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Vor 700 Jahren so wertvoll wie Potsdam

Feierstunde in Tieckow Vor 700 Jahren so wertvoll wie Potsdam

Weil ein Brandenburger Bischof in Geldnot war, können die Tieckower in diesem Jahr das 700-jährige Bestehen ihres Dorfes begehen. Der Verkauf an das Domkapitel ist urkundlich belegt. Heute hat der Ort keine Kirche mehr, keine Gaststätten, keinen Laden. Doch einst war Tieckow so wertvoll wie Potsdam.

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Ein granitener Gedenkstein erinnert seit dem Wochenende an die 700-jährige Geschichte von Tieckow.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Tieckow. Das Jubiläum ist in Stein gehauen. Auf 700 Jahre seit der urkundlichen Ersterwähnung können die Tieckower mit Stolz zurückblicken. In der historischen Dorfmitte hat ein granitener Findling mit den Jahreszahlen 1317 – 2017 seinen Platz auf einem gepflasterten Fundament gefunden. Genau dort, wo sich die Tieckower Havelstraße teilt und mit ihren beiden Armen das Feuerwehrgerätehaus und den Spielplatz umschließt. Bis zum Dreißigjähren Krieg Standort einer Kirche. Auch vom alten Friedhof ist längst nichts mehr zu sehen.

Im Dreißigjährigen Krieg zerstört

Mit der Zerstörung der Tieckower Kirche im Dreißigjährigen Krieg nimmt das Fohrder Gotteshaus die Christen aus dem Nachbardorf zum Gottesdienst auf. So standen den Tieckowern 1797 in der Fohrder Kirche 13 Sitze zur Verfügung. Wurde der Pfarrer gebraucht, mussten ihn die Bauern in Pritzerbe abholen.

Das Tieckower Schulhaus wird 1887 eingeweiht, es ist heute in Privatbesitz und dient als Wohnhaus. 1906 wird der neue Friedhof angelegt. Die letzten Gräber auf dem alten Gottesacker in der Dorfmitte existieren noch bis in die 1950er-Jahre.

Willi Blasik vermerkt in der Fohrder Ortschronik von 1997 das letzte Tieckower Gemeindesiegel, das ein nach unten stehendes Hufeisen zeigt, in dem eine Kornähre steht. Seit 1950 ist Tieckow ein Ortsteil von Fohrde. Seit 2002 gehört Fohrde mit dem Gemeindeteil Tieckow zur Stadt Havelsee.

Trotz des kalten Novemberregens wollten sich zahlreiche Einwohner den historischen Moment nicht entgehen lassen, als Sabine Förster den von Günter Noack aus Pritzerbe geschaffenen Gedenkstein für eingeweiht erklärte. Er erinnert an jenes Jahr, als der Brandenburger Bischof Johannes Tieckow an das Domkapitel verkauft, um seine Schulden bei einem jüdischen Geldverleiher tilgen zu können. Das Geschäft wurde schon am 20. März 1317 abgewickelt. Beinahe wäre der Deal, dem Tieckow seine schriftliche Ersterwähnung verdankt, sang- und klanglos vorübergegangen. Wenn nicht das ehemalige Lehrerehepaar Sabine und Hans Förster zusammen mit Monika Kretschmer eine private Initiative zur Ausrichtung einer Feierstunde ins Leben gerufen hätte.

Die Feierstunde fand im Saal der ehemaligen Gaststätte Barnewitz statt

Die Feierstunde fand im Saal der ehemaligen Gaststätte Barnewitz statt.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Die Resonanz überraschte die Organisatoren. Über 60 Tieckower und Fohrder waren der Einladung in den renovierten Saal der ehemaligen Gaststätte Barnewitz gefolgt, wo bei Kaffee und Kuchen an die Geschichte des 580-Einwohner-Dorfes erinnert wurde. Darunter Karl Philipp, mit 92 Jahren der älteste Tieckower. Eine schlechte und eine gute Nachricht hatte Rüdiger von Schnurbein für die Tieckower im Gepäck. Das originale Papier der urkundlichen Ersterwähnung von 1317 existiert leider nicht mehr, dafür aber eine glaubhafte Kopie im Domarchiv, versicherte der Leiter des Brandenburger Dommuseums. So richtig schmeicheln konnte von Schnurbein die Tieckower in seinem Vortrag mit der Feststellung: „Sie sind ebenso viel wert wie Potsdam.“ Drei Jahre später verkaufte der Bischof nämlich die Burg Potsdam für 200 Mark in Silber. Die selbe Summe, die ihm die Veräußerung von Tieckow einbrachte.

Rüdiger von Schnurbein war als Gast in Tieckow

Rüdiger von Schnurbein war als Gast in Tieckow.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Sabine und Hans Förster blieben mit ihrer bebilderten Rückschau in der jüngeren Vergangenheit. Natürlich wurde an die Kirche erinnert, die im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden abgerissen wurde, um Bauholz für Boote zum Überqueren der Havel zu gewinnen. Nie wieder wurde danach in Tieckow eine Kirche aufgebaut. Vorbei sind auch die Zeiten, als es im Dorf drei öffentliche Gaststätten und einen Kaufladen gab. Längst Geschichte ist das Bäckerhandwerk, die Mühlen und die auf den Grund der Havel gesetzte Heufähre. Diese trug ihren Namen deshalb, weil die Wiesen der Tieckower Bauern auf der Bahnitzer Seite des Flusses lagen.

Sabine Förster brachte das Kunststück fertig auf einem vor 1945 entstandenen Klassenfoto mit Lehrer Gustav Wittler alle Mädchen und Jungen zu benennen. So manche Namen sind bis heute im Dorf präsent. Erinnert wurde an den Chausseebau von Plaue nach Fohrde mit gelben Hartbrandklinkern aus Kranepuhl, an zugefrorene Wiesen, auf denen Schlittschuh gelaufen wurde.

Sabine Förster

Sabine Förster

Quelle: JACQUELINE STEINER

Eine andere Aufnahme zeigte die Fischer Schadebroth und Friedel bei der Arbeit. Starken Einwohnerzuwachs bekam Tieckow nach der Wende durch die Erschließung des Wohnparks „Am Kolonieweg“. Doch bis auf die Feuerwehr gibt es im Dorf keine organisierte gesellschaftliche Kraft. „Vielleicht ist die Feierstunde ein Impuls für weitere Treffen. Das Interesse ist offensichtlich vorhanden“, hofft Hans Förster, der zum 700-jährigen Jubiläum eine 26 Strophen umfassende Tieckow-Saga zu Papier brachte.

Von Frank Bürstenbinder

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