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"Suizide waren nicht zu verhindern"

Interview mit amtierender JVA-Leiterin in Brandenburg "Suizide waren nicht zu verhindern"

Die vier Selbstmorde im vergangenen Jahr in der JVA Brandenburg wären nicht zu verhindern gewesen, sagt die amtierende Leiterin Petra Wellnitz. Die 46-Jährige ist die erste Frau, die das Gefängnis, in dem nur Männer einsitzen, leitet. Erstmals stellt sie sich in dieser Funktion einem Interview.

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Petra Wellnitz ist Chefin über 270 Gefangene und 290 Mitarbeiter in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg.
 

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brandenburg/H.  Seit fast zwei Jahren ist Petra Wellnitz mit der kommissarischen Leitung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brandenburg betraut. Hermann Wachter ist nach wie vor Leiter, doch von dieser Position seit Anfang 2014 entbunden. In Petra Wellnitz’ Büro hängen als Dekoration Schilder mit den Sprüchen: „Ihr könnt mich alle mal“, „Ich war es nicht“, „Wir können über alles reden“ und „100 Prozent beratungsresistent“, dazu farbenprächtige Wandbilder in Gitteroptik, gemalt von verurteilten Sexualstraftätern.

Frau Wellnitz, vier Häftlinge haben sich 2015 in der JVA Brandenburg umgebracht. So viele wie in keinem der vergangenen fünf Jahre. Was für Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Petra Wellnitz: Keiner dieser Suizide hätte sich verhindern lassen. Wenn jemand felsenfest zum Selbstmord entschlossen ist, wird er so tun als wäre er es nicht und wird die Möglichkeit in seinem Haftraum finden, seinem Leben ein Ende zu setzen. Diese Ereignisse werden von uns stets intensiv in enger Abstimmung mit dem Justizministerium ausgewertet. Als Konsequenz der Selbstmorde im vorigen Jahr arbeiten wir unter anderem enger mit dem Asklepios-Fachklinikum zusammen. Wenn dort ein Häftling eingewiesen werden muss, wird er wie in allen anderen Krankenhäusern auch von uns bewacht.

Hat sich personell etwas geändert seit der Selbstmord-Serie, etwa in der Zahl der Psychologen?

Wellnitz: Nein. Es sind ja nicht nur Psychologen Ansprechpartner.

Was wird in der JVA getan, um Selbstmorde zu verhindern?

Wellnitz: Bei jedem Gefangenen gibt es zu Beginn der Haft eine Einschätzung, ob eine Suizidgefährdung, latent oder akut, vorliegt. Bei einer latenten Gefahr bieten wir zum Beispiel Gespräche an. In der Regel hilft offenes Ansprechen. Wir arbeiten auch mit Ärzten zusammen. Wenn jemand akut suizidgefährdet ist, darf er nicht allein sein. Dies kann dazu führen, dass so genannte Sitzwachen eingerichtet werden, um den Gefangenen zu betreuen. Ein Bediensteter bleibt dann rund um die Uhr bei ihm, auch und gerade in der Nacht.

Gibt es derzeit einen Gefangenen, der derart überwacht wird?

Wellnitz: Nein. Es ist insgesamt schwierig mitzubekommen, wann sich ein unauffälliger Gefangener zu einem akut selbstmordgefährdeten wandelt. Wir müssen wissen, wenn es Berichte über ihn in der Presse gibt oder aufwühlende Besuche. Insbesondere Bilanzselbstmorde, die nicht eine Kurzschlussreaktion auf ein Ereignis hin sind, sind schwierig vorherzusehen. Im Nachhinein erkennen wir dann vereinzelt Hinweise, etwa, wenn jemand seine Zelle besonders aufräumt oder Sachen an andere Häftlinge weitergibt, die er vorher nicht verliehen hat.

Am 25. März brachte sich unmittelbar nach dem Urteilsspruch der Autohändler Rüdiger W. um. Völlig überraschend?

Wellnitz: Ein Mithäftling, der nach der Urteilsverkündung noch Kontakt zu Herrn W. hatte, berichtete, dass der Gefangene über seinen Rechtsanwalt Rechtsmittel einlegen wollte und zukunftsorientiert war. Entweder der Suizid geschah im Affekt oder er war ein guter Schauspieler, um seine Suizidabsichten zu verdecken.

Wie geht es baulich mit der Justizvollzugsanstalt weiter?

Wellnitz: 2016 werden unter anderem Bauarbeiten stattfinden, um Wohngruppen einrichten zu können für jeweils etwa zehn Gefangene. Derzeit verfügt die Anstalt über Wohneinheiten mit 29 bis 35 Personen.

Was sollen diese WGs bringen?

Wellnitz: Ein großes Problem ist, dass sich viele Gefangene nicht in soziale Gruppen einordnen können. Um das zu trainieren, ist diese Vollzugsform ideal. Zum Einüben sozialadäquaten Verhaltens sollen Gefangene etwa lernen, gemeinsam zu kochen und Mahlzeiten einzunehmen, einen Putzplan aufzustellen, kurz, ihr Zusammenleben selbst zu organisieren.

