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„Wir stecken mitten in der Agrarwende“

KBV-Vorsitzender Jens Schreinicke im Interview „Wir stecken mitten in der Agrarwende“

2015 wurde der damals noch unbekannte Jens Schreinicke zum Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark gewählt. Im Februar steigt der Mutterkuhhalter aus Stücken erneut in den Ring. Im Interview sagt der Landwirt, wie es um die Agrarwende zwischen Havelland und Fläming steht.

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Jens Schreinicke ist seit drei Jahren Vorsitzender des Kreisbauernverbandes. In der Heimvolkshochschule Seddiner See will sich der Mutterkuhhalter aus Stücken am 19. Februar erneut zur Wahl stellen.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Mittelmark. Seit drei Jahren steht Jens Schreinicke an der Spitze des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark (KBV). Die Wahl des Mutterkuhhalters aus Stücken bei Michendorf war damals für viele Mitglieder eine Überraschung. Inzwischen hat sich Schreinicke als Sprachrohr der mittelmärkischen Landwirte etabliert. Im Februar tritt der Vorsitzende zur Wiederwahl an.

Herr Schreinicke, das Jahr ist noch jung. Es hat außergewöhnlich viel geregnet. Schon droht auf den Feldern neues Ungemach. Staunässe macht den Wintersaaten zu schaffen. Was kommt da auf die Bauern zu?

Viele Böden sind vollständig gesättigt. Auf anderen Flächen steht inzwischen dauerhaft Wasser. Die Situation ist von Region zu Region unterschiedlich. Wichtig ist, dass die Entwässerung funktioniert. Bedeutende Vorfluter sollten die Wasser- und Bodenverbände schon im Frühjahr krauten dürfen. Dazu kommt der Biber. Breiten sich die Tiere weiter ungehindert aus, gehen Flächen für die Bewirtschaftung verloren. Das bekommen die Bauern im Geldbeutel zu spüren. Wo nicht gearbeitet wird, gibt es keine Fördermittel.

Gerade haben Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von einer zunehmenden Gefährdung des Grundwassers in Brandenburg durch Nitrate gewarnt. Als Verursacher wird schnell die Landwirtschaft ausgemacht.Wie beim Insektensterben. Vogelfreunde prophezeien gar einen „stummen Frühling“. Wie kommt die Landwirtschaft von ihrem schlechten Image weg?

In Brandenburg haben mittlerweile 26 Prozent der Fläche einen besonderen Schutzstatus. Trotzdem wird ein Artensterben beklagt. Läuft nicht vielmehr beim Naturschutz etwas falsch? Was manche Kritiker mit ihren Angriffen auf die Landwirtschaft betreiben, ist reiner Populismus und hat mit einer ganzheitlichen Betrachtung der Probleme nichts zu tun. Eine Invasion von Waschbären macht sich über die Wiesenbrüter her. Der Maisanbau soll allein schuld an der hohen Wildschweindichte sein. Doch auf dem Stahnsdorfer Friedhof wächst kein Mais. Unsere Bauern auch in Potsdam-Mittelmark stecken längst mittendrin in der Agrarwende. Niemand darf einfach drauf losackern. Blühstreifen, Gülleverordnung, Stoffstrombilanzen, Stallbauvorschriften – die Liste der Auflagen und gesetzlichen Anforderungen ist lang geworden.

Können Sie den Mittelmärkern erklären, warum die Bauern nicht ohne das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat auskommen?

Aus Quecken lässt sich nun mal kein Mehl mahlen. Wenn der Bauer aus der Hauptfrucht keinen Ertrag generieren kann, weil das Unkraut zur Konkurrenz für das Getreide geworden ist, gefährdet dieser Zustand seine Existenz. Insbesondere bei der pfluglosen Bodenbearbeitung, einem eigentlich gewünschten Verfahren, um Kraftstoff zu sparen und Bodenerosionen vorzubeugen, würde der völlige Verzicht auf das Spritzen zu einem massiven Unkrautdruck führen. Ich glaube, dass es sich beim Thema Glyphosat um eine Stellvertreterdiskussion handelt, um ein Verbot später auf andere Wirkstoffe auszudehnen. Sollte es dazu einmal in der EU kommen, ohne die gleichen Standards auf Importeure anzuwenden, wird es für die heimische Landwirtschaft richtig schwer.

Hat sich die wirtschaftliche Lage der Bauern zwischen Pritzerbe und Treuenbrietzen 2017 erholt?

Das vergangene Jahr brachte Licht und Schatten. Es gab eine Flut neuer Auflagen, extreme Wetterbedingungen, aber zum Teil bessere Preise. In der Tat haben sich einige Betriebszweige, wie die Milchproduktion, erholen können. Doch ob die Defizite aus den beiden schlechten Vorjahren wettgemacht werden konnten, steht auf einem anderen Blatt. Für die noch wenigen Schweinehalter im Landkreis waren die Preise im Jahresverlauf stabil. Eine Prognose für 2018 ist schwierig. Das hängt unter anderem vom Exportgeschehen ab. Sollte die Afrikanische Schweinepest von Tschechien auf Deutschland überspringen, hätte dies enorme wirtschaftliche Schäden zur Folge. Die Getreidepreise lagen leicht unter dem Niveau von 2016. Eine Rekordernte hingegen hat uns der Mais beschert.

Vor welchen Herausforderungen steht der Kreisbauernverband 2018?

Wir bereiten gegenwärtig die Jahresmitgliederversammlung am 19. Februar in der Heimvolkshochschule Seddiner See vor. Unter anderem ist ein neuer Vorstand zu wählen. Sollten mir die Mitglieder erneut das Vertrauen aussprechen, bin ich gerne bereit die Arbeit der letzten drei Jahre fortzusetzen. Die Stärkung unseres Kreisverbandes bleibt ein ständiges Anliegen. Wer nicht organisiert ist, hat es immer schwerer Menschen zu erklären, warum Gülle stinkt und Pflanzenschutz nötig ist. Froh bin ich darüber, dass der Standort unserer Geschäftsstelle in Ragösen auch nach einem Eigentümerwechsel gesichert ist. So konnten Räume renoviert und neue Fenster eingebaut werden.

Die verschärften Regeln in der Düngeverordnung beschäftigen viele Betriebsleiter.

Und ob. Die vom Gesetzgeber eingeschränkten Mengen und Ausbringezeiten bringen etliche Betriebe in die Bredouille. So müssen für Gülle und Gärreste zusätzliche Lager vorgehalten werden. Doch diese lassen sich nicht aus dem Boden stampfen. Die Bauämter stoßen an ihre Grenzen. Und auch das Geld muss beschafft werden.

Die Grüne Woche in Berlin steht bevor. Was erhoffen Sie sich von der weltweit größten Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau?

Die ungebremste Popularität der Internationalen Grünen Woche zeigt mir, wie groß das Interesse und das Vertrauen einer breiten Bevölkerungsschicht in die Landwirtschaft ist. Ich freue mich, dass wieder Direktvermarkter am Gemeinschaftsstand von Potsdam-Mittelmark oder mit eigenen Auftritten dabei sind. Davon würde ich mir noch viel mehr im Landkreis wünschen. Doch da sind wir schon beim Fachkräfteproblem. Wer Produkte veredeln will, braucht Fleischer und Bäcker. Und davon gibt es leider immer weniger.

Von Frank Bürstenbinder

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