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Die doppelte Flucht einer Ex-Prostituierten

Videokonferenz im Potsdamer Gericht Die doppelte Flucht einer Ex-Prostituierten

Ein Brandenburger Arzt rettet eine Prostituierte, verhilft ihr zweimal zur Flucht aus den Fängen ihres Zuhälters und nimmt sie aus Liebe bei sich auf. Darum geht es vor Gericht, doch das Verfahren stockt. Die Videoschaltung in einen ungarischen Gerichtssaal soll mehr Klarheit bringen in diese Geschichte von Menschenhandel, Zwang zur Prostitution und Vergewaltigung.

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Der Angeklagte Jenö L. (rechts) und sein Strafverteidiger Karsten Beckmann (Mitte).

Quelle: Julian Stähle

Brandenburg/H. Ein Brandenburger Arzt rettet eine Prostituierte, verhilft ihr zweimal zur Flucht aus den Fängen ihres Zuhälters und nimmt sie aus Liebe bei sich auf. Darum geht es vor Gericht, doch das Verfahren stockt. Die Videoschaltung in einen ungarischen Gerichtssaal soll mehr Klarheit bringen in diese Geschichte von Menschenhandel, Zwang zur Prostitution und Vergewaltigung.

Was geschah zwischen November 2008 und Dezember 2013? Seit mehr als einem halben Jahr läuft das Strafverfahren gegen den Ungarn Jenö L. Die Staatsanwaltschaft Potsdam wirft dem 54-Jährigen vor, die nur halb so alte Partnerin eines Brandenburger Arztes fünf Jahre lang zur Prostitution gezwungen zu haben, sie außerdem vergewaltigt und aus Brandenburg entführt zu haben.

Pretty Woman in Brandenburg

Seit dem Prozessauftakt am 15. Juni 2014 im Potsdamer Landgericht sind zwanzig Verhandlungstage vergangen, mindestens drei weitere sind im neuen Jahr vorgesehen. Viele Prozesstage waren wenig ergiebig, weil die Zeugen nicht erschienen oder aus anderen Gründen.

Die ausgebliebenen Zeugen sind ungarische Staatsbürger und leben in ihrem Heimatland. Sie sind den Ladungen der 4. Strafkammer nicht gefolgt. Daher haben die Potsdamer Richter mit Unterstützung des Bundeskriminalamtes ihre Fühler ins südliche Osteuropa ausgestreckt. Mit Hilfe einer audio-visuellen Konferenz zwischen Ungarn und Deutschland soll die Zeugenbefragung demnächst vonstatten gehen, berichtet auf Anfrage Rechtsanwalt Karsten Beckmann, der den Angeklagten verteidigt.

Die Geschichte der Pretty Woman

„Pretty Woman: Brandenburger Arzt rettet Prostituierte“, unter dieser Überschrift berichtete die MAZ am 14. Juli über den Strafprozess gegen Jenö L. (54), in dem es um Menschenhandel, Zwang zur Prostitution und Vergewaltigung geht.

Die Geschichte in Kurzform: Jenö L. (54) und Annemarie G. (26), beide aus Ungarn, sind etliche Jahre ein einträchtiges Paar. Sie geht – nach eigenem Bekunden freiwillig – in verschiedenen europäischen Ländern anschaffen, auch in Berlin. Das geht lange Zeit gut, beide kassieren und sind zufrieden.

Anfang will Annemarie G. aussteigen, Jenö L. will das angeblich nicht zulassen. Er soll Druck auf sie ausgeübt haben und mit Unheil für deren Familie gedroht haben.

Auf dem Straßenstrich in Berlin lernt die Ungarin einen Arzt aus Brandenburg kennen und lieben. Die beiden werden in seiner Heimatstadt ein Paar und versuchen, Jeno L. abzuschütteln.

Annemarie G. gelingt mit einer Finte und der Unterstützung ihres deutschen Partners die Flucht aus der Wohnung des Angeklagten in Ungarn.

Der mutmaßliche Zuhälter lässt nicht locker, reist nach Brandenburg und entführt seine Ex-Prostituierte mit vorgehaltenem Messer nach Ungarn.

In England, wo sich Annemarie L. mutmaßlich erneut prostituieren muss, flüchtet die junge Frau ein zweites Mal. Wieder ist der deutsche Arzt ihr Fluchthelfer.

Der Angeklagte wird in Ungarn festgenommen und von dort nach Deutschland ausgeliefert, wo ihm der Prozess gemacht wird. Er bestreitet alle Vorwürfe, bislang allerdings nicht sonderlich überzeugend.

Das Landgericht ist mit entsprechender Technik ausgestattet. Nun geht es noch darum, die organisatorischen Voraussetzungen in Ungarn zu schaffen, damit auch dort die Technik steht, die Zeugen ins vorgesehene Gericht kommen und im Beisein eines ungarischen Richters in ihrer Landessprache vernommen werden können.

Schalte nach Ungarn geplant

Nach Angaben von Pflichtverteidiger Beckmann sollen die Ex-Frau und ein Neffe des Angeklagten gehört werden. Sie sollen etwas zur Person von Jenö L. beitragen beziehungsweise zum Geschehen in England, wo der 54-Jährige seine Ex-Partnerin ins Bordell gesteckt und vergewaltigt haben soll.

Dritte vorgesehene Zeugin ist eine Freundin des mutmaßlichen Opfers. Annemarie G. hatte dem Gericht bereits im Sommer ausführlich geschildert, wie Jenö L. mit ihr umsprang, nachdem sie ihre anfangs freiwillige Rolle als Prostituierte aufgeben wollte. Sie stellte sich auch stundenlang den unwirschen Fragen des Angeklagten, der versuchte, sie in Widersprüche zu verwickeln.

Soweit bekannt lebt die junge Frau nach ihrer wiederholten Flucht vor dem Angeklagten inzwischen mit dem erwähnten Mediziner zusammen.

Von Jürgen Lauterbach

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