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Brandenburg/Havel Zum Deutsch- kommt noch Karateunterricht
Lokales Brandenburg/Havel Zum Deutsch- kommt noch Karateunterricht
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19:40 25.11.2016
„Ich möchte nicht die Bestimmerin sein, eher mit den Flüchtlingen in Interaktion treten“, sagt die Haupt- und ehrenamtliche Lehrerin. Quelle: André Wirsing
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Brandenburg/H

Sabine Pippel ist mit ganzem Herzen Lehrerin – tagsüber in der Klinikschule der Asklepiosklinik für psychisch kranke Kinder, nachmittags für Flüchtlinge, die im Camp Roland untergebracht sind.

Das füllt sie aus, dennoch grübelt die 52-Jährige: Wir schaffen das, wir machen das, aber ob wir es schaffen? Seit September vorigen Jahres bietet sie Deutschunterricht für die ausländischen Menschen an, ein gutes Dutzend Erwachsene samt Kinderschar nehmen teil. Alles in der ehemaligen Kita Sophien-/Ecke Reuscherstraße, die zwischenzeitlich auch als Notunterkunft diente, und nun wieder vom 1. Brandenburger Kampfsportverein genutzt wird. Wegen des Lärmpegels war kein Unterricht möglich, übers Internet wurden Frauen zum Kinderbetreuen organisiert.

Improvisationskunst brauchte auch Sabine Pippel auf, sie arbeitet bei keinem anerkannten Bildungsträger, sondern in Privatinitiative: Eine Art Fibel hat sie geschrieben, Bilder und Piktogramm erstellt, andere Schulungsmaterialien haufenweise kopiert, Flipcharts und Uhrenmodelle angeschleppt.

Manchmal geht ihr das Herz auf und sie muss laut lachen: An Leila, eine junge Afghanin mit zwei Kindern, schrieb sie per WhatsApp, sie möge ans Vereinsshirt für die kleine Tochter denken. Eine Minute später die prompte Antwort – morgens gegen 5.30 Uhr. Ja. Auf die Frage, warum sie um diese Zeit auch schon wach sei, antwortete Leila knapp: „Sabine, wir sind in Deutschland!“ Die junge Frau sagt auch ihrem Mann leise vor, wenn ihm nicht gleich die richtige Vokabel einfällt. Amiri zückt das Handy, lässt sich lieber das gewünschte Wort auf Englisch sagen, selbiges von der Übersetzungsapp auf Persisch raussuchen, bevor er die deutschen Laute nachspricht. Seine Methode des Lernens. Aber alle bemühen sich wie verrückt.

Ein Tagebuch fürs Ehrenamt

Sabine Pippel hat über ihre Erlebnisse einen Aufsatz geschrieben.

„Ich musste mir auch die Frage gefallen lassen, warum ich kein Kopftuch trage und so viel arbeite und zu wem ich wohl bete. Ich sagte, für mich ist die Natur das Größte. Eine Sonne, ein Mond, ein Himmel über Syrien, Afghanistan, Amerika... Deutschland.“

Das fanden sie einleuchtend. „Mohammad Ali meinte daraufhin, ich sei sein Prophet.“ Er ist 63 Jahre alt und war in seiner Heimat Bankkaufmann.

Hoffnungsschimmer: Da geht eine afghanische Frau ehrenamtlich bügeln und ihr Mann macht ein Praktikum im Pflegeheim.

Sabine Pippel hat ebenso anderes erlebt: Männer, die ihre Frauen die „Hausaufgaben“ machen lassen und sich mit den Ergebnissen brüsten. Andere ließen ihre Frauen gar nicht zum Unterricht gehen. Also wurden Bastelnachmittage nur für Frauen organisiert. „Man kann kaum beschreiben wie gelöst und froh sich die Frauen in diesen Stunden gaben.“

Ein paar syrische Frauen sind irgendwann nicht mehr zum Lernen gekommen, sondern lieber zum Einkaufen gegangen. „Sie werden in Deutschland als Syrienflüchtlinge bevorzugt, die anderen strengen sich mehr an, sich zu integrieren.“ Das sagt Sabine Pippel nur leise. Anfangs hat es sie noch geärgert, wenn an manchen Nachmittagen nur drei „Schüler“ erschienen, jetzt nicht mehr. Ist der Unterricht eben intensiver. Die engagierte Lehrerin hat zudem festgestellt, dass es nicht ausreicht, nur die deutsche Sprache zu erlernen. „Eigentlich müsste es noch ein zweites Fach geben, ,Wie funktioniert Deutschland’.“ Vom politischen System über Bürokratie bis zur Handhabung von irgendwelchen Automaten – was für Deutsche selbstverständlich klingt, ist es für die Fremden nicht.

Sabine Pippel ist nicht allein, sie hat Mitstreiter. Der engste ist Ehemann Bodo, der für einige Flüchtlinge auch Karatestunden gibt. Einen afghanischen Trainer haben sie auch, der besucht derzeit die Uni Potsdam. Auch ihm haben die Pippels Lebenshilfe gegeben: „Du darfst Trauer und Wut auf das Vergangene nicht mit dir herumschleppen. Wenn du dein Herz nicht öffnest, wirst du auch nicht deutsch.“

Ingo Lorenz beispielsweise engagiert sich beinahe täglich, bietet beispielsweise beim BKSV Krafttraining und Gymnastik an.

Als nächstes soll es in den Vereinsräumen ein Tanzprojekt für traumatisierte Frauen aus Kriegsgebieten geben.

Von André Wirsing

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