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Die Pubertät bedeutet das Ende der Erziehung

Vortrag im Asklepios-Fachklinikum Die Pubertät bedeutet das Ende der Erziehung

In der Pubertät betreten Jugendliche „absolutes Neuland“, in dem sie ihre Selbstständigkeit entwickeln. Wenn der Körper sich verändert, Herausforderungen warten wie Sex und Liebe, kann die Schule auch mal „nicht so wichtig“ sein, sagt Kinderpsychiatrie-Chefärztin Annegret Eckhart-Ringel am Mittwoch vor gut 100 Besuchern im Asklepios Klinikum.

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Die Schule verliert in der Pubertät gelegentlich an Bedeutung.

Quelle: Ute Petri

Brandenburg/H. „Die Pubertät ist ein schwieriger Vorgang, vergleichbar einer Geburt.“ Der Vortrag, den Chefärztin Annegret Eckhart-Ringel zu den für Eltern und Jugendliche schwierigen Jahre hielt, lockte in dieser Woche deutlich mehr als hundert Zuhörer ins Brandenburger Asklepios-Klinikum auf dem Görden. Die seit Juni in Brandenburg tätige Chefin der Kinder- und Jugendpsychiatrie redete sowohl über die normale Pubertät als auch über psychische Störungen, mit denen manche Jugendliche die in dieser Lebensphase auffallen.

Mehrfach spricht die Medizinerin von „unglaublichen Herausforderungen“ für die Jugendlichen und ihre Eltern. Die Pubertät bezeichnet sie als einen Prozess, der mit großen Aufgaben verbunden ist, mit hormonellen und anderen körperlichen Veränderungen, die sich auf die emotionale Stabilität auswirken. Als Beispiel nannte sich das Brustwachstum, das viele Mädchen als unangenehm und verstörend erlebten.

Der Prozess Pubertät ist nach den Worten der Fachärztin „absolutes Neuland“, in dem Jugendliche ihre Identität erproben und ihre Selbstständigkeit entwickeln. Sie hält es daher für plausibel, dass „Schule mal nicht so wichtig ist“, wenn Herausforderungen warten wie Sex und Liebe.

Das eigene Kind jeden Tag neu kennenlernen

Was bedeutet das für Eltern? Sie müssen ihr Kind immer wieder neu kennenlernen, „auf die Entdeckung des Tages gespannt sein“, wie Annegret Eckhart-Ringel es ausdrückt. Der Schwerpunkt verlagere sich von der Erziehung zur Beziehung. „Die Erziehung ist eigentlich abgeschlossen, von nun an können Sie Ihre Kinder begleiten“, sagt die Jugendexpertin. Sie empfiehlt, dabei weder starr noch beliebig, sondern flexibel zu reagieren.

An dieser Stelle hätten sich Zuhörer vermutlich Beispiele aus dem Alltag gewünscht, der ein oder andere im Publikum hätte vielleicht auch etwas aus den eigenen vier Wänden beigesteuert. Allerdings hütet sich die Chefärztin vor allzu konkreten Ratschlägen, weil jeder Jugendliche individuell zu sehen sei. Also gibt es während des Vortrags keinen Austausch über Alltagserfahrungen.

Die Mutter zweier Kinder erzählt nur einmal einer Stelle aus dem Nähkästchen: Wie sie sich einst mit ihrem Sohn gefetzt hat, der sie aufforderte, ihn nicht so zu behandeln wie ihre Patientin, worauf sie konterte mit den Worten: „Dann benimmt dich nicht so.“

Wenn die Fetzen fliegen

Auch wenn die Fetzen fliegen und es mal unter die Gürtellinie geht, ist sich die Fachärztin sicher: „Die Kinder lieben einen trotzdem, sie können es nur nicht so gut zeigen.“ Sie weist Eltern in solchen Situationen die Rolle von Eichen zu, die rufen: „Reib dich, kleines Wildschwein, arbeite dich an uns ab, wir fallen nicht gleich um.“

Als Psychiaterin weiß die Referentin, dass in der Pubertät mehr und Gefährliches passieren kann als solche Reibungen und Krisen, aus denen alle gestärkt hervor gehen können. Der Sprung ins kalte Wasser sei schön und gefährlich zugleich. Denn pubertierende Jugendliche bewegen sich oft an Grenzbereichen, versuchen sich an Mutproben. Etwa wenn Mädchen ihre Haut aufritzen, Jungen „Zug-Surfen“ oder bis zur Ohnmacht saufen.

Ritzen

Selbstverletzendes Verhalten ist nach den Ausführungen der Kinderpsychiaterin Annegret Eckhart-Ringel keine Diagnose und nicht mit Borderline-Störung gleichzusetzen. Es könne aber mit anderen Diagnosen wie einer Depression zusammenhängen.

Das Ritzen ist vor allem bei Mädchen verbreitet, die Fachärztin gibt die Rate im Jugendalter mit 3 bis 37 Prozent an.

Ausdruck für etwas, für das es keine Worte gibt, kann des Ritzen nach der Erklärung der Brandenburger Chefärztin sein.

Ein anderes Motiv kann sein, dass ein Mädchen seine Mitschülerinnen beeindrucken will, dass das Ritzen das verbindende Element wird nach der Devise: Wir müssen uns alle verletzen.

Einige Jugendliche sehnen sich nach einer anderen Form, sich zu spüren, sich selbst wahrzunehmen. Sie möchten den Schmerz so unmittelbar spüren.

Gefährlich werden kann das Ritzen, wenn Jugendliche versuchen, auf diese Weise Spannung abzubauen und sich selbst zu regulieren.

Kontakt: Die Institutsambulanzen der Kinder- und Jugendpsychiatrie Brandenburg ist erreichbar unter Telefon 0 33 81 78 23 83, Die E-Mail-Adresse lautet: piakb.brandenburg@asklepios.com

Sie ermuntert Eltern, Rahmen abzustecken, ohne dass es kracht, und zu überlegen, welche Leitplanken Abstürze verhindern können. Welche Lösungswege in bestimmten Konfliktsituation möglich sind, konnten Gäste nach dem Vortrag unter vier Augen mit Fachleuten der Klinik besprechen.

Schnell ist es mit der Pubertät in der Regel übrigens nicht vorbei. Das Alter von 21 Jahren, wenn das Gehirn aufhört zu reifen, nennt Annegret Eckhart-Ringel als Ende dieser Lebensphase.

Von Jürgen Lauterbach

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