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Wie neu geboren: Leben mit Spenderherz

Altbensdorf Wie neu geboren: Leben mit Spenderherz

Bald ist es 20 Jahre her, dass Barbara Rexhausen aus Altbensdorf das Herz eines anderen Menschen eingepflanzt worden ist. Jeden Abend kontrolliert sie dessen Schläge. Sie zählt sie nicht, aber die 79-Jährige ist beruhigt und recht zufrieden. Der Herzschrittmacher trägt das Seine dazu bei. So muss sie sich nicht ängstigen. Das neue Herz schlägt.

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Barbara Rexhausen in ihrer Wohnung Altbensdorf. Die Seniorin lebt seit 2o Jahren mit einem Spenderherz.
 

Quelle: Jürgen Krumnow

Altbensdorf.  Bald ist es genau 20 Jahre her, dass Barbara Rexhausen aus Altbensdorf das Herz eines anderen Menschen eingepflanzt worden ist. Jeden Abend kontrolliert sie dessen Schlag. Gegenüber der Messung am Vorabend sind das immer so 80 000. Sie zählt sie nicht, aber die 79-jährige Barbara Rexhausen ist beruhigt und recht zufrieden. Der Herzschrittmacher trägt das Seine dazu bei. So muss sie sich nicht zu sehr ängstigen. Das neue Herz schlägt.

Doch der Gedanke daran, dass das Ding auf der linken Brustseite aus der Reihe tanzt, hat sie auch seit diesem bedeutsamen Tag nicht mehr los gelassen, den sie als einen Tag bezeichnet, an dem sie neu geboren wurde. Das wundert nicht. Denn lange zuvor durchlebte sie Ängste, die sich tief in ihr Bewusstsein eingegraben haben.

Es begann so ungefähr im August 1991. Wie aus heiterem Himmel begann ihr Herz zu stolpern. Immer wieder. Voll Sorge fasste sie sich dann an die Brust, auch die Atmung schien auszusetzen, die Angst lähmte sie und bestimmte Ihr Denken. Und die Anfälle häuften sich. „Jetzt musst du sterben, dachte ich und konnte nichts anderes mehr denken“, sagt sie. Und so begann für Jahre das Leben mit der Angst. Auch der Einsatz eines Defibrillators und anderer Hilfsmittel half nicht fühlbar. Mit Hochachtung spricht sie von Ärzten wie Conrad Höpfner, die ihr die Angst zu nehmen suchten, ihr Hoffnung und Mut machten und sich bemühten, ihren Lebensmut zu wecken. Aber das Herz stolperte, die Seele von Barbara Rexhausen war wund.

All das zehrte an den Kräften der damals gut 50 Jahre alten Frau. An ihrer Seite ein sorgenvoller Ehemann, der seine Ängste hinter Zweckoptimismus verbarg und zunehmend die Führung im Haushalt übernahm. Seine Frau brauchte ihn, immer und überall. Wenn sie vom Arzt kommend in die Wohnung im dritten Stock in der Alfred-Rosch-Straße in Brandenburg Nord wollten, wurde das zu einem Kraftakt. Ehemann Kurt hatte dafür eine kleine Bank zur Hand. Immer wenn Barbara die ersten acht oder neun Stufen mühsam erklommen hatte, setzte sie sich, schöpfte Kraft, bis sie die nächste Hürde in Angriff nahm.

Barbara Rexhausen war seelisch und körperlich erschöpft. Und als obendrein ein Virus ihr Herz bedrohte und seine Funktion beängstigend einschränkte, war ihr Lebensmut auf dem Nullpunkt. „Sie brauchen unbedingt ein Spenderherz“, sagten ihr die Ärzte und brachten ihren Namen auf der langen Liste der Hoffnungen unter.

Und dann ging alles ganz schnell. Am Abend des 20. November 1997 um 20 Uhr wurde ihr angekündigt, in wenigen Stunden stünde ein Spenderherz bereit. Schon um Mitternacht begann eine achtstündige Operation in einer Berliner Klinik. Am folgenden Vormittag erlebte sie den wohl schönsten Augenblick ihres Lebens. „Ich hörte von der Tür eine Schwester sagen, ’und ihr Herz schlägt’, und in der Tür standen mein Mann und meine Söhne.“

Nun hatte sie ein fremdes Herz in der Brust, das jetzt das Ihre war und an das sie sich gewöhnen musste und wollte. „Niemand sagte einem, wem das Herz gehört hat. Ich weiß nur, dass es fünf Jahre jünger ist als ich“, sagt sie, als sie in ihrer schönen Wohnung in Altbensdorf die Geschichte des alten und neuen Herzens erzählt. Auf dem Schoß hält sie dabei ein Kissen, das ihre Enkel ihr schenkten. „Geh, wohin dein Herz dich trägt“, ist darauf zu lesen.

Sie fühlt sich dem unbekannten Spender nahe, denkt sich, er könnte wie sie empfunden haben. „Aber das ist nur so eine Idee“, gesteht sie sich angesichts des geschenkten Lebens ein. Aber das neue Herz hatte es auch nicht leicht. „Ich meinte, es steht still, als mein Mann von einem auf den anderen Tag starb. So war er nach der Herzverpflanzung nur drei Jahre an meiner Seite, und wir konnten viele schöne Dinge nicht mehr gemeinsam erleben.“

Die 79-Jährige ist dankbar für jeden Tag. Sie weiß Söhne, Schwiegertöchter und Enkel an ihrer Seite, auf die sie sich immer verlassen kann und die sie die vielen Jahre mit Sorge begleitet haben.

Sie nimmt am Leben im Ort teil, besucht Veranstaltungen der Feuerwehr oder des Sport– und Spielvereins. Und sie genießt in vollen Zügen den Sommer, wenn es sie für Monate in das Wochenendhaus an der Ostsee zieht, wo Freunde auf sie warten. „Ich bin glücklich, dass alles erleben zu können“, sagt sie. Und sie feiert den Tag der Herzverpflanzung als einen zweiten Geburtstag.

Aber sie bleibt vorsichtig, geht nie ohne das Herzmittel Nitrangin aus dem Haus. Sie hat ja nur das eine Herz.

Von Jürgen Krumnow

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