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Tödliche Wut auf den geliebten Sohn

Prozess am Landgericht Potsdam Tödliche Wut auf den geliebten Sohn

Der Mann und die Tat passen nicht recht zusammen. Der angeklagte Kevin R. (25) aus Brandenburg/Havel soll sein schreiendes Baby mit einem Faustschlag das Nasenbein gebrochen und es zu Tode geschüttelt und geschleudert haben. Am Landgericht Potsdam erklärt er, wie sehr er seinen Sohn geliebt habe.

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Kevin R. auf der Anklagebank mit seinem Verteidiger Karsten Beckmann.

Quelle: Jürgen Lauterbach

Brandenburg/H. Der Mann und die Tat passen nach dem Eindruck am Donnerstag im Gerichtssaal nicht zusammen. Der angeklagte Kevin R. (25) aus Brandenburg/Havel soll sein schreiendes Baby mit einem Faustschlag das Nasenbein gebrochen und es anschließend zu Tode geschüttelt und geschleudert haben. Im Landgericht Potsdam erklärt der gleiche Mann, wie er Calvin geliebt habe, ihn immer noch liebe und in der Kirche für ihn bete.

Am Donnerstag hat vor der Schwurgerichtskammer der Prozess wegen Totschlags im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit gegen Kevin R. begonnen. Staatsanwalt Knut Kreschel trägt vor der 1. großen Strafkammer vor, was ihm zur Last gelegt wird.

Weil die Mutter gefeiert hat, kümmert sich der unerfahrene junge Vater in der Nacht des 10. Juni 2016 um das schreiende Kind, den zweieinhalb Monate alten Calvin.

Kevin R, gibt ihm sein Fläschchen, trägt ihn lange durch die Wohnung in Nord, wechselt die Windeln und rollt ihn, weil das schon einmal geholfen hat, über den Boden. Doch in dieser Nacht hilft gar nichts, Calvin hört nicht auf zu schreien. Wut steigt laut Staatsanwalt auf in dem hilflosen Vater. Er beginnt, den Winzling zu schlagen, boxt ihn mitten ins Gesicht, bricht ihm das Nasenbein. Nun brüllt der Säugling erst recht. Es ist nach Mitternacht.

Der Kindesvater packt den Kleinen schüttelt den Kleinen, sein Kopf überstreckt nach hinten und vorn, er packt ihn kopfüber an den Beinen und schleudert ihn herum, das Kind stößt gegen ein Möbelstück. Calvin erleidet schwere Kopfverletzungen, um 1 Uhr nachts stirbt der Säugling an den Folgen eines Hirnödems.

Ein zweiter trauriger Fall in Rathenow

Im Strafprozess gegen Kevin R. sind sechs Verhandlungstage angesetzt.

Die Kindesmutter wird am zweiten Prozesstag als Zeugin gehört.

In einem ähnlichen Fall, in dem eine Mutter in Rathenow, ihrem kleinen Sohn vor einem halben Jahr durch Schütteln schwerste Verletzungen mit bleibenden Schäden zugefügt haben soll, sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

Der Angeklagte äußert sich vorerst nicht zu den vorgeworfenen Taten, will das vielleicht später tun. Er beschreibt den Richtern aber, wie sein bisheriges Leben verlaufen ist und wie stolz und glücklich er war, Vater zu werden, Calvin zu haben.

Kevin R. spricht dabei klar und sachlich, er formuliert gekonnt, oft sogar reflektiert. Doch an vielen Stellen macht er den Eindruck, noch nicht richtig realisiert zu haben, was in jener Nacht geschah dass sein Kind unwiederbringlich tot ist.

Der Sohn eines Alkoholikers erlebte keine sonderlich schöne Kindheit. Die Eltern sind früh getrennt. Bis zum 14. Lebensjahr lebt er beim Vater, gegen den er sich eines Tages wehrt. Kevin R. zieht zu seiner Mutter nach Berlin, doch das geht nicht lange gut. Er verlässt deren Familie, schmeißt die Schule ohne Abschluss und lebt zwei Jahre auf der Straße.

Die Treberhilfe in Berlin fängt den inzwischen 18-Jährigen auf, bringt ihm bei, im betreuten Wohnung ein halbwegs eigenständiges Leben zu führen. Die letzten Schritte aber schafft Kevin R. nicht.

Er nimmt Drogen, begeht Straftaten, kommt ins Gefängnis, kehrt zurück in seine Geburtsstadt Brandenburg. Dort lernt er eine elf Jahre ältere Frau kennen, zieht bei ihr ein, beide bekommen bald darauf Calvin – zwar nicht geplant, aber doch mit gutem Gefühl. Der junge Vater ist so stolz wie unerfahren und überfordert mit seinem Kind. Er streichelt es, traut sich aber aus Angst vor Verletzungen kaum, es auf den Arm zu nehmen. Trotzdem, „es war alles top in unserer Bilderbuchfamilie, es war eine schöne Welt gewesen, die jetzt aber vorbei ist“, murmelt der Angeklagte. Tränen fließen bei der Erkenntnis, dass „sein eigen Fleisch und Blut“ nun tot sei, er nur noch in die Kirche gehen, beten und um Vergebung bitten könne. Zur Kindesmutter hat Kevin R. aus der Untersuchungshaft heraus noch Kontakt. Was aus der Beziehung wird, wisse er aber nicht. An einer Stelle in seinen Ausführungen sagt er halblaut: „Die Flasche Chantré, die sie an dem Abend getrunken hat, hätte auch nicht sein müssen.“

Von Jürgen Lauterbach

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