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Aus dem Leben eines Kammerjägers

MAZ-Interview Aus dem Leben eines Kammerjägers

Kammerjäger Christian Hackel spricht im Interview über seine Begegnungen mit tausenden Kakerlaken, Ratten, Schaben und Messie-Wohnungen. Er erklärt, warum man Rossameisen nicht unterschätzen sollte und warum seine Familie im Urlaub immer vorm Hotelzimmer warten muss.

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Ein Leichtes für einen Kammerjäger: Eine Küchenschabe.

Quelle: dpa

Friedersdorf. Christian Hackel (36) aus Friedersdorf ist Chef der Firma Bio Control und einer von wenigen Kammerjägern in der Region Dahmeland-Fläming. Er hat zum Gespräch über alle Arten von Ungeziefer in sein Haus gebeten, seine Zeit ist aber begrenzt. Er muss noch mal weg. Ein Wespennest in Berlin ruft.

Herr Hackel, mit welchen Tieren würden Sie am ehesten Ihr Haus teilen: Hornissen, Ameisen oder Mäuse?

Christian Hackel: Hornissen. Das sind wunderbare und sehr nützliche Tiere. Ein gut ausgebildeter Hornissenstaat frisst wöchentlich ein Kilo Insekten weg, die Tiere sind außerdem sehr friedlich. Natürlich fühlt es sich komisch an, wenn so ein Hubschrauber an einem vorbeizieht, aber wenn man nicht direkt ans Nest schlägt, passiert nichts.

Und was haben Sie gegen Ameisen?

Die schwarze Wegameise ist nicht dramatisch, die sucht nur Futter. Da legt man ein paar Giftköder aus, meistens reichen sogar Mittel aus dem Baumarkt, und dann ist Ruhe. Leider haben wir es aber oft mit anderen Arten zu tun, der Rossameise zum Beispiel. Und das ist einer der meist unterschätzten Schädlinge überhaupt. Rossameisen nisten sich in Holz ein und man bemerkt sie erst, wenn, wenn Haus schon fast zerlegt ist. Ich wurde vor ein paar Wochen zu einer Familie gerufen, deren Kühlschrank plötzlich abgesackt war. Ich musste den ganzen Fußboden aufreißen und habe darunter gleich mehrere Nester gefunden. Das braucht man nicht als Hauseigentümer.

Die meisten bekommen schon bei der bloßen Vorstellung Juckreiz. Was macht ein solcher Anblick mit Ihnen?

Man darf nicht allzu empfindlich sein, aber ein Großteil ist auch Gewöhnung. Meinen ersten Termin hatte ich in einem Haus in Berlin, das ich seither das Kakerlaken-Haus nenne. Das war eine Schocktherapie. Ich war unvorbereitet und stand plötzlich inmitten von tausenden Kakerlaken. Da wurde mir schon etwas anders. Aber ich habe mir nichts anmerken lassen. Ich dachte, wenn du den Job machen willst, dann musst du das aushalten. Zuhause habe ich mich allerdings noch im Flur ausgezogen und bin sofort unter die Dusche.

Kammerjäger Christian Hackel

Kammerjäger Christian Hackel

Quelle: Gerlinde Irmscher

Geht es noch schlimmer als Kakerlaken?

Bettwanzen. Die sind ekelhaft, eine Herausforderung für jeden Bekämpfer, und sie breiten sich aus. Bettwanzen galten in den 70er und 80er Jahren praktisch als ausgerottet, Kammerjäger wurden gar nicht mehr darauf ausgebildet. Aber heute nehmen die Fälle rapide zu. Leute bringen die Viecher aus dem Urlaub mit, man schleppt sie über gebrauchte Möbel ein, über Bücher oder CDs, die man im Internet kauft. Eine Kundin hatte sich einen Teppich bestellt, der mit Bettwanzen ankam. Eine andere hatte ihre Decke reinigen lassen und sich so Wanzen ins Haus geholt. Das Fiese ist: Alleine wird man die nicht mehr los.

Woran erkennt man Bettwanzenbefall?

