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Wird Alfred-Messel-Platz nach Punker benannt?

Linke will Platzumbenennung Wird Alfred-Messel-Platz nach Punker benannt?

In Brandenburg an der Havel ist der Platz am alten Stadtbad nach einem jüdischen Architekten benannt. Noch. Schon bald könnte er den Namen eines totgetretenen Punkers haben – zumindest wenn die Linken mit ihrem Antrag Erfolg haben. Damit würde zwar an ein schreckliches Ereignis erinnert, aber wieder ein Hinweis auf einen bedeutenden Architekten verschwinden.

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Gesundheitsforum am Brandenburger Messelplatz: Der Weg rechts im Bild soll benannt werden.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brandenburg an der Havel. Die Brandenburger Linken haben im Dezember den Beschlussantrag in die SVV eingebracht, den Alfred-Messel-Platz am alten Stadtbad umzubenennen und ihn künftig als „Sven-Beuter-Platz“ auszuweisen. Als vor einiger Zeit das Thema erstmals in der Beigeordnetenrunde der Oberbürgermeisterin zur Sprache kam, bildeten sich große Fragezeichen in den Gesichtern der leitenden Mitarbeiter. Er könne das alles erklären, ließ der linke Beigeordnete Wolfgang Erlebach wissen.

Erlebach hatte sich, wie seine Genossen berichten, Dossiers zu Messel und Beuter zuarbeiten lassen und war vorbereitet. Doch die Runde schien wenig Neigung zu verspüren, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen. Doch das hielt die Linken nicht davon ab, ihren Plan in einen Beschlussantrag zu gießen, der dann den Fraktionen zugegangen ist und eine muntere Eigendynamik entwickelt hat.

Große Fragezeichen in den Gesichtern

Der Name Sven Beuter erinnert in Brandenburg an der Havel an ein dunkles Kapitel der Nachwendezeit. Es ist die Nacht des 15. Februar 1996 in der Havelstraße 13. Auf dem Gehweg hat sich eine Blutlache gebildet, zu der eine rote Schleifspur im Schnee führt. Ein Glatzkopf, der damals 21-jährige Sascha L., tritt ohne Gnade auf sein ohnmächtig am Boden liegendes Opfer ein, bevor zwei Anwohner eingreifen und L. überwältigen. Polizisten nehmen den 21-jährigen Sascha L. zwar in Gewahrsam, lassen ihn jedoch wieder frei.

Das Opfer Sven Beuter ist 23 Jahre alt. Ein schmächtiger Punk mit Irokesenschnitt. Beuter ist durch die Tortur des trunkenen Rechten schwer verletzt: Sein Hirn gequetscht, die Milz gerissen, die Leber angerissen. Nach fünf Tagen im Koma verstirbt er. L. wird wegen Totschlags verurteilt und ist heute wieder in der rechten Szene der Region aktiv.

Ohne politischen Kompass – ein Kommentar

Um es klar zu sagen: Der Name des Opfers Sven Beuter, der unter den Tritten eines tumben Nazis sein Leben verlor, darf nicht vergessen werden! Doch wäre er nicht Opfer einer rechten Gewalttat geworden, käme niemand auf die Idee, einen Platz oder einen Uferweg nach dem Punk zu benennen.

Wie viel Instinktlosigkeit wohnt der Brandenburger Linken inne, dass sie ernsthaft auf den Gedanken kommt – wie zuvor schon die Nazis – den Namen „Alfred Messel“ wieder aus dem kollektiven Gedächtnis löschen zu wollen? Also den des Juden, Star- und Sozialarchitekten, der auch noch die Wannsee-Villa entwarf, in der der Holocaust mörderische Realität wurde? Das können die doch nicht ernst meinen? Haben die noch einen politischen Kompass, wird fast jeder fragend aufstöhnen? Dass der CDU-Fraktionschef Schaffer damit keine ernsten Probleme hätte, macht die Sache nur schlimmer. Doch auch der Versuch der SPD, nun den kleinsten gemeinsamen Nenner ausloten zu wollen und einen bis dato unbenannten Uferweg neben dem Messel-Platz nach dem Punk zu benennen, ist kein Zeugnis politischen Weitblicks. Sondern vielmehr ein heranwanzen an die lokale politische Großmacht aus Linken und CDU. Statt ihn beim Namen zu benennen, kehrt man gemeinsam den verzapften Unsinn unter den Teppich und tut so, als gäbe es in dieser Frage nur gemeinsame Interessen. Die Linke sollte generell die Finger davon lassen, Straßen und Plätze umbenennen zu wollen. Da hat sie noch nie eine gute Figur gemacht. Und wenn es denn wirklich sein muss, dass sich die drei „großen“ Parteien auf Kosten des Namens von Sven Beuter profilieren wollen, gibt es doch genug linke Säulen-Heilige, die man auf diese Art und Weise billig entsorgen könnte. Beispiel gefällig? Man nehme Wilhelm Weitling. Der Kommunismus-Theoretiker und Schneider propagierte den kommunistischen Klassenkampf und sah in den Interessen des Proletariats und des Bürgertums einen unvereinbaren, nicht ohne gewaltsame Revolution zu lösenden Widerspruch. Da erscheint es besser, in einer Beuter-Straße zu wohnen.

