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Auf spannender Spurensuche im Gehirn

Neuropathologin zeigt ihr Reich Auf spannender Spurensuche im Gehirn

Das menschliche Gehirn ist für Anja Harder ein weit geöffnetes Buch, aus dem sie viel herauslesen kann. Harder ist die neue Neuropathologin in der Stadt Brandenburg. Der MAZ gewährte sie einen intensiven Einblick in den Sektionsraum des Städtischen Klinikums.

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Anja Harder und Enrico Lange bei der Hirnuntersuchung.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Das menschliche Gehirn ist für Anja Harder (45) ein weit geöffnetes Buch, aus dem sie viel, wenngleich nicht alles herauslesen kann. „Wie intelligent der jeweilige Mensch war und wie gründlich sein Gehirn zu Lebzeiten gearbeitet hat, das verrät das sezierte Organ nicht“, erklärt die neue Neuropathologin des Brandenburger Klinikums. Sie gewährte der MAZ einen Einblick in den Sektionsraum des Klinikums und damit in die Welt von Gehirn, zentralem Nervensystem und Rückenmark.

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Das menschliche Gehirn ist für Anja Harder (45) ein weit geöffnetes Buch, aus dem sie viel herauslesen kann. „Wie intelligent der jeweilige Mensch war und wie gründlich sein Gehirn zu Lebzeiten gearbeitet hat, das verrät das sezierte Organ nicht“, erklärt die neue Neuropathologin des Brandenburger Klinikums. Sie gewährte der MAZ einen Einblick in den Sektionsraum des Klinikums.

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Die gründliche Untersuchung von Gehirnen verstorbener Patienten kann helfen, der jeweiligen Todesursache auf die Spur zu kommen. Deshalb wird jenes in der Regel 1200 bis 1400 Gramm schwere Organ, das die Gedanken, Gefühle und Sinneswahrnehmungen steuert, nach dem Tod fachgerecht aus dem Schädel gelöst. Allerdings ausnahmslos nur mit ausdrücklicher Zustimmung der nächsten Angehörigen.

Untersuchung Verstorbener hilft bei Suche nach Todesursache

Vor der Fachärztin für Neuropathologie liegt an diesem Morgen das Gehirn eines Menschen, der eine tödliche Blutvergiftung erlitten hat. Womöglich war eine Entzündung mit ursächlich für den Tod. Anja Harder betrachtet zunächst das zusammenhängende Gehirn: Großhirn, Kleinhirn und den Hirnstamm, der das Herz-Kreislauf-System steuert.

Die Ärztin kann Entzündungsherde fühlen, bei einem Hirntrauma frische Verletzungen oder Narben entdecken, mögliche Schlaganfälle erkennen und kann die Folgen einer langjährigen Epilepsie oder Demenz herauslesen. Die Hirngefäße können etwas darüber verraten, wie weit fortgeschritten eine Arteriosklerose und damit die Durchblutung des Gehirns war.

Neuropathologie in Brandenburg

Oberärztin Anja Harder ist die erste Fachärztin für Neuropathologie im Gesundheitszentrum am städtischen Klinikum Brandenburg/Havel.

Als Privatdozentin betreut sie medizinische und naturwissenschaftliche Promotionen am Universitätsklinikum Münster.

Auch bisher wurde am Klinikum bereits neuropathologisch gearbeitet. Die leitende Oberärztin Marlies Günther deckte das Fachgebiet innerhalb der Pathologie mit ab.

Die Neuropathologie ist zuständig für Proben aus der Neurochirurgie, Neurologie, Kinderneurologie, Kinderchirurgie, Kardiologie und Wirbelsäulenchirurgie.

Das Brandenburger Klinikum ist das einzige Krankenhaus im Land mit einer neuropathologischer Diagnostik.

Die Pathologie des städtischen Klinikums in Brandenburg an der Havel entwickelte sich aus der Neuropathologie der Landesklinik.