Die Betroffenen haben überall Stiche. Man sieht aber meistens auch am Bettrahmen und an der Tapete rings ums Bett viele kleine schwarze Punkte. In Hotels nehme ich als erstes das Bild über dem Bett ab, darunter hocken sie gerne.

Suchen Sie auch im Urlaub Ihre Hotelzimmer ab?

Selbstverständlich! Da bleibt die ganze Familie mit den Koffern draußen stehen, bis ich den Bettwanzencheck gemacht habe. Ich weiß schließlich, wie das enden kann. Im vorigen Jahr wurde ich in ein Berliner Hotel gerufen. 29 Zimmer waren voll mit Bettwanzen. Da dachte ich dann auch, es krabbelt mich überall. Es hat Monate gedauert, bis ich das Hauptnest gefunden habe. Oder das Wohnheim, in das ich zuletzt gerufen wurde. Da bin ich rückwärts wieder rausgegangen. Der Befall war mindestens ein Jahr verschleppt worden.

Wie geht man in solchen Fällen vor?

Die Methode hängt vom Befall ab, in der Regel mit einer Kombination aus Insektiziden und Wärme. Ein Problem sind aber die Eier. Da kann eine Atombombe hochgehen, und die schlüpfen trotzdem noch. Deshalb muss man auch nach einer erfolgreichen Behandlung nachsorgen – was schwierig ist, weil eine Bettwanze nur 0,8 Millimeter groß ist, erst größere Populationen lassen sich mit dem Auge erkennen. Hunde dagegen können schon einzelne Tiere riechen. Deshalb bilden wir gerade unseren Hund aus. Der heißt Cookie von der Spree und wird der erste geprüfte Bettwanzenspürhund Brandenburgs.

Lassen Sie uns über größere Tiere reden. Würden Sie eine dicke Kreuzspinne in die Hand nehmen?

Eine Kreuzspinne schon. Von einem Dornfinger würde ich aber die Finger lassen.

Was ist ein Dornfinger?

Die einzige Giftspinne, die wir haben. Sie breitet sich seit vorigem Jahr in Berlin und Brandenburg aus und ist ein fieses Ding. Sie sitzt im Gras und beißt, wenn man vorbei- geht. Die Folge sind Schwellungen und Schmerzen. Das kann bis zum Kreislaufkollaps gehen.

Wovon wurden Sie selbst schon gestochen oder gebissen?

Bisher nur von Wespen. Die Mieterin sagte, sie habe Wespen im Lüftungsschacht. Also bin auf die Leiter gestiegen, ohne Schutzkleidung, ich wollte ja nur mal schauen. Auf einmal schossen vier Wespen raus und stachen mir in den Kopf. Da war ich sauer.

Die Wespen sind inzwischen tot?

Natürlich.

Eine Situation, die in diesem Jahr wohl jeder erlebt haben dürfte: Man liegt im Bett, hat gerade das Licht ausgeschaltet und hört plötzlich eine Mücke. Was machen Sie als Profi in diesem Fall?

Ich schalte das Licht an und erschlage sie. Da gehe ich auch nicht anders vor als jeder andere. Aber Mücken sind in diesem Jahr tatsächlich ein echtes Problem. Ich habe gerade zum ersten Mal welche professionell bekämpfen müssen. Gleich mehrere Hausflure waren so stark befallen, dass Bewohner sich nicht mehr hineintrauten. Von einem solchen Fall hatte ich vorher selbst noch nie gehört.

Wägen Sie da ab zwischen natürlichen Mitteln und chemischer Keule oder greifen Sie gleich zum Härtesten?

Wir fangen grundsätzlich mit dem leichtesten Mittel an, das ist ganz wichtig. Wir haben eine Verantwortung für die Umwelt – aber eben auch für unseren Kunden. Inzwischen gibt es da aber gute Kompromisse. Es wurden Biomittel entwickelt, von denen ich großer Fan bin. Die sind nach zweieinhalb Stunden komplett abgebaut, die Tiere fallen aber trotzdem tot um. Bis auf Bettwanzen natürlich. Die stehen nach einer Viertelstunde wieder auf.

