeuten zumindest in der kurzen Zeit nicht entscheidend helfen konnten. Benedikt machte sich auch im Krankenhaus offenbar keine Freunde unter den anderen Kindern, blieb verschlossen, missmutig und abwehrend.

Die dortige Chefärztin Annegret Eckhart-Ringel schätzt die Störung bei Benedikt als gravierend ein. Sie versichert, dass bei ihm eine Depression diagnostiziert wurde, die behandlungsbedürftig ist. Das Kind sei zunächst ohne Medikamente behandelt worden, etwa mit Verhaltenstherapie.

Aus ihrer Sicht stellte sich eine kleine Verbesserung ein, die sie auf die therapeutische Arbeit zurück führt. Diese Fortschritte seien jedoch „so kleinschrittig und in der Dynamik so langsam, dass eine medikamentöse Unterstützung angedacht war“.

An diesem Punkt geschah, was nicht hätte passieren dürfen. „Zu unserem großen Bedauern müssen wir einräumen, dass dem Kind einmalig am Freitagmorgen (6. Oktober) ein Antidepressivum gegeben wurde“, führt die Chefärztin aus.

Der Stimmungsaufheller, der dem Kind Licht in seiner Dunkelheit zeigen sollte, sei medizinisch berechtigt (indiziert) gewesen.Doch tatsächlich habe die Klinik die von den Eltern grundsätzlich einzuholende Zustimmung zur Verabreichung des Medikaments noch nicht eingeholt gehabt.

Die Pflegerin, die als erfahren und gewissenhaft gilt, war den Klinikangaben davon ausgegangen, dass die Zustimmung vorliegt. Sie versäumte, die Patientenakte zuvor zu prüfen. Als der Fehler bemerkt wurde, informierte der diensthabende Arzt die Familie des Jungen, anschließend entschuldigte sich die Chefärztin und ihr Team bei der Familie.

„Ich hätte niemals zugestimmt, dass mein Sohn Stimmungsaufheller bekommt“, sagt Gina Böhlert, die an der Diagnose Depression ihre Zweifel hatt. Sie ist entsetzt, dass ihr Junge über Monate mit Tabletten behandelt werden sollte, die für Kinder unter acht Jahren nicht zugelassen sind (s. Infokasten).

Benedikts Familie hat inzwischen eine Therapeutin außerhalb der Klinik gefunden, die ihrem Sohn ohne solche Tabletten helfen soll. Deshalb möchte sie derzeit nicht auf die ausgestreckte Hand der Klinik eingehen, die jederzeit bereit ist, Benedikt weiter zu behandeln – auch ohne die Antidepressiva.

Das einzige, was die Familie positiv vermerkt, ist die prompte Information der Klinik über den Fehler und die Entschuldigung. Doch das Vertrauen ist empfindlich gestört, auch wegen des Raumes, den die Familie „Gummizelle“ nennt, in die Benedikt gesteckt worden sei.

Auf Nachfrage erklärt die Chefärztin, dass es in ihrer Klinik keine Gummizelle gebe. Gemeint seien offenbar Räume für eine „Auszeit“. Die Nutzung dieses „Time-Out“-Raumes unterliegt ihren Angaben zufolge strengen Regeln und diene bei Kindern, bei denen Erregungszustände auftreten, zum Schutz vor sich und anderen.

Eckhart-Ringel: „Bei Patienten, bei denen häufiger Erregungszustände auftreten, bedarf es einer richterlichen Genehmigung, die wir in solchen Fällen auf Antrag der Sorgeberechtigten einholen.“ Wenn die Tür in besonderen Situationen geschlossen wird, betreue das Pflegepersonal das Kind einzeln und ohne Unterbrechung.

„Im Fall von Benedikt kam es im Rahmen einer Eskalation zweimalig zu einer etwa zehnminütigen Auszeit in diesem Raum, allerdings bei offener Tür“, berichtet die Fachärztin. In anderen Situationen, in denen er schwer erreichbar war, hätten „begleitete Zimmerzeiten in seinem Patientenzimmer“ wieder zur Beruhigung geführt.

Von Jürgen Lauterbach

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