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Theaterfrühling: Gregor Samsa wird zur Schabe

Viesen Theaterfrühling: Gregor Samsa wird zur Schabe

Der 9. Viesener Theaterfrühling wird der letzte sein. Das kleine Festival direkt vor den Toren der Stadt Brandenburg an der Havel steht unter dem Motto: „Wie wollen wir leben?“ Als Antwort darauf möchte man den Theatermachern um Festivalleiter Wolfram Scheller zurufen: „Überlebt erst einmal! Bitte!“. Das erste von drei Theater-Wochenenden ist nun vorbei.

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Ein großartiger Schauspieler, ein Stuhl und eine grandiose Geschichte reichen als Zutaten für einen gelungenen Theaterabend.

Quelle: Benno Rougk

Viesen. Es ist ein Jammer! Der 9. Viesener Theaterfrühling wird der letzte sein. Das kleine Festival direkt vor den Toren der Stadt steht unter dem Motto: „Wie wollen wir leben?“ Als Antwort darauf möchte man den Theatermachern um Festivalleiter Wolfram Scheller zurufen: „Überlebt erst einmal! Bitte!“.

Das erste von drei Theater-Wochenenden ist vorbei. Etwas Wehmut kam auf am Freitag, als Scheller das Festival eröffnete. Die Familie Lebelt, die dem Team Inspiration und Obdach gab, bricht die Zelte in Viesen ab. Für das Wochenende hatten die Festivalmacher ein spannendes Programm auf die Beine gestellt. So lockten am Freitag um 21.30 Uhr der Tänzer Ruben Reniers mit der Malerin Barbara Steinitz die Gäste in die Kulturscheune, wo sie als „rubarb dance & art“ verschiedener Künste aufeinander treffen ließen. Gespannt konnten man verfolgen, was passierte, wenn ein Tänzer und fragile Figuren und Formen auf Papier aufeinander treffen.

Am Samstag konnte man Anna Böttcher in „Das Hörrohr“ erleben und Sonntag war die Familie eingeladen, um gemeinsam Spaß am tierischen Theater-Krimi „Die Wanze“ zu haben. Den Höhepunkt durften die Gäste aber bereits am frühen Freitagabend erleben. Ursprünglich sollte Cornelia Heyse den Monolog „Die andere und ich“ geben.

Doch Heyse fiel aus und Matthias Brenner sprang ein. Was für ein Abend! Brenner hatte Kafka im Gepäck. Respektive dessen Erzählung „Die Verwandlung“. Die Geschichte: Im Mittelpunkt der Handlung steht die Prager Familie Samsa, bestehend aus Gregor Samsa, Schwester Grete sowie den Eltern. Der schwächliche Sohn Gregor ernährt als Handelsvertreter die Familie und erwacht eines morgens als Ungeziefer, als riesige Schabe auf dem Rücken liegend mit vielen kleinen Beinchen. Es ist das Grauen, dass sich Raum greift, als das geordnete Gleichgewicht innerhalb der Familie durch das unbeherrschbare Ereignis in Schieflage gerät.

Geselliges Treiben im Lehnschulzenhof

Geselliges Treiben im Lehnschulzenhof.

Quelle: Benno Rougk

Vor den Gästen im grellen Licht der Bühne wird Matthias Brenner nun zur Schabe. Vollbärtig, riesig, beleibt und erdenschwer erinnert Brenner vor dem Stück eher an Kapitän Ahab, der einen weißen Wal jagt, denn an einen schmalen Handelsvertreter, der unter Vaters Knute steht. Doch das ändert sich in Sekunden. Brenner wird Samsa. Dafür braucht es als Requisiten nur einen Stuhl, der ihm Bett, Raum und Wohnung ist und einen dunklen Anzug. Über 60 Prozent der langen Kafka-Erzählung erzählt und spielt Brenner. Dabei kommt ihm entgegen dass Kafka geschickt die Kontraste zwischen Handlungen und der Kommunikation verknüpft hat und er in alle Rollen schlüpfen kann. So werden Gregors Gedanken als Käfer durch innere Monologe dargelegt. Er ist sich seiner grausamen Veränderung bewusst, muss aber erleben, dass die Familie nicht wirklich versucht, das Problem zu lösen. Man sperrt ihn weg, füttert ihn mit Müll – und negiert die Absurdität der Situation. Grandios gelingt es Brenner die oberflächlichen Gespräche zwischen Mutter und Tochter zu spielen, die krass im Widerspruch zu den Ereignissen stehen.

Das Stück ist wie gemacht für den großartigen Mimen, der als Intendant des Neuen Theaters in Halle ebenso bekannt ist wie durch seine Rollen im Tatort oder Filmen wie „Das Leben der Anderen“.

Vor 30 Jahren hat Brenner als junger Mann seinen Kafka das erste Mal erzählt. Damals im Theater in Erfurt. 35 Schreibmaschinenseiten Text haben sich in seinem Kopf Platz gesucht. Etwa 200 Abende war Brenner nun schon Kafkas Ungeziefer. Manchmal muss er sich in das Stück hinein kämpfen, als wäre es der erste Auftritt. An anderen Abenden geht es leicht. Am Abend in Viesen habe er einige Minuten gebraucht, bis er Text und Spiel gegriffen habe. Er hat die Schabe mal vor 800 Leuten auf der Bühne in Kassel oder vor fünf Leuten an einem Kneipentisch gespielt. Es ist große Kunst, die dem Publikum Freitag geboten wurde. Denn wo ein Stuhl als minimalistisches Bühnenbild für eine so gewaltige Geschichte genügen müssen, wird der Schauspieler zur puren Essenz.

Das Publikum ist begeistert. Das wird bei den Gesprächen im Anschluss klar. Es sei grandios, was Katja Lebelt mit dem Theaterfrühling gelungen ist, sagt der NT-Intendant Matthias Brenner. Und es sei unwürdig, wie man am Brandenburger Theater mit ihr umgegangen sei, dessen künstlerische Leiterin sie noch ist. Man sehe nicht ohne Sorge auf das Theater, so Brenner.

Von Benno Rougk

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