Von Benno Rougk

Seit seinem Tod wird Beuter als Opfer rechter Gewalt von den Brandenburger Linken zu einer Ikone stilisiert. Alljährlich treffen sich der harte Kern der Linken und die Antifa am Todestag in der Havelstraße, wo eine Bronzeplakette im Boden an seinen Tod erinnert. Nun, zum 20. Todestag, sollte ein Platz oder eine Straße nach ihm benannt werden, entschlossen sich die Linken und nahmen dafür den Namen „Alfred Messel“ ins Visier.

Messel heute fast vergessen

Das passiert Messel nicht zum ersten Mal. Da der am 24. März 1909 verstorbene Stararchitekt jüdischer Abstammung war, wurden nach Hitlers Machtergreifung alle nach ihm benannten Straßen umbenannt. Obwohl Alfred Messel zu den bedeutendsten Architekten des beginnenden 20. Jahrhunderts zählt und auch zu Lebzeiten als solcher gefeiert wurde, ist er heute fast vergessen. Derzeit existieren in Berlin nur noch rund 20 Gebäude von ihm.

Architekt der Wannsee-Villa

Er ist beispielsweise der Architekt des Pergamonmuseums und war zugleich ein führender Vertreter des Reformwohnungsbaus, der Wohnanlagen schuf, die das Mietskasernenelend des 19. Jahrhunderts überwanden und einen zu ihrer Zeit unbekannten hygienischen Standard boten. Ironie der Geschichte: Alfred Messel war auch der Architekt der Wannsee-Villa, jener Villa der Wannsee-Konferenz, in der der Holocaust und die Deportation der jüdischen Bevölkerung Europas organisiert und koordiniert wurden.

Es war der Kommunist Max Herm, der als Brandenburger OB 1945 den Oswald-Boelke-Platz (ein Jagdflieger aus dem Ersten Weltkrieg), folgerichtig in „Alfred-Messel-Platz“ umbenennen ließ.

Die CDU schließt nichts aus

Welches Signal von einer neuerlichen Umbenennung ausgehen könnte, dazu schienen sich Linke und CDU nicht wirklich Gedanken gemacht zu haben.

Dem vom Linken-Chef Lutz Krakau initiierten Beschlussantrag könne die CDU grundsätzlich zustimmen, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Jean Schaffer. Es sei für ihn ein „Zeichen der Mahnung“, das von der geplanten Umbenennung ausgehe.

Etwas schlauer schienen da die Brandenburger Sozialdemokraten zu sein. So machte der SPD-Stadtverordnete Dirk Stieger den Vorschlag, das bisher unbenannte Ufer zwischen der Luckenberger- und der Bauchschmerzenbrücke nach Sven Beuter zu benennen und Messel zu schonen. Ein entsprechender Änderungsantrag wurde jetzt von der SPD erarbeitet und scheint mehrheitsfähig.

Ein Ansatz, der offensichtlich diese Woche auch bei den Linken ganz gut ankam. Damit könne man leben, sagt Krakau der MAZ. Und am Bootsanleger des Messelplatzes könne dann eine Stele an Sven Beuter erinnern. Allerdings zogen die Linken ihren Antrag noch nicht zurück.

„Die CDU kann mit beiden Varianten leben“, gibt sich Schaffer konsensorientiert. In den Ausschüssen soll nun das Thema diskutiert und beschlossen werden. Schaffer: „Es ist nicht gut, wenn wir über sowas in Streit geraten.“

Von Benno Rougk

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