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Tiemann will keinen Muslim als Feuerwehrchef

Vorwurf gegen OB von Brandenburg Tiemann will keinen Muslim als Feuerwehrchef

Brandenburgs Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) will keinen Muslim an der Spitze der Brandenburger Berufsfeuerwehr, selbst wenn er dort seit 20 Jahren untadelige Arbeit leistet. Diesen ungeheuerlichen Vorwurf erhebt der Beigeordnete Michael Brandt (CDU) – und benennt sogar einen Kronzeugen.

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Religiöse Diskriminierung hatte Dietlind Tiemann bisher noch niemand vorgeworfen.

Quelle: Archiv

Brandenburg/H. Brandenburgs Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) möchte keinen Muslim an der Spitze der Brandenburger Feuerwehr haben, selbst wenn er deutscher Beamter und seit zwanzig Jahren untadelig als Berufsfeuerwehrmann in Brandenburg Verantwortung trägt. Diesen ungeheuerlichen Vorwurf erhebt der Beigeordnete Michael Brandt (CDU) gegen seine Dienstvorgesetzte. Er benennt sogar einen Zeugen für seine Behauptung. Tiemann schweigt dazu.

Die Fragen, die Tiemann nicht beantwortet

Die Darstellung des Sachverhalts durch Michael Brandt enthält Behauptungen. Um den Wahrheitsgehalt zu recherchieren, wandte sich die MAZ an Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann, bat sie um Stellungnahme und um Antworten auf Fragen. Doch keine der nachfolgend dokumentierten Fragen beantwortete sie.

Stimmt die Darstellung des Sachverhalts durch Herrn Brandt? Falls nein: Was stimmt bezogen auf den Vorgang? (Bitte mit Zeitangabe, wann über die „interne Lösung“ mit den beiden genannten Herrn gesprochen wurde?). Falls ja: Warum bestanden/bestehen die geschilderten Bedenken? Was sind gegebenenfalls die Anknüpfungstatsachen?

Falls ja oder nein: In welchen Fällen erfährt die Oberbürgermeisterin von der Religionszugehörigkeit eines städtischen Bediensteten? Auf welchem Wege und auf welcher Rechtsgrundlage erfährt sie davon? In welchen Fällen ist ein dienstliches Interesse gegeben, darüber Kenntnis zu erhalten?

In welcher Weise reagieren Sie – gegebenenfalls unabhängig von Ihrer Eigenschaft als Mitglied der SVV – auf den geschilderten Vorhalt durch den Beigeordneten Brandt?

Wie berichtet erhebt der Baubeigeordnete Michael Brandt (45) in einem sechs Seiten langen Brief schwere Vorwürfe gegen Dietlind Tiemann (60), die er in einem zweiten Schreiben an manchen Stellen sogar präzisiert hat. In einer Angelegenheit geht es um Tiemanns mutmaßlichen Verstoß gegen das Grundgesetz und die Verfassung des Landes Brandenburg.

Ungeheuerlicher Vorwurf von Brandt

In seinen beiden Briefen berichtet Brandt, dass er mit Feuerwehrchef Detlef Wolf (60) eine interne Lösung vorgeschlagen habe für die Nachfolge Wolfs an der Spitze der Brandenburger Feuerwehr. Nach seiner Darstellung äußerte die Oberbürgermeisterin „Bedenken unter Bezugnahme auf das religiöse Bekenntnis eines sonst geeigneten Bewerbers für ein Aufstiegsverfahren“. Das könne Wolf bezeugen.

Diese Bedenken, so schreibt Brandt, habe er nicht gelten lassen, da sie gegen das Diskriminierungsverbot des Artikels 4 des Grundgesetzes und der einschlägigen beamtenrechtlichen Vorschriften verstießen. Artikel 4 garantiert die Religionsfreiheit, Artikel 3 des Grundgesetzes und Artikel 12 der Landesverfassung zudem, dass niemand wegen seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf.

Wer ist der Mann, der nach Brandts zwei Jahre altem Vorschlag geeignet für die Führungsposition bei der Berufsfeuerwehr gewesen wäre, bei dem die Oberbürgermeisterin aber angeblich Bedenken anmeldete wegen dessen religiösen Bekenntnisses? Er handelt sich um Jens Mahlow, Anfang 40, beschäftigt im gehobenen Dienst der Feuerwehr Brandenburg. Er hatte den muslimischen Glauben seiner aus Südafrika stammenden Frau angenommen, als das Paar vor zehn Jahren heiratete.

Muslimischen Glauben nach Heirat angenommen

Die Familie lebt in Mahlows Heimatort Golzow, wo der Brandoberinspektor seine Karriere einst in der Jugendfeuerwehr begann und wo er bis heute zusätzlich ehrenamtlich in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv ist: bei Bränden und in der Gemeindevertretung.

1994 hatte der junge Mann sein Hobby zum Beruf gemacht. Seither bewährt er sich als Beamter der Berufsfeuerwehr Brandenburg, wo er als Einsatzleiter Verantwortung trägt. Sein Bekenntnis zum Islam hält Jens Mahlow nicht geheim, er sucht damit aber auch nicht in die Öffentlichkeit.

Im Dienst spielt seine Religion keine Rolle, denn Privatleben und Beruf trennt Jens Mahlow strikt. So wie seine Frau, die ebenfalls bei der Feuerwehr arbeitet. Von den Vorgängen, die Michael Brandt anspricht, wusste der Golzower Familienvater nichts, bis ihn die MAZ dieser Tage darauf ansprach.

Betroffener will nichts dazu sagen

Die Frage, ob er dazu etwas sagen möchte, beantwortet er nur mit einem Kopfschütteln und dem Wort Nein. Ob er in irgendeiner Form auf den Vorgang reagieren will, auch dazu sagt er nichts. Woher die Oberbürgermeisterin überhaupt von seinem Glauben weiß, ist ihm nicht bekannt.

Die MAZ hat Oberbürgermeisterin am Freitag um eine Stellungnahme gebeten und Fragen zu den Vorwürfen gestellt. Pressesprecher Jan Penkawa beantwortet im Auftrag Tiemanns keine einzige davon. Er teilt lediglich mit, dass niemand in der Brandenburger Feuerwehr die für die Leitung erforderliche Anforderung des höheren Dienstes erfülle und die externe Stellenausschreibung daher in der nächsten Woche veröffentlicht werde.

Tiemann äußert sich nicht zu den Vorwürfen

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland interessiert sich für den Fall aus Brandenburg, zumal auch die Europäische Menschenrechtskonvention berührt sei. „Hat der Mann denn einen Betteppich in der Feuerwehrwache ausgerollt?“, fragt der Rechtsbeauftragte des Zentralrats, Rechtsanwalt Ralf Büscher (63). Der Zentralrat verfolge immer auch Einzelfälle. Denn es gehe darum, Tendenzen im Blick zu behalten.

Die aus Kapstadt stammende Nadia Mahlow erzählte der MAZ übrigens vor sechs Jahren, wie wohl sie sich in Golzow fühle mit seinen freundlichen Menschen. Sie erinnerte sich an ganz andere Zeiten in ihrem Heimatland, als sie diskriminiert wurde. In der Zeit des Apartheid-Regimes habe sie als „farbig“ gegolten. Farbig, das lag in der Rangfolge zwischen Weiß und Schwarz.

Von Jürgen Lauterbach

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