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Barbara Wolffs größter Coup

Wiedervereinigung: Macher der 1. Stunde Barbara Wolffs größter Coup

Als Bürgermeisterin sicherte Barbara Wolff der Gemeinde Zeesen in der Wendezeit 6,6 Millionen Mark Fördergeld und baute damit das erste Gewerbegebiet in Ostdeutschland.

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1991: Barbara Wolff (r.) und Ministerpräsident Manfred Stolpe (2.v.r..) eröffnen das erste neue Gewerbegebiet in Ostdeutschland.

Quelle: privat

Zeesen. Ob es damals wirklich an den Bewerbungsmappen lag? 6,6 Millionen Mark für ein paar Bögen farbiger Pappe mit hübschem Aufdruck? Wenn es so war – und das wird niemand mehr klären können –, dann landete Barbara Wolff im Juni 1990 nicht nur einen Coup für die Geschichtsbücher, sondern lieferte auch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man mit ein bisschen Mühe und Hingabe zur richtigen Zeit die Dinge im großen Stil verändern kann.

Barbara Wolff sitzt im Wohnzimmer ihres Hauses in Neuenhagen (Märkisch Oderland), zerteilt ein Stück selbst gebackenen Apfelkuchen und erzählt aus ihrem Leben, vor allem von ihrem Meisterstück: dem Gewerbegebiet, das sie 1990 für Zeesen beschaffte und das gleich mehrere Superlative bieten kann. Es war nach der Wende das erste neue Gewerbegebiet in ganz Ostdeutschland. Es wurde als einziges komplett mit Bundes- und Landesmitteln finanziert, quasi als Geschenk der Bundesregierung an eine kleine 2200-Einwohner-Gemeinde bei Königs Wusterhausen. Und für Zeesen war das nicht weniger als der Startschuss in eine neue Zeit.

Barbara Wolff 2015

Barbara Wolff 2015.

Quelle: Oliver Fischer

Die Frau, die ihn abgab, ist inzwischen 67 Jahre alt und Rentnerin. Wenn sie aus ihren Erinnerungen erzählt, strahlt sie immer noch viel von dem Draufgängertum der jungen Bürgermeisterin aus, die sie damals war. Das könnte an den Haaren liegen, die immer noch in diesem Orangeton leuchten. Oder an der kräftigen Erzählstimme. Oder aber an der Art, wie sie über die Dinge redet: offen, unkompliziert, direkt. Kollegen von damals nennt sie schon mal „Arschkriecher“ oder „Flachpfeifen“. Dabei lacht sie herzlich. „Man muss sich etwas trauen“, sagt sie, sonst komme man in der Politik nicht weit.

Dass Barbara Wolff angstfrei war, fiel schon zu DDR-Zeiten auf, als sie noch Barbara Lehmann hieß und bei der PGH Rundfunk- und Fernsehtechnik in Zeesen arbeitete. Bereits 1988 wurde sie beim örtlichen Bürgermeister vorstellig und opponierte gemeinsam mit anderen Zeesenern gegen Pläne aus dem DDR-Ministerium. Es ging um Feriensiedlungen für Polizisten und Staatsbedienstete, die im Ort entstehen sollten. Die Pläne wurden nie umgesetzt, was freilich nicht an den Protesten lag, sondern daran, dass die DDR ihr jähes Ende fand.

Als der Staat ins Taumeln geriet, drehte Barbara Wolff politisch sofort auf. „Es war, als ob ein Glas geöffnet wurde“, sagt sie. In der Wendezeit gehörte sie zu den Demonstranten, die in Königs Wusterhausen vor das Stasi-Gebäude marschierten. Bald darauf trat sie in die SPD ein, setzte sich an den runden Tisch und handelte mit dem noch amtierenden SED-Bürgermeister eine geordnete Abwicklung der alten Verhältnisse aus. Mit ihrem losen Mundwerk und ihrem Tatendrang verschaffte sie sich den Respekt der Zeesener. Die Folge: Bei der Kommunalwahl im Mai 1990 erhielt sie mehr als die Hälfte der Stimmen. „Die Leute haben gemerkt, dass ich mir nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen lasse“, sagt sie. Gleich mehrere Fraktionen wollten sie als Bürgermeisterin. Nachdem ihr auch der Dorfpfarrer gut zugeredet hatte, kandidierte sie und wurde von der Gemeindevertretung auch prompt gewählt.

