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Vom Radweg in die Notaufnahme

Poller sind Feinde der Radfahrer Vom Radweg in die Notaufnahme

Radfahren ist gefährlich geworden. Vor allem dort, wo Zufahrten und Straßen die neuen Radwege kreuzen. In der vermeintlich guten Absicht, die Trassen vor illegalen Autofahrten zu schützen, bespicken die Kommunen ihr Eigentum mit allem, was der moderne Festungsbau hergibt. Doch Schranken, Gitter, Poller und Pfähle erweisen sich in der Praxis als Unfallschwerpunkt.

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Eigentlich soll das Radfahren der Entspannung dienen, vermehrt kommt es in der Region aber zu schweren unfällen.

Quelle: ADFC

Mittelmark. Als der Götzer Aussichtsturm am Horizont auftaucht, sieht Sabine Szuppa (51) Sterne. Die Frau stürzt samt Fahrrad über einen Poller – mitten auf dem Havelradweg zwischen Schmergow und Deetz. Folge: Verletzung und Bluterguss am Oberschenkel. Die Wunde entzündet sich später. Was folgt sind sieben Wochen Krankschreibung. „Ich habe auf den Götzer Berg mit seinem neuen Aussichtsturm geschaut und dabei den Poller einfach übersehen“, erinnert sich die Verunfallte.

Ähnlich erging es im vergangenen Jahr Heidrun Spitz (51) auf dem Beetzsee-Radweg zwischen Butzow und Ketzür. „Ich genoss die Landschaft, als ich plötzlich gegen diesen Poller knallte. Darauf war ich einfach nicht gefasst“, berichtet sie der MAZ. Der verhinderte Ausflug brachte der gebürtigen Brielowerin eine schwere Blutung im Beckenbereich und einen sechsstündigen Aufenthalt in der Notaufnahme des Brandenburger Klinikums ein.

Radfahren ist zu einem gefährlichen Hobby geworden. Vor allem dort, wo öffentliche Zufahrten und Straßen die neuen Radwege kreuzen. In der vermeintlich guten Absicht, die Trassen vor illegalen Autofahrten zu schützen, bespicken die Kommunen ihr Eigentum mit allem, was der moderne Metallbau hergibt – Schranken, Gitter, Poller, Pfähle. Zwar führt Martin Hochstatter keine Statistik über Polleropfer, doch der Ärztliche Leiter Rettungsdienst am Brandenburger Klinikum, kennt solche Fälle aus der Praxis. „Leider kommt es durch solche Unfälle immer wieder zu Verletzungen, die dann in der Notaufnahme behandelt werden müssen“, bestätigt Hochstatter der MAZ.

Doch muss die Pollermanie überhaupt sein? „Unfälle sind äußerst unschön. Das will keiner. Trotzdem denken wir uns etwas bei den Absperrungen“, sagt Frank Winterfeldt von der Bauverwaltung des Amtes Beetzsee. Er kennt den Unfallpoller zwischen Butzow und Ketzür. Ohne Metallpfähle wäre dem illegalen Verkehr auf den asphaltierten Radwegen Tür und Tor geöffnet, ist Winterfeldt aus leidiger Erfahrung überzeugt. Die Standorte der Pfosten werden zwischen den Kommunen als Bauherren und den Planern abgestimmt. Die kreisliche Verkehrsbehörde gibt schließlich mit einer verkehrsrechtlichen Anordnung ihren Segen. Rechtlich ist vielleicht alles in Ordnung. Doch gibt es auch andere Möglichkeiten zum Schutz vor Autorennen auf Radwegen?

Vorsicht und Rücksichtnahme

Der Havel-Radweg ist einer der schönsten Flussradwege Deutschlands. Er führt über 371 Kilometer von Ankershagen nach Gnevsdorf. In Potsdam-Mittelmark berührt er Werder und die Gemeinde Groß Kreutz (Havel). Dort führt er auf den Deichanlagen entlang. Bei Straßenquerungen muss mit Pollern gerechnet werden.
Der Beetzsee-Radrundweg wurde mit dem letzten Abschnitt zwischen Brielow und Radewege Ende 2013 fertig. Während zwischen Butzow und Ketzür mitten in der Feldmark wegen einer Seezufahrt Poller auftauchen, gibt es bei der zweimaligen Querung der Gemeindestraße zwischen Brielow und Radewege keine Hindernisse.
Rund um den Beetzsee, aber auch auf dem viel befahrenen Havel-Radweg, teilen sich Radfahrer die Trasse mit Fußgängern. Besondere Vorsicht und Rücksichtnahme ist geboten. Von Weseram bis Saaringen müssen Radfahrer mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen rechnen. Deshalb Ausweichstellen und 3,50 Meter Ausbaubreite.

Darüber will sich Reth Kalsow zumindest Gedanken machen. Der Bürgermeister von Groß Kreutz (Havel) verspricht: „Ich fahre im Frühjahr selbst die Strecke ab.“ Seine Gemeinde hat die Verantwortung für den auf der Deichanlage angelegten Havel-Radweg im Abschnitt zwischen Schmergow und Götz. „Kraftfahrzeuge auf dem Radweg sind bei uns ein Dauerthema. Selbst die Poller werden einfach umfahren“, verteidigt Kalsow die Aufbauten.

Knackpunkt für Radfahrer sind die künstlichen Einengungen bei Straßenquerungen, wie sie auch Sabine Szuppa zum Verhängnis wurden. Eigentlich sollen die Konstruktionen Radler schützen, damit sie im Eifer nicht gedankenlos über Straße rollen. Ob es dort zu konstruktiven Veränderungen kommt, will Kalsow nach seinem Lokaltermin zur Diskussion stellen. Von den Pollern muss die Kommune jedes Jahr sieben bis acht Stück ersetzen, weil die Dinger absichtlich plattgemacht oder verbogen werden.

Eine Poller-Einengung bei Brielow.

Quelle: F. Bürstenbinder

Ein Nachteil fällt Martin Hochstatter vom Brandenburger Klinikum noch ein. Alle Rettungswagen haben inzwischen Dreikantschlüssel an Bord, um Poller in Stadt und Land für Notfahrten umzulegen. „Auf dem Havelradweg kommen aber noch andere Schlüssel zum Einsatz. Die dazu passenden Schlösser sind fummelig und können leicht einfrieren. Dann kann es im Notfall vorkommen, dass Rettungsdienste Poller mit Gewalt umlegen müssen“, gibt der Ärztliche Leiter Rettungswesen zu bedenken.

Also mehr Ärger als Nutzen mit den Metallpfählen? So sieht es jedenfalls Lea Hartung vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Es gibt keine guten Poller. Sie sind nicht mehr Stand der Verkehrsplanung, beschwören Unfälle herauf und gehören deshalb weggeflext“, meint die Geschäftsführerin des Brandenburger Landesverbandes.

Die Pollerfreiheit könnte künftig für die Qualitätsbeurteilung von Radwegen durch den ADFC ein größeres Gewicht erlangen. Doch der Havelradweg ist bislang nicht zur Zertifizierung angeboten worden.

Von Frank Bürstenbinder

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