Was wird sich noch ändern?

Wellnitz: Wir bereiten die Erweiterung der Sotha vor. Sotha steht für Sozialtherapie für Sexual- und Gewaltstraftäter. Ab 2017 wird sich der hiesige Bedarf der Therapie-Plätze von 70 auf 100 erhöhen. Wir nehmen von anderen Haftanstalten dann Gefangene dort auf.

Die Inhaftierten werden auch immer älter.

Wellnitz: Hier planen wir aktuell eine Wohneinheit für lebensältere und gesundheitlich eingeschränkte Gefangene und sehen die Notwendigkeit der Einstellung von Altenpflegern. Wir haben einen entsprechenden Personalbedarf beim Justizministerium beantragt. Wir haben aktuell noch keine Altenpfleger.

Altenpfleger vor allem für Lebenslängliche?

Wellnitz: Nicht unbedingt. Wir haben auch Verurteilte, die aufgrund von Altersarmut erst in ihrem letzten Lebensabschnitt straffällig geworden sind. Aber natürlich auch zu lebenslanger Haft Verurteilte, die keine positive Prognose haben und daher nicht vorzeitig entlassen werden können.

Seit Jahren gibt es kein Anti-Gewalttraining mehr im Regelvollzug des Gefängnisses wegen Personalnot. Hat sich da was getan?

Wellnitz: Ein Antigewalttraining gibt es aktuell in der Form nicht. Wir prüfen jedes Jahr unser Behandlungsangebot. Bei Gefangenen, die wegen eines Gewaltdeliktes verurteilt sind, ist zu prüfen, welche Faktoren die Straffälligkeit begünstigen und welche Behandlungsmaßnahmen zur Prognoseverbesserung angezeigt sind. Vor diesem Hintergrund ist eine Suchttherapie oft sinnvoller, wenn man bei Gefangenen erkennt, dass er unter Drogen gewalttätig wird. Aufgabe des Vollzuges ist es, möglichst zu verhindern, dass der Gefangene nach der Entlassung wieder eine Straftat begeht; dies bedeutet nicht, ihn zu einem besseren Menschen zu machen.

Nach Informationen des Justizministeriums waren im März 2015 von 1083 Gefangenen und Sicherungsverwahrten 61 Prozent vorbestraft. Wie hoch ist die Rückfallquote bei den Sexualstraftätern, die in der Sotha betreut wurden?

Wellnitz: Allgemein kann festgestellt werden, dass – gemäß der Forschung – die Rückfallquote von Gefangenen, die in einer Sotha behandelt werden, um 40 Prozent gegenüber der nicht behandelten Sexualstraftätern sinkt.

Sitzen bei Ihnen Flüchtlinge ein?

Wellnitz: Der Ausländeranteil ist nach wie vor gering bei uns und hat sich seit zwei Jahren nicht wesentlich verändert. Von aktuell 269 Gefangenen sind 37 ausländisch.

Sie leiten als erste Frau das Brandenburger Gefängnis. Wie geht es Ihnen damit?

Wellnitz: Ich habe bereits Erfahrungen als Leiterin der JVA Neuruppin sammeln können. Die Behandlung und Resozialisierung schwieriger, oft stark verhaltensauffälliger Gefangener stellt eine gefahrgeneigte Arbeit für Männer und Frauen dar. Das Thema Sicherheit ist daher stets präsent und wir gehen damit professionell um. Gerade als Frau im Männervollzug ist man sich der besonderen Gefährdungslagen wie etwa der von Geiselnahmen wie vor Jahren in Celle-Salinenmoor bewusst. Anders als etwa bei den Ereignissen in Köln, wo sich die Frauen im Vorfeld wohl keiner besonderen Gefährdung ausgesetzt sahen.

Sind Justizvollzugsbeamte in der Anstalt bewaffnet?

Wellnitz: Nein.

JVA-Bedienstete können also randalierende Gefangene nur körperlich zur Räson bringen?

Wellnitz: Es erfordert auch mal das körperliche Eingreifen. Aber der beste Konflikt ist der, den man nicht hat.

Gebürtige Niedersächsin

Petra Wellnitz leitet seit April 2014 kommissarisch die Justizvollzugsanstalt Brandenburg. In der JVA sitzen 270 Gefangene ein. Haftplätze gibt es 350. Wellnitz ist Chefin von 290 Mitarbeitern, davon sind 177 Männer und Frauen im allgemeinen Vollzugsdienst.

Geboren wurde die Volljuristin vor 46 Jahren in Niedersachsen, wo sie auch aufwuchs. An der Universität Hannover absolvierte sie ein Jura-Studium, das sie mit dem Zweiten Staatsexamen und damit als Volljuristin abschloss. 2001 trat Petra Wellnitz in den Justizdienst ein und war zunächst in zwei Haftanstalten in Sachsen als Abteilungsleiterin tätig. Bevor sie zur JVA Brandenburg wechselte, leitete sie die Haftanstalt Neuruppin.

 
 

Von Marion von Imhoff

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