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Von Torten und Baumkuchen der Archäologen

Stadtgeschichte Brandenburgs unter der Straße Von Torten und Baumkuchen der Archäologen

60 Jahre lang passierte fast nichts an der Straße Der Temnitz in Brandenburg an der Havel. Dafür waren die archäologischen Funde beim jetzigen Neuaufbau der Fahrbahn umso ergiebiger und sensationeller. Aus Zeitgründen mussten die Archäologen sogar mit dem Bagger arbeiten, sonst wäre es nicht bei elf Monaten Verspätung geblieben.

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Derzeit wird die Einmündung zur Sankt-Annen-Straße fertiggestellt, dann die fehlende 30-Meter-Lücke geschlossen.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brandenburg an der Havel. Diese Verzögerung nervt höchstens die Anwohner: Eigentlich sollte die 220 Meter lange Straße Der Temnitz schon seit Ende Januar fertig sein, jetzt wird der Abschnitt zwischen der Pauliner- und der Sankt-Annen-Straße mit etwas Glück zum Jahresende übergeben.

Am 8. September 2014 war Baubeginn, doch bis zum 4. November kamen die Straßenbauer gar nicht zum Zuge, weil die Ver- und Entsorger verspätet ihre Leitungen für Trinkwasser, Erdgas, Elektro und punktuell Abwasser in die Erde bracht und weil zwei größere private Bauvorhaben parallel realisiert wurden. „Wir haben uns auch darauf eingelassen, dass mehrere Hausanschlüsse für spätere Bebauungen vorausschauend installiert wurden“, sagt Martina Saupe. Die Projektchefin im Bauamt hat nicht nur im Winter mit Wetterunbilden zu kämpfen. Weil es sechs Wochen lang im Sommer wärmer als 25 Grad Celsius war, konnten die Großpflastersteine auch in den eigentlich fertigen Abschnitten der Fahrbahn nicht verlegt werden, weil der Mörtel in Bett und Fugen zu schnell ausgehärtet hätte.

Die Fahrbahn wurde zugunsten der Gehwege auf sechs Meter plus jeweils 50 Zentimeter breite Rinnen verschmälert, die Großpflastersteine werden vermörtelt. Der Gehweg besteht aus Betonplatten, begrenzt vom Mosaikpflasterstreifen. Für Zufahrten und Querungen wird geschnittenes Großpflaster verwendet, um ein einfaches Passieren mit Rollstühlen und Kinderwagen zu ermöglichen.

Fast 2000 Befunde

Fast 2000 Befunde haben die Archäologen in der gut 200 Meter langen Straße gemacht.

Ein Befund ist immer eine Verdachtsstelle, eine Verfärbung oder eine Anomalie im Boden, während ein Fund auch wirklich ein physisches Indiz oder Relikt ist.

Der Temnitz kann Aufschluss geben über die Veränderungen der Bebauungsstruktur in der Stadt in den vergangenen 400 Jahren, sagt Stadtarchäologe Joachim Müller.

Die Vielfalt der Funde ist diesmal groß: Grubenhäuser, Keller mit Holzeinbauten, Töpfereiabfall aus dem 13. Jahrhundert sowie ein Friedhof mit Grabgefäßen wurden unter anderem gefunden.

Die jüngsten Funde stammen vom Frühjahr 1945: Vom blauen Emailletopf über Gläser, Eierbecher und sogar ein Teelöffel kam allerlei Hausrat zum Vorschein – das nennen die Fachleute „Sprechende Funde“.

Die meiste Zeit haben in diesem Jahr die archäologischen Arbeiten gekostet. Der Temnitz hat in den letzten Kriegstagen ziemlichen Schaden genommen, danach wurde die Straße stark verbreitert und über Jahrzehnte hinweg kaum noch angerührt. Weil es für die heutigen Straßenbauer zudem ein Baugrundproblem gab, musste ziemlich tief abgetragen werden – schon in 90 Zentimetern Tiefe allerdings trat die erste Häuserzeile zutage.

„Wir haben in einem ganz frühen Stadium gesagt, dass wir sehr viele Funde in dieser Straße haben werden“, sagt der Archäologe Wolfgang Niemeyer. Das sei bereits bei den Arbeiten an Gas- und Trinkwasserleitungen klar gewesen. Mauern und Brandschichten aus den verschiedenen Epochen lagen quasi direkt übereinander. Dennoch mussten die Archäologen teilweise zum Bagger greifen, um Planum für Planum abzutragen – sonst wären sie auch in diesem Jahr nicht fertig geworden.

„Sonst haben wir in einer Straße die klassische Torte bei den Befunden, hier waren die Fundamente wie beim Baumkuchen aneinanderliegend“, beschreibt es Stadtarchäologe Joachim Müller. Fahrspuren aus der Zeit um 1180 fanden die Altertumsforscher ebenso wie den Nachweis, dass diese Zeile vor den Toren der Stadt immer bebaut war. Allerdings ist noch nicht klar, ob die Siedlung zum Markgrafenhof des Klosters gehörte oder eine Art Satellitensiedlung/Vorstadt war.

Überraschend beispielsweise auch die Erkenntnis, dass auf einem kompakten Findlingsfundament aneinander gebaute Häuser gefunden wurden – faktisch eine der ersten Reihenhaussiedlungen, aber aus dem 16. Jahrhundert. Selbst wenn die Straße längst fertig ist, wird die Arbeit der Archäologen noch nicht beendet sein. Niemeyer und Kollegen wollen anhand der Funde und ihrer Lage zueinander eine Art Siedlungsmodell rekonstruieren.

Von André Wirsing

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