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Unterwegs mit dem Straßenfeger-Urgestein

Obdachlosenzeitung Unterwegs mit dem Straßenfeger-Urgestein

Olaf Müller ist ein Straßenzeitungs-Urgestein: Schon seit der Gründung des Berliner Straßenfegers vor 20 Jahren verkauft er es im Land Brandenburg – und hat es in vielen Städten bekannt gemacht. Fünf Tage in der Woche fährt er in einen anderen Ort und hat sich über die Jahre einen großen Kundenstamm aufbauen können.

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Kamen ins Geschäft: Olaf Müller mit Annerose Busse und Brigitte Schrödter (v.l.).

Quelle: Melanie Höhn

Brandenburg an der Havel. Heute war ein guter Tag für Olaf Müller. Der gelernte Brauer arbeitet schon seit über 20 Jahren als Verkäufer des Straßenfegers und weiß, wie der Hase läuft. An diesem Montag im November hat er insgesamt 60 Exemplare in Brandenburg an der Havel und Bad Belzig verkauft.

„Sie wollen heute nicht? Ok, danke, Abfahrt“

Langsam, den Kopf nach vorne gerichtet und die Hände mit den Zeitungen hinter seinem Rücken, läuft er durch die Fußgängerzone in Brandenburg an der Havel. In all den Jahren hat er seinen Humor nicht verloren. „Sie wollen heute nicht? Ok, danke, Abfahrt“, sagt er und macht selbstbewussten und schnellen Schrittes kehrt, wenn ihm gerade niemand die Zeitung abnehmen will. „Der hatte keenen Bock“, bemerkt er dann, doch mit seinen Gedanken ist er schon wieder beim nächsten Geschäft. „Ich weeß schon, wo ich was kriege und wo nicht“, sagt er, noch bevor er aus der Tür ist. Sein nächstes Ziel ist der Kostümverleih, sein sicherer Abnehmer – doch der Laden ist heute wegen Urlaub geschlossen.

Er hat heute noch mehr Glück

„Aber jetzt gibt es gleich was“, murmelt er auf dem Weg zur Raths-Apotheke. „Hallo, na ihr Lieben?“, begrüßt er die Apothekerin, die ihm drei Exemplare abnimmt. Es ist die Außenstelle des Straßenfegers in Brandenburg an der Havel. Auch das Modegeschäft Underground nimmt ein Exemplar, Brigitte Schrödter und Annerose Busse sind regelmäßige Käuferinnen und freuen sich, wenn sie Besuch von Olaf Müller bekommen. Er hat heute noch mehr Glück: Auch ein Tätowier-Laden kauft ihm eine Zeitung ab.

Inzwischen ist es ein Vollzeitjob

Der 62-Jährige ist beim Straßenfeger schon von Anfang an dabei. Von 1968 bis 1989 arbeitete er als Brauer beim Getränkekombinat Berlin und war in der Engelhardt-Brauerei in Stralau eingesetzt. Nach der Wende wurde er arbeitslos, hielt sich danach mit diversen Tätigkeiten über Wasser, bis er schließlich 1995 zum Straßenfeger kam – im Gründungsjahr des Magazins.

Der gebürtige Wildauer baute den Verkauf der Zeitung im Land Brandenburg mit auf, inzwischen ist es ein Vollzeitjob für ihn. Fünf Tage in der Woche reist er mit Bus und Bahn in eine andere Stadt in Brandenburg. „Durch meinen ursprünglichen Beruf kannte ich mich aus mit Logistik“, erzählt er, über die Jahre baute er sich so seinen Stamm an Kunden auf.

In der Zeitung finden sich viele bunte Themen

Feste Abnehmer sind Frisöre, Zahnärzte, Parteien, Gaststätten oder Tattooshops, aber auch Optiker, Bäcker oder Schuhläden. Der Straßenverkauf ist der kleinste Teil. Wenn Zeit übrig bleibt, spricht er auch Passanten an, doch das kommt selten vor. Müller geht lieber in die Geschäfte in den Innenstädten und redet mit den Inhabern. Auch er selbst liest gerne die Zeitung, sein Highlight in der neuen Ausgabe ist das Interview mit dem Dalai Lama. In der Zeitung finden sich viele bunte Themen – darunter auch Künstlerporträts, Kulturtipps, Reportagen zu Handy- bzw. Drogensucht oder Informationen zur Wohnungsnot.

Selbstbestimmte Arbeit

Der Straßenfeger wurde in Berlin gegründet und hatte sein Büro lange in der Prenzlauer Allee, inzwischen ist die Redaktion umgezogen in die Storkower Straße, erzählt Müller. Die Zeitung erscheint in einem Umfang von 32 Seiten alle zwei Wochen und hat eine verkaufte Auflage von durchschnittlich 15 000 Exemplaren. Eine Ausgabe kostet 1,50 Euro, davon behält der Verkäufer 90 Cent. Dieser kann frei entscheiden, wo und wie er die Zeitung verkauft – die meisten stehen jedoch vor Bahnhöfen, in der U-Bahn oder auf öffentlichen Plätzen.

Die übrigen 60 Cent verbleiben beim Herausgeber für die Produktion des Magazins. Nach eigenen Angaben will die Zeitung Hilfe zur Selbsthilfe anbieten: Arme Menschen sollen nicht nur auf Almosen angewiesen sein, sondern sollen selbstbestimmt arbeiten können. In Berlin gibt es neben dem Straßenfeger auch noch die Motz und den Streem.

Zwei Stunden nach Cottbus oder Senftenberg

„Ich bin Einzelkämpfer“, sagt Olaf Müller über sich selbst. In die Havelstadt kommt er einmal im Monat und verkauft hier dann etwa 50 Exemplare. Dadurch, dass er so viele Städte bedient, kann er den zweiwöchigem Rhythmus der Zeitung nicht einhalten. Von seinem Wohnort Hohen Neuendorf bei Birkenwerder fährt er auch nach Neuruppin, Gransee, Oranienburg und Falkensee. Die weiteste Strecke, etwa zwei Stunden für eine einfache Fahrt, legt er nach Cottbus oder Senftenberg zurück.

Vier Stunden darf Olaf Müller täglich offiziell arbeiten. Etwa 100 Euro netto verdient er durch den Verkauf, so kann er seine Grundsicherung aufstocken. Die Arbeit und das Unterwegssein machen ihm Spaß: „Mir gefällt, dass man Verantwortung hat und die Leute bedienen muss.“

Von Melanie Höhn

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