Anschließend bot sie sofort Sprechtage an, drei bis vier pro Woche. Sie arbeitete täglich ungeklärte Fragen ab, die sich auf ihrem Schreibtisch stapelten. „Die Zeit war so schnelllebig. Wir haben gehandelt, gehandelt, gehandelt“, erzählt sie. Zehn Stunden täglich telefonierte sie, sprach mit Bürgern, entschied Grundstücks- und Vermögensfragen, an den Wochenenden besuchte sie Seminare über Haushaltsführung, Baurecht und Verwaltungsstrukturen. Und abends bastelte sie an dem Projekt, in das sie große Hoffnungen für Zeesen setzte.

Das Thema Gewerbegebiete war schon seit Monaten durch den Osten gegeistert. Es war offenkundig, dass sich Kommunen künftig selbst um ihre Finanzen kümmern mussten. Eine Gemeinde, die attraktiv sein wollte, würde sich um Einnahmen bemühen müssen, und was war da naheliegender gewesen als Gewerbe? Gewerbe bedeutet Steuern und Arbeitsplätze, und dadurch wieder Steuern. Das klang gut. Entsprechend hektisch wurde Barbara Wolff, als sie kurz nach ihrer Wahl erfuhr, dass in Potsdam ein Fördertopf mit Geld für die Erschließung von Gewerbegebieten bereitstand. Man musste nur einen Antrag stellen, und zwar möglichst schnell.

„Wir hatten das Glück, dass es bei uns geeignete Grundstücke gab“, sagt sie. In der Gemeinde lagen sechs Flurstücke, die eigentlich als landwirtschaftliche Nutzfläche ausgewiesen waren, aber dafür nicht recht taugten. Auf einer Flurkarte zeichnete die Ortschefin per Hand Straßen auf die Grundstücke, ungefähr so, wie sie sich ein Gewerbegebiet vorstellte. Sie verfasste ein wohlklingendes Anschreiben, kopierte noch abends alles in mehrfacher Ausführung auf dem privaten Kopierer des Pfarrers, dann schob sie die Unterlagen in Bewerbungsmappen und reichte das Konvolut Anfang Juni 1990 im Ministerium ein.

Einige Monate später in irgendeinem Ministeriumsbüro sah sie zufällig den Stapel mit allen Anträgen liegen. Rund 50 Kommunen aus ganz Ostdeutschland hatten sich beworben. Die meisten hatten einfach formlose Zettel eingeschickt. Die Mühe mit den Bewerbungsmappen hatte sich sonst niemand gemacht. „Ich vermute, dass es daran gelegen hat. Die Zusage kam jedenfalls ganz schnell“, sagt Barbara Wolff. 6,6 Millionen Mark wurden der Gemeinde in Aussicht gestellt. Die Hälfte in Ostgeld, die andere in Westgeld.

Die ausstehenden Planungen und Unterschriften lieferte die Gemeinde dann im Eiltempo. Hastig wurden Fachleute engagiert, Barbara Wolff marschierte persönlich in Behörden und bedrängte so lange Beamte und Angestellte an deren Schreibtischen, bis sie alle nötigen Stempel und Unterschriften beisammen hatte. Im Herbst lagen sämtliche Planunterlagen vor. Im selben Moment rollten auch schon die Bagger, und obwohl während der Bauarbeiten noch ein Starkstromkabel zerfetzt und eine dicke Gasleitung zerrissen wurden, war das Gewerbegebiet im Juni 1991 erschlossen. Zur Einweihung kam Ministerpräsident Manfred Stolpe vorbei. Jetzt fehlte nur noch das Gewerbe.

