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Verfassungsschutz hat Muslime im Blick

Brandenburg an der Havel Verfassungsschutz hat Muslime im Blick

In der Brandenburger Bahnhofsvorstadt treffen sich jeden Freitag etwa 150 muslimische Gläubige in ihrem Gebetsraum, um ihren Glauben auszuüben. Am Wochenende laufen selbst organisierte Deutschkurse. Verfassungsschützer haben die Adresse im Visier, weil sie eine Verbindung zu den Muslimbrüdern vermuten. Die Gläubigen finden die Überwachung gut.

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Der Gebetsraum füllt sich langsam. Am Ende befinden sich etwa 150 Männer und Jungen im Saal.

Quelle: Rüdiger Böhme

Brandenburg/H. In der Brandenburger Bahnhofsvorstadt treffen sich jeden Freitag etwa 150 muslimische Gläubige in ihrem Gebetsraum, um ihren Glauben zu praktizieren. Am Wochenende laufen in den gemieteten Räumen des Hinterhofes selbst organisierte Deutschkurse. Brandenburger Verfassungsschützer haben die Adresse im Visier, weil sie eine Verbindung zu den Muslimbrüdern vermuten. Die Gläubigen finden die staatliche Überwachung gut. „Das schützt uns schließlich auch“, sagt Mohammad Alzobi (33) angehender Medizinstudent aus Syrien.

Am Freitagmittag herrscht reger Andrang. Nach und nach versammeln sich fast 150 Muslims in ihrem Gebetsraum. Afghanen, Syrer, Tschetschenen, Indonesier, Vietnamesen, Menschen aus schwarzafrikanischen Ländern.

Das Freitagsgebet läuft natürlich anders ab als ein christlicher Gottesdienst, weist aber durchaus Parallelen auf. Es geht über weite Strecken etwas lockerer zu. Der Syrer vorn auf der Kanzel ist kein Imam, also kein professioneller Geistlicher, sondern ein Laie. Die anderen Gläubigen folgen ihrem Vorbeter, hocken oder sitzen dabei auf dem flauschigen Teppichboden.

Nach einer halben Stunde ist das gemeinsame Gebet beendet, die Atmosphäre wird noch lockerer, Männer umarmen einander, begrüßen sich, plaudern miteinander.

Alles wäre ganz unauffällig, hätte sich nicht die AfD-Fraktion im brandenburgischen Landtag nach den Erkenntnissen der Landesregierung über die Adresse in Brandenburg/Havel und die hinter ihr stehenden Organisationen erkundigt. Innenminister Schröter (SPD) antwortete vor wenigen Wochen, der Landesregierung sei bekannt, dass der Gebetsraum in der Mittelstraße von der SBS gUG betrieben wird.

Sächsische Verfassungsschützer warnen friedliche Muslime

Die Sächsische Begegnungsstätte (SBS) bekennt sich in einer Erklärung zum Rechtsstaat, zur Bundesrepublik Deutschland und einem „unpolitischen Islam“. Politisierte Inhalte bleiben außen vor.

Die Inhalte der Predigten seien „ausschließlich religiöser und moralisch/ethischer Natur“.

Der Verfassungsschutz in Brandenburg gibt keine Information, die Sachsen adressieren dagegen diejenigen Muslime, die ihren Glauben frei von Extremismus leben möchten. Die Strategie der Muslimbrüderschaft (MB) sei es, „Einfluss auf eine islamische Gemeinde in organisatorischer oder ideologischer Hinsicht zu gewinnen und dabei aus taktischen Gründen auf erkennbare Bezüge zur MB absichtsvoll zu verzichten“.

Die Abkürzung steht für „Sächsische Begegnungsstätte gemeinnützige Unternehmensgesellschaft“ mit Sitz in Dresden. Nach Angaben des sächsischen Verfassungsschutzes ist „im Jahr 2016 mit der SBS eine Struktur in Sachsen entstanden, bei der tatsächliche Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie über Kontakte zur bereits 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbrüderschaft und der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), der bedeutendsten und zentralen Organisation der Muslimbrüderschaft in Deutschland, verfügt“.

Minister Schröter versichert, dass die Landesregierung „Kenntnis von den Aktivitäten der genannten Organisationen hat, diese aufmerksam verfolgt und sie unter Beobachtung der Verfassungsschutzbehörde Brandenburg stehen“.

„Zu uns kann jeder kommen, gleichgültig, ob Muslim, Christ oder eine andere Glaubensrichtung“, versichert Mohammad Alzobi, einer von sieben deutsch sprechenden Männern, die sich um den Gebetraum in der Bahnhofsvorstadt kümmern.

Nach seinen Angaben hatten die muslimischen Gläubigen in der Stadt seit Jahresanfang keine Möglichkeit mehr, gemeinsam zu beten. Ein bestehender Gebetsraum in einer der Flüchtlingsunterkünfte habe nicht mehr genutzt werden dürfen. Daher suchten die Gläubigen eine andere Möglichkeit. Die genannte Gesellschaft SBS habe bei der Suche geholfen und die Räume eines früheren Sportclubs im März gemietet.

Die 1000 Euro Miete im Monat bringe aber nicht die SBS auf, sondern die Brandenburger Gläubigen mit Spenden, berichtet der syrische Flüchtling. Wie auf der ganzen Welt treffen sich die männlichen Gläubigen zum Gebet. Zu anderen Zeiten kämen auch Frauen. An den Wochenendtagen finden Deutschkurse statt, auch für die Frauen und 30 bis 40 Kinder. Er selbst und eine Frau aus Rumänien erteilten Deutschunterricht.

Die genannte Organisation habe nicht weiter mit den regelmäßigen Zusammenkünften zu tun, berichtet Alzobi. Er findet es gut, dass der Gebetsraum und seine Besucher vom deutschen Staat überwacht werden. „Die Überwachung liegt auch in unserem Interesse und schützt uns“, sagt der junge Syrer. Er hält es für verständlich, dass die Menschen in Deutschland den vielen Fremden nicht blind vertrauen.

Azobi: „Das würden wir umgekehrt auch so machen. Als vor vielen Jahren Flüchtlinge aus dem Irak nach Syrien kamen, haben wir ihnen auch anfangs misstraut.“ Das habe sich erst im Laufe der Jahre gelegt. Eine ähnliche Entwicklung wünscht er sich in Brandenburg.

Die Muslime des Kulturzentrums in der Bahnhofsvorstadt sind sich gewiss, dass keine Radikalen zu ihnen kommen, „denn bei uns könnten sie eine solche Einstellung nicht äußern“. Die Gemeinschaft sei friedlich, freundschaftlich und offen für jeden Besucher. Auch die MAZ war willkommen, sich ein Bild zu machen und Fragen zu stellen.

Die Gläubigen des Brandenburger Kulturzentrums heißen Gäste willkommen, verstehen sich als multikulturelle Begegnungsstätte für alle Menschen, unabhängig ihrer Ethnie, Nationalität, Religion oder Sprache. Sobald die Sprachkenntnisse reichen, sollen die Gebetsstunden halb auf deutsch und halb auf arabisch laufen.

Eingeladen war auch schon die unmittelbare Nachbarschaft. Allerdings sei nur eine Bürgerin gekommen.

Von Jürgen Lauterbach

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