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Stress und grauer Star: Bach und seine Leiden

Reckahn Stress und grauer Star: Bach und seine Leiden

Der Musiker Johann Sebastian Bach hatte wohl Zeit seines Lebens Stress, litt im Alter unter grauem Star und zunehmender Blindheit. Viel mehr hat die Forschung zu den körperlichen und seelischen Befindlichkeiten Bachs noch nicht herausgefunden. Claus Köppel verstand es trotz überschaubarer Faktenlage, seine Zuhörer in Reckahn zu begeistern.

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Claus Köppel am Hitchcock-Spinett im Reckahner Schloss.

Quelle: Christine Lummert

Reckahn. Bach hatte wohl Zeit seines Lebens Stress, litt im Alter unter grauem Star und zunehmender Blindheit. Gestorben ist der weltberühmte Musiker am 28. Juli 1750 in Leipzig an einem Schlaganfall, der in zeitgenössischen Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert noch als Schlagfluss bezeichnet wurde.

Viel mehr hat die Forschung zu den körperlichen und seelischen Befindlichkeiten Johann Sebastian Bachs noch nicht herausgefunden. Claus Köppel, der ehemalige Chefarzt der Klinik für Innere Medizin-Geriatrie am Vivantes Wenckebach-Klinikum in Berlin, verstand es trotz überschaubarer Faktenlage, seine Zuhörer im Schloss Reckahn mit einem Vortrag über „Johann Sebastian Bach und seine Krankheiten“ zu begeistern.

Silke Siebrecht-Grabig, die Leiterin der Reckahner Museen, hatte Köppel für die regelmäßig stattfindende Konzert- und Vortragsreihe „Reckahner Leckerbissen“ gewinnen können. Zur Untermalung seines Referats brachte der Chefarzt im Ruhestand ein historisches Instrument mit. Auf dem Hitchcock-Spinett von 1724 spielte Köppel Teile von Bachs unvollendet gebliebener Kunst der Fuge.

Etwa 25 Zuhörer lauschten fast zwei Stunden lang, von den ersten Musiktönen bis zur letzten beantworteten Frage aus dem Publikum, den sehr unterhaltsam dargebrachten Überlegungen Köppels. „Aus der Faszination für die Musik von Bach entsteht bei vielen natürlich immer wieder der Wunsch, auch der Person hinter dem großen Werk nahe zu kommen“, sagte Köppel.

Dieser Versuch treibt manchmal auch etwas seltsame Blüten. Da wird einmal verkündet, die Brille von Bach sei gefunden worden, bis sich herausstellt, dass die Sehhilfe aus dem 19. Jahrhundert stammt. Eine andere für wahr befundene Entdeckung soll nach der Exhumierung des angeblichen Skeletts von Bach im Jahr 1894 gemacht worden sein. Das Skelett wies Fersensporne auf und nachdem bei einer Röntgenuntersuchung eines Thomaskantors aus dem 20. Jahrhundert derselbe Befund gemacht wurde, hielten einige das für eine typische Organistenkrankheit, die durch besonders enthusiastisches Treten der Orgelpedale entsteht. „Das sind Fehlschlüsse, vor denen man sich, bei aller Begeisterung für den Künstler, hüten sollte“, sagte Köppel.

Dass Bach unter Stress stand, kann schon eher als Hypothese angenommen werden. Zehn seiner 20 Kinder erreichten das Erwachsenalter und mussten ernährt werden. Als Thomaskantor war Bach jeden Sonntag für die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste in vier Leipziger Kirchen zuständig und musste wöchentlich neue Kantaten schreiben. Unter der Woche kam die musikalische Ausbildung von 56 Jungen des Thomanerchores hinzu. Aus erhaltenen Briefen an einen Jugendfreund ist zu sehen, dass wohl das Geld manchmal knapp war.

Anhand einiger Statistiken über die Lebenserwartung im 18. Jahrhundert zeigte Köppel, dass Bach mit 65 Jahren relativ lange gelebt hat und an der Alterskrankheit grauer Star litt. Die Beschreibung des Linsenstechens, die als Operation damals möglich war und der sich auch Bach unterzog, tat aber schon beim Zuhören weh.

Von Christine Lummert

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