Aber auch das folgte rasch, denn der Quadratmeter kostete nur 72 Mark und die Investoren wussten, dass sie günstiger wohl nie an Gewerbeflächen kommen würden. Als erstes stellte eine Handelsfirma einen Plus-Markt auf das Elf-Hektar-Gelände, dann kam der Schuhsolenhersteller Schelchen, dann viele andere. Mit den Einnahmen baute die Gemeinde Straßen, Abwasserleitungen, sanierte ihre Schule und zwei Kindergärten. Zeesen war nicht groß, eigentlich nur ein Dorf. In Sachen Gemeindeentwicklung lag der Ort aber ganz weit vorn.

Und das dank einer Bürgermeisterin, die eigentlich überhaupt nicht mehr in Zeesen wohnte. Schon kurz nach der Wende war sie zu ihrem zweiten Mann nach Neuenhagen bei Berlin gezogen. Sie hätte auch dort gut Politik machen können, aber das Zeesen, wo schon ihre Großmutter lebte und wo sie große Teile ihrer Kindheit und Jugend verbracht hatte, war nun mal ihr Zeesen, sagt sie. Sie legte sich deshalb einen Zweitwohnsitz zu und pendelte erst als Hauptamtliche, dann auch als ehrenamtliche Bürgermeisterin fast täglich die rund 50 Kilometer.

Das ging bis 2002 gut. Dann stieß sich die Kreisverwaltung an ihrem Lebenskonstrukt. Es hieß, eine ehrenamtliche Bürgermeisterin müsse auch ihren Lebensmittelpunkt im Ort haben. Der Landkreis leitete den Fall an die örtliche Verwaltung weiter, dort strich man Barbara Wolff einfach aus dem Amt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kampfkraft sie bereits verlassen. Zu viele Enttäuschungen und Schicksalsschläge hatte sie schon einstecken müssen. 1999 musste sie nach fünf Jahren aus dem Landtag ausscheiden, weil ihre Partei, die SPD, ihre Wiederwahl nicht unterstützte. Zudem war ihre Gesundheit angeschlagen und auch ihr Mann war schwer erkrankt. Grundsätzlich hätte sie gerne weitergemacht, sagt sie heute. „Der Ort war ja wie mein Kind, das ich groß gezogen hatte. Aber ich war fertig.“ Fortan konzentrierte sich Barbara Wolff auf ihr Privatleben und auf ihre Arbeit beim Landesamt für Bauen und Verkehr in Hoppegarten.

Zweimal wurde sie allerdings noch politisch aktiv. Das erste Mal, als sie 2009 bei der Königs Wusterhausener Bürgermeisterwahl antrat und als Einzelkandidatin beachtliche 21,6 Prozent erreichte. In die Stichwahl schaffte sie es damit aber nicht.

Zwei Jahre später wurde sie Brandenburgische Landesvorsitzende der Freien Wähler, dann sogar stellvertretende Bundesvorsitzende und sie trat für ihre neue Partei auch bei der Bundestagswahl 2013 an. Als Direktkandidatin erzielte sie 2,2 Prozent, immerhin mehr als die FDP. Aber der Wahlkampf in dem riesigen Wahlkreis war zu hart, die Unterstützung ihrer Partei zu gering. Bald darauf zog sie sich deshalb ganz aus der Politik zurück. Heute ist sie Privatier. „Ich will nicht mehr die Welt retten“, sagt sie.

Nach Zeesen fährt sie aber immer noch regelmäßig. Sie hat ein Haus dort, Freunde, Bekannte. Ihr Herz hängt an dem Dorf. Und natürlich am Gewerbegebiet, das Erinnerungen weckