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Arov im Landkreis Dahme-Spreewald aufgelöst

Behörde abgewickelt Arov im Landkreis Dahme-Spreewald aufgelöst

Mehr als 61 000 vermögensrechtliche Ansprüche und 11 300 Entschädigungsansprüche für elf Landkreise und kreisfreie Städte in Brandenburg wurden seit der Wende im Amt zur Regelung offener Vermögensfragen im Landkreis Dahme-Spreewald bearbeitet. Ende 2015 wurde die Behörde abgewickelt, in der zur Hochzeit 96 Mitarbeiter tätig waren.

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Die Juristin Christel Piller hat das Arov in Dahme-Spreewald mehr als 20 Jahre geleitet.
 

Quelle: Franziska Mohr

Königs Wusterhausen.  Waschkörbeweise schleppten Boten Anfang der 90er Jahre die Anträge von Bürgern aus aller Welt auf Rückgabe ihres Eigentums in die bei den Kreisen gebildeten Ämter zur Regelung offener Vermögensfragen. Die Abkürzung Arov war in aller Munde. Jeder, der kurz nach der Wende auch nur für eine neue Heizung Kredit beantragte, musste bei de

 Eine Zeit, an die sich Christel Piller, die seit 1992 im Arov des Landkreises Dahme-Spreewald (LDS) arbeitete, noch gut erinnert. Ende vorigen Jahres wurde dieses Amt als eines der letzten in Brandenburg aufgelöst. In Teltow-Fläming geschah dies schon zehn Jahre zuvor. In der Hochzeit arbeiteten im Arov des Kreises Dahme-Spreewald 96 Mitarbeiter. Die gleichnamige Landesbehörde (Larov) hat jetzt ebenfalls ihre historische Aufgabe erfüllt. Einige Restverfahren werden noch im Finanzministerium beziehungsweise im Landkreis Oder-Spree bearbeitet. Die Mehrheit der erledigten Fälle betraf Grundstücke im Speckgürtel, aber auch Münzen, Antiquitäten und sogar Pferde.

Im Überblick

Im gesamten Land Brandenburg haben die Ämter zur Regelung offener Vermögensfragen (Arov) nach Angaben des Finanzministeriums bis zum 30. Juni 2015 über 637 400 Rückübertragungsansprüche auf 638 000 einzelne Vermögenswerte entschieden.

Von den bislang entschiedenen 622 700 Ansprüchen im Grundstücksbereich wurden 72 Prozent abgelehnt, 18 Prozent restituiert und für zehn Prozent die ehemalige staatliche Verwaltung aufgehoben.

Das Arov im Kreis Teltow-Fläming wurde Ende 2005 aufgelöst. Die Zuständigkeit für die damals noch offenen Verfahren ging fortan auf die Landeshauptstadt Potsdam über.

 Im Tätigkeitsbericht des Landrates zur Arbeit der Kreisverwaltung Teltow-Fläming 2005 wurden bei der Anzahl der vermögensrechtlichen Anträge 17 080 vermerkt.

Die Ansprüche beliefen sich auf eine Zahl von 44 954, wovon 44 894 (99,8 Prozent) beschieden beziehungsweise zurückgenommen wurden.

Seit der Wende wurden in Dahme-Spreewald mehr als 61000 vermögensrechtliche Ansprüche und etwa 11 300 Entschädigungsansprüche für elf Kreise und kreisfreie Städte in Brandenburg bearbeitet. Auf Dahme-Spreewald allein bezogen sich etwa 45 000 Ansprüche. „Das klingt nüchtern, doch hinter jedem Antrag steckt ein Schicksal“, sagt Piller. Und die Juristin weiß, wovon sie spricht.

 Zu den spektakulärsten Fällen gehörten die Restitutionsansprüche der Erbengemeinschaft nach Richard und Bianca Israel, die etwa 3700 Grundstücke unter anderem in Schulzendorf, Eichwalde und Zeuthen betrafen. Von den acht Familienmitgliedern starben sieben im KZ Theresienstadt. Als Einzige kehrte Bianca Israel von dort zurück. Die Nazis zwangen die Familie, die Grundstücke deutlich unter Wert zu verkaufen, so dass eine Vielzahl restituiert wurde.