Um krankhafte Veränderungen zu entdecken und zu beurteilen, muss die Neuropathologin tiefer in die Feinheiten des Gehirns eindringen. Dabei hilft Präparator Enrico Lange (37), der das Organ etwa zwei Wochen zuvor aus dem Kopf geholt und danach in Formalin konserviert hat.

Um die anspruchsvolle Tätigkeit zu bewältigen, bedarf es eines ausgebildeten Präparators wie Enrico Lange. Der wollte ursprünglich Bestatter werden, bewarb sich dann aber als Krankenpfleger und stieß schließlich bei einen Schnuppertag im Krankenhaus seinen späteren Beruf.

Stets den Präparator an der Seite

Das menschliche Gehirn ist empfindlich, es besteht zu über 90 Prozent aus Wasser und ist daher leicht verformbar. Die Fachärztin benötigt für ihre Analyse ein tadellos konserviertes Organ: Im ersten Schritt betrachtet sie das Gehirn im kompletten Zustand, danach wird es mit einem breiten, an beiden Seiten scharfen Hirnmesser lamelliert.

Das von vorn nach hinten in Lamellen aufgeschnittene Organ gibt weitere Aufschlüsse für den Befund der Fachärztin. Sie erkennt Auffälligkeiten, die sich über einen längeren Zeitraum herausgebildet haben. „Viele Veränderungen sehen wir aber auch nicht“, räumt Anja Harder ein. Plötzliche Ausfälle in der Hirnfunktion oder ganz frische Lähmungserscheinungen etwa nach Unfällen bleiben selbst dem geübten Blick verborgen.

Den Beruf einer Neuropathologin verbinden Laien schnell rechtsmedizinischen Fällen, mit Obduktion und Organentnahme. „Das macht aber nur zehn Prozent meiner Arbeit aus“, versichert Anja Harder. Die übrigen 90 Prozent finden vor allem am Mikroskop statt, bestehen aus molekularbiologischen Untersuchungen. Die Arbeit der Hirn- und Rückenmarkspezialistin nutzt somit vor allem den Lebenden, den Patienten des Klinikums.

Obduktionen nehmen nur zehn Prozent der Arbeit ein

Ehe zum Beispiel ein neurochirurgischer Patient operiert wird oder bestimmte Medikamente erhält, entnehmen die Ärzte Gewebeproben, zum Beispiel Hirntumormaterial. Mikrometer für Mikrometer untersucht prüft Anja Harder unter dem Mikroskop, wie und wo sich genetische Veränderungen bemerkbar machen. Ohne diese Vorarbeit kommt eine moderne Neurochirurgie nicht aus.

Anja Harder wollte nicht von vornherein Neuropathologin werden. Als Medizinstudentin hatte sie die Kinderheilkunde, die Psychiatrie und die Neurologie als Fachgebiete besonders im Blick. Doch dann traf sie während eines Praktikums im Universitätsspital Zürich auf Professor Adriano Aguzzi, der die angehende Ärztin an einem Forschungsprojekt beteiligte und in ihr die Begeisterung für die Neuropathologie weckte.

Kombination aus Handwerk, Diagnostik und Wissenschaft

„Mich reizt die Kombination aus Handwerklichem, Diagnostik und hohem wissenschaftlichen Anspruch“, sagt die gebürtige Berlinerin, die zum Jahresbeginn vom Helios-Klinikum in Berlin ans städtische Klinikum Brandenburg wechselte. Dort sieht sie beste Perspektiven, ein neuropathologisches Zentrum samt Molekularpathologie aufzubauen.

Ein solches Zentrum könnte seine Dienste räumlich über die Umgebung der Stadt hinaus anbieten. Mit der Medizinischen Hochschule Brandenburg verbindet Anja Harder zudem einen hohen wissenschaftlichen Anspruch und langfristige Forschungsperspektive.

Von Jürgen Lauterbach

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