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Brandenburg/Havel Wenn Kinder sterben
Lokales Brandenburg/Havel Wenn Kinder sterben
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11:54 12.02.2016
Die 15-jährige Pauline aus dem Dokumentarfilm „Seelenvögel“ von Thomas Riedelsheimer. Sie starb an Leukämie. Quelle: Verleih
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Brandenburg/H

„Wie konzentriert sie gestorben ist. Sie hat sich einfach hingelegt, fünf Stunden noch geatmet und dann aufgehört.“ Das sagt die Mutter der 15-jährigen Pauline. Das Mädchen stirbt an Krebs. Es ist eine Szene des hochgelobten Dokumentarfilmes „Seelenvögel“ von Grimme-Preisträger Thomas Riedelsheimer über drei leukämiekranke Kinder. Die Björn-Schulz-Stiftung in Brandenburg an der Havel zeigte am Mittwochabend diesen Film anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens am Tag der Kinderhospizarbeit.

Im überschaubaren Publikum sitzen eine Brandenburger Bestatterin, eine Palliativ-Kinderärztin aus Berlin, Kinderkrankenschwestern und ehrenamtliche Familienbegleiter. Sie alle widmen sich beruflich oder neben ihrer Arbeit einem Lebensthema, vor dem die allermeisten Menschen einfach nur fliehen würden: dem Sterben von Kindern. Die Björn-Schulz-Stiftung mit ihrer Beratungsstelle am Altstädtischen Markt 2 in Brandenburg ist für Familien sterbenskranker Kinder da. Rund 35 todkranken Jungen und Mädchen und deren Eltern hat Martina Geiersberg im Laufe dieser zwei Jahrzehnte in der Stadt Brandenburg und Umgebung beigestanden. Martina Geiersberg leitet die Beratungsstellen in Brandenburg und Potsdam.

50 Familien im Jahr

In den beiden Niederlassungen begleiten die Mitarbeiter und ihre ehrenamtlichen Helfer 50 Familien im Jahr, die das durchstehen müssen, wovor Eltern die allergrößte Angst haben. Die Angst, das Kind zu verlieren. So wie Paulines Mutter das Ringen ihrer Tochter ums Überleben Jahre durchstehen muss. Es sind nicht immer angestrengte Momente. Da liegt die Mutter auch mal entspannt auf dem Klinikbett und blättert in einer Ärztezeitung, während ihre Tochter sagt: „Transplantationen sind mein Hassthema.“ Da hatte sie eine Stammzellen-Transplantation überstanden. Neun Jahre war Pauline alt bei der Diagnose.

Martina Geiersberg Quelle: privat

Der drohende Tod ist in diesen Familien kein Tabuthema. Paulines nur wenig jüngere Schwester sagt es so: „Es ist normal geworden, dass sie vielleicht bald stirbt. Wir müssen darüber nicht mehr reden, wir wissen es beide, sie und ich.“ Pauline, ein hübsches, zartes Mädchen, das Gedichte schreibt über ihr Leben mit dem Tod, sagt: „Das Meer hört nie auf. Es ist immer eine Welle da. Bitte, lieber Gott, lass mich leben.“ Und: „Der wichtigste Moment ist der Augenblick.“

Zum Frühstück auf den Friedhof

Am Ende des Films liegt der Leichnam des Mädchens neben Blumen auf einem Bett. Auf einem Tisch brennen zwei Kerzen. Zum Frühstück zieht es die Familie wenige Wochen später zum Friedhof. Dort haben sie das Gefühl, Pauline noch bei sich zu haben. Sie war eine überschwängliche, künstlerisch hochbegabte Jugendliche, versonnen, verspielt, behütet und doch in größter Gefahr.

In einer Filmszene rappt Pauline aus Mozarts Zauberflöte die Arie des Vogelmenschen Papageno. Wenige Monate sind es da nur noch, bis ihre Seele davonfliegt.

„Ich kann ganz viel von diesen Familien lernen“, sagt Martina Geiersberg im Hier und Jetzt. „Es sind extreme Situationen, Krisen, die die Menschen durchstehen müssen und sie auf ihren eigenen Weg bringen.“ Ihnen Zeit und Raum für ihre Ängste und Trauer zu geben, ist der 55-jährigen gelernten Krankenschwester, Diplom-Sozialarbeiterin und Familientherapeutin wichtig. Oft stehen sie und ihr Team den Kindern und Eltern über Jahre zur Seite. Martina Geiersberg erzählt von einer jungen Frau, die als Teenager die tödliche Diagnose Gehirntumor erhielt. „Sie würde irgendwann ersticken, hieß es.“ Doch dank Mediziner, die auf die Versorgung sterbenskranker Menschen spezialisiert sind, kam der Tod für die Frau friedlich. „Sie ist rübergeschlafen in den Armen ihrer Mutter.“

Für eine Bestatterin das Schlimmste

An diesem Tag der Kinderhospizarbeit sitzt die Bestatterin Verena Arnold im Publikum. „Das Sterben und der Tod von Kindern ist das Schlimmste“, sagt die 44-Jährige, selbst zweifache Mutter. „Es bringt uns an unsere Grenzen. Es fehlen die Worte. Wenn Familien uns verlassen, weil die Beerdigung vorbei ist, ist die Not natürlich noch immer groß. Wir sind froh, dann den Eltern den Kontakt zur Björn-Schulz-Stiftung vermitteln zu können.“

Wie wesentlich das ist, machen Martina Geiersbergs Worte deutlich: „Es ist schwierig, den Familien zu helfen, wenn sie nicht wissen, dass es uns gibt.“

Die Björn-Schulz-Stiftung

Sie ist benannt nach dem siebenjährigen Björn, der 1982 an Leukämie starb. Seine Eltern gründeten daraufhin den Verein Kinderhilfe, aus dem die Björn-Schulz-Stiftung 1996, also vor 20 Jahren genau, hervorging. Die Stiftung begleitet Familien sterbenskranker Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener. Auch Familien, in denen ein junger Vater oder eine junge Mutter todkrank sind, stehen die Mitarbeiter und ihre ehrenamtlichen Helfer bei.

Die Björn-Schulz-Stiftung beschäftigt eigenen Angaben nach rund 140 Mitarbeiter. Hinzu kommen ehrenamtliche Helfer, in Brandenburg an der Havel sind dies 25 Menschen. Nur jeder zehnte von ihnen ist ein Mann. Weitere 25 Familienhelfer gibt es in Potsdam. 15 weitere Männer und Frauen absolvieren gerade die ehrenamtliche Ausbildung. Beratungsstellen gibt es Brandenburg, Potsdam und Frankfurt (Oder). Daneben weitere in Sachsen-Anhalt, Bayern und Berlin. In Berlin-Pankow betreibt die Stiftung das Kinderhospiz Sonnenhof. Auf Sylt und am Chiemsee gibt es Nachsorge-Häuser für Erholung und Geschwisterreisen.

Die Stiftung betreut Familien vom Zeitpunkt der Diagnose bis zum Tod des Kindes und darüber hinaus. Für Geschwisterkinder gibt es spezielle Angebote, weil sie oft im Hintergrund stehen und ihre hochbelasteten Eltern ihnen häufig nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken können. Auch Schulklassen, in denen ein Mitschüler verstorben ist, steht die Björn-Schulz-Stiftung bei.

Von Marion von Imhoff

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