Eine ähnlich große Fläche betraf der Restitutionsanspruch der Verlegerfamilie Mosse-Lachmann, unter deren Regie in den 1920er Jahren etwa 130 Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Dieser jüdischen Familie gehörten einst fast die gesamte Fläche des Neubaugebietes in Königs Wusterhausen sowie Teile von Schenkendorf. Die Familie erhielt das Schloss Schenkendorf zurück und wurde finanziell entschädigt.

Bevor eine Entscheidung im Arov getroffen wurde, mussten die Mitarbeiter in jedem einzelnen Fall die Geschichte des Grundstücks in den vergangenen 82 Jahren seit dem Machtantritt Hitlers 1933 lückenlos zurückverfolgen. So entstand eine „Grundstücks-Historie“ aller seit 1933 verzeichneten Eigentümer. Dazu mussten unzählige Grundbücher und Archive eingesehen, sowie Erben selbst in Neuseeland gesucht werden. Oft zeigte sich, dass viele fast nichts über die Lebensgeschichte ihrer Vorfahren wissen. „Und so mancher erfuhr hier etwas über seinen Großvater oder Urgroßvater, das er lieber nicht gewusst hätte“, sagt Piller.

 Sie verweist etwa auf den Rückgabeanspruch von Nachfahren eines in Bestensee lebenden Leibarztes Hitlers. Die Rückgabe lehnte das Arov mit Hinweis auf die Entscheidung der Sowjetischen Militäradministration ab, die den Arzt schon vor 1949 als Kriegsverbrecher eingestuft und die Grundstücke beschlagnahmt hatte. Außerdem hatte das Arov über Fälle zu entscheiden, in denen unter anderem auch ein Arzt nachweislich an Versuchen mit Häftlingen im KZ Sachsenhausen beteiligt war. Aufgrund dieser Verstöße gegen die Menschlichkeit wurde eine Entschädigung abgelehnt. Eine Entscheidung, die Piller zufolge von den Erben sehr unterschiedlich aufgenommen wurde.

Einige akzeptierten den Bescheid sofort und wollten eine öffentlichkeitswirksame gerichtliche Entscheidung vermeiden. Andere aber meinten, dass die in den KZ gewonnenen Erkenntnisse schließlich heute noch von der Pharmaindustrie genutzt werden. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit könnten sie darin nicht erkennen. Ebenso wurde bekannt, dass ein Unternehmer aus dem Alt-Kreis Königs Wusterhausen sich über Jahre die Bekleidung ermordeter Häftlinge liefern ließ, sie säuberte und weiterverkaufte.

Leer gingen die Antragsteller auch bei einem im Schenkenländchen befindlichen Grundstück aus, dessen Ex-Eigentümer Arno Breker war. Breker galt als einer der prominentesten Monumentalkünstler des NS-Regimes, dessen Figuren die Überlegenheit des „arischen Herrenvolks“ demonstrieren sollten. Eine Entschädigung lehnte das Arov deshalb ab.

Zu den „Klassikern“ gehörte, dass ein Eigentümer Mitte der 50er Jahre in die BRD ging und das Grundstück dann von der DDR-Wohnraumvergabe-Kommission rechtmäßig einer Familie zugesprochen wurde. Dort baute sie ein Haus oder kaufte das bestehende be

Das Arov in Dahme-Spreewald stellte insgesamt 240 000 Negativatteste aus. „Wir haben jetzt Positivlisten ins Netz gestellt, wonach im Landkreis alle Orte mit Ausnahme von Zernsdorf und Teupitz restitutionsfrei sind. Hinter diesen Listen steckt fast mein gesamtes Berufsleben“, sagt die 59-Jährige schmunzelnd.

Von Franziska Mohr

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