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Wie man einem Jungen die Kindheit zerstört

Brandenburg an der Havel Wie man einem Jungen die Kindheit zerstört

Das Lachen des Jungen täuscht. Im Ferienlager hatte er Spaß, aber zu Hause war es ein Leben wie in der Hölle. Heinzpeter Kemnitz ist 1944 geboren, in Brandenburg an der Havel aufgewachsen und musste die Prügeleien seines Stiefvaters erdulden. Das hatte Folgen.

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Heinzpeter Kemnitz als kleiner Junge in einem Ferienlager.

Quelle: Repro: MAZ

Brandenburg/H. So ein fröhliches Kerlchen. Der Junge, der dem Leser auf der Titelseite des Büchleins entgegen lacht, weckt den Eindruck, er sei zufrieden, freue sich am Leben und auf die nächste Fußballpartie mit den Kumpels. „Das Foto ist in irgendeinem Ferienlager entstanden“, erinnert sich Heinzpeter Kemnitz. Auf dem Bild, mit dem Kemnitz seine Memoiren illustriert, schaut man dem kleinen Peter allerdings nicht ins Herz. Wer dies könnte, sähe Schmerz, Kummer und Leid. In seiner Kindheit und Jugend hat Heinzpeter Kemnitz viel einstecken müssen. Wie viel, das kann man jetzt nachlesen in „Meine Geschichte“, erschienen bei Books on Demand in Norderstedt.

„Meine Geschichte“

Heinzpeter Kemnitz, „Meine Geschichte“: Das Buch hat 94 Seiten und kostet 5,99 Euro.

Erschienen ist es im Norderstedter Verlag „Books on Demand“.

Diese Firma gehört zu den Verlagen, die eine Veröffentlichung für einen geringen Zuschuss ermöglichen

Bestellen kann man es unter ISBN 978-3-7448-7155-6.

Schon dass es diesen Jungen gibt, hat der deutsche Staat nicht gewollt. Heinzpeters Vater war Marcel Chretien, ein Zwangsarbeiter aus Frankreich, eingesetzt als Dolmetscher bei den Arado-Flugzeugwerken. In dem Werk lernte er die Büroangestellte Hildegard Kemnitz kennen und lieben. Niemand wollte die Beziehung der beiden 20-Jährigen, außer ihnen selbst. Am 1. August 1944 gebar sie die Frucht ihrer Liebe. Im Kriegsgeschehen riss der Kontakt ab.

Als Hildegard Kemnitz in Brandenburg nach dem Krieg einen neuen Mann kennenlernte, nahm das Schicksal für den kleinen Peter seinen Lauf. Ständig schlug der Stiefvater den Jungen. Niemand stand ihm bei. Wohl hätten die Großeltern etwas von der Not geahnt, „aber darüber sprach man damals nicht“, sagt er heute. Er wisse nicht, warum es ständig Prügel gab. Er weiß nur, dass ihn dies geprägt und ziemlich aus der Bahn geworfen hat.

Heinzpeter Kemnitz sieht viele Dinge heute milder

Heinzpeter Kemnitz sieht viele Dinge heute milder.

Quelle: Heiko Hesse

An seinem 70. Geburtstag kam der Gedanke, „alles einmal für meine Kinder aufzuschreiben“. Als müsste er das Erlebte einmal zusammenfegen und aufbereiten. Heinzpeter Kemnitz hat in die Tasten gehauen, hat sein Leben herunter geschrieben, „wie es mir in den Kopf gekommen ist“. Literatur sollte es nie werden, sondern nur ein Büchlein für die Familie, mit ein paar Fotos illustriert und ordentlich gebunden. Dass sich einige Rechtschreibfehler finden, ist dabei nicht so wichtig. Wichtig ist, dass er seinen Nachkommen berichtet, wo er im Leben daneben getreten ist.

Er war ungefähr so alt wie seine Eltern, als er selbst zum Vater wurde. Er hatte sich mit einer jungen Frau aus der Nähe von Rathenow verlobt. Sie wurde schwanger, doch als sie einen Jungen gebar, war die Verlobung aufgelöst und hatte Heinzpeter Kemnitz andere Sachen im Kopf. „Ich war vollkommen überfordert“, gesteht er ein. Er trank viel, prügelte sich oft und landete im Gefängnis. „Erst danach bin ich ruhiger geworden und war bereit, Verantwortung zu übernehmen.“ Er heiratete eine Frau, die fünf Kinder mitbrachte. Tochter Jacqueline kam wenig später zur Welt.

Die Mutter starb früh

Wenn er heute etwas anders machen würde, „hätte ich eher versucht, meine Familie in Frankreich zu finden, als ich es getan habe“. Er war zwölf, als er erfuhr, wer sein Vater ist. „Der hätte mich ganz bestimmt nicht so behandelt wie mein Stiefvater.“ Von seiner Mutter, die früh starb, hatte er nicht viel erfahren. Versuche, etwa über den Suchdienst des Roten Kreuzes Informationen zu bekommen, scheiterten. Zumindest half Heinzpeter Kemnitz der Nachweis, Sohn eines Franzosen zu sein.

So konnte er die französische Staatsbürgerschaft annehmen und mit Frau und Tochter 1986 nach Frankreich umziehen – zumindest war es so bei den DDR-Behörden beantragt und bewilligt. Tatsächlich stieg die Familie in Frankfurt am Main aus und richtete sich erst einmal im Westen ein. Doch es sollten noch weitere Jahre ins Land gehen, bis Heinzpeter Kemnitz alles über seinen Vater erfuhr, der früh gestorben war, „und dass ich auch in Frankreich eine tolle Familie habe“.

Gastwirt und Bürgermeister in Michelsdorf

Kurz nach der Wende kehrte er nach Michelsdorf zurück, weil es sein Job verlangte. Mittlerweile hat Heinzpeter Kemnitz, den viele Menschen als Gastwirt und Bürgermeister in Michelsdorf kennen, die Dinge in seinem Leben sortiert. Er bemüht sich um ein gutes Verhältnis zu seinem leiblichen Sohn und er schaut mit gewisser Milde auf seinen prügelnden Stiefvater. „Ich bin ihm nicht mehr so sauer.“

Das Leben des Heinzpeter Kemnitz ist geprägt vom Krieg, von einer starren Gesellschaft und schließlich von der Wende mit verschiedenen Fallen, in die ein Mensch treten kann. Die 94 Seiten „Meine Geschichte“ erzählen also auch eine deutsche Geschichte.

Von Heiko Hesse

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