In Ihrem Beruf steht das Töten im Mittelpunkt. Müssen Sie sich da zuweilen rechtfertigen?

Bisher nicht, schon gar nicht vor Kunden. Wer mich ruft, hat ein ernsthaftes Problem und will nicht groß über Ethik diskutieren. Ich töte aber tatsächlich sehr ungern. Das ist der Teil an dem Job, der mir am wenigsten Freude macht. So komisch das klingen mag: Es gibt wohl keinen Kammerjäger, der nicht tierlieb ist. Ich berate die Leute lieber. Ich sage ihnen, wie sie Mäusen vorbeugen können und kläre lieber über Hornissen auf, als Nester umzusiedeln. Ich habe auch kein Problem mit Ratten, so lange sie im Wald leben. Aber Ratten sind nun einmal Hygieneschädlinge, die im Wohnumfeld nichts zu suchen haben. Mitunter nimmt die Diskussion aber auch seltsame Züge an.

Inwiefern?

Nehmen Sie das Thema Lebendfallen. Menschen benutzen sie in guter Absicht und setzen die Maus dann 300 Meter entfernt im Wald aus, wo sie dann jämmerlich zugrunde geht. Mäuse sind extrem soziale Tiere, sie brauchen zum Überleben ihre Gruppe. Außerdem muss man in Lebendfallen Nahrung und Wasser deponieren, weil Mäuse schnell verhungern oder verdursten. Auch das vergessen viele.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Kammerjäger zu werden?

Wir hatten selbst Mäuse auf dem Dachboden und haben einen Kammerjäger geholt. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, dass er keinen Nachfolger für sein Geschäft findet. Ich habe damals als Großhandelskaufmann gearbeitet, war aber unzufrieden in meinem Job und hatte mich ohnehin nach Alternativen umgeschaut. In diesem Moment dachte ich sofort: Das ist es! Ich bin dann ein paar Monate lang mit ihm mitgelaufen, habe dann die Ausbildung absolviert, die Prüfung abgelegt und schließlich vor einem guten Jahr das Geschäft übernommen. Es war die beste Entscheidung meines Lebens.

Aber was genau macht Ihnen an dem Job Spaß?

Der Beruf ist wahnsinnig interessant, jeder Tag ist anders, kein Fall ist gleich. Ich stehe vor immer neuen Herausforderungen, das ist zum Teil richtige Detektivarbeit. Ich erlebe Dinge, die niemand sonst erlebt. Und habe auch tolle Erfolgserlebnisse. Als ich die 29 Zimmer in besagtem Hotel endlich frei von Bettwanzen hatte, da hätte ich ein Fest feiern können.

Gibt es denn wirklich gar nichts in Ihrem Job, was Sie abstößt oder ekelt?

An Giftschlangen würde ich mich nicht heranwagen, aber dafür bin ich auch nicht ausgebildet. Dann wäre da der Geruch von toten Ratten, an den gewöhnt man sich tatsächlich nicht so schnell. Und Messie-Wohnungen sind übel. Da kommt alles zusammen. Menschliche Ausscheidungen, Verwesungsgeruch, Ratten, Mäuse, Fliegen, Maden, Kakerlaken - und alles in großer Zahl. Da muss man schon hartgesotten sein. Ich ziehe da meinen Anzug an, setze die Maske auf – und dennoch ist es ekelhaft. Ich weiß, dass das Messie-Syndrom eine Krankheit ist. Trotzdem wird man in diesen Momenten sauer auf den Menschen, weil er anderen so etwas antut.

Wie lange brauchen Sie eigentlich, um sich von solchen Einsätzen zu erholen?

Ich stopfe meine Sachen in die Maschine, rufe meiner Frau zu, dass sie alles bei mindestens 60 Grad waschen soll, dann stelle mich unter die Dusche, und wenn ich wieder gut rieche, ist alles vergessen.

Und was sagt Ihre Frau zu all dem?

Sie hat ihren kaufmännischen Beruf auch gekündigt. Sie arbeitet jetzt mit mir zusammen.


Von Oliver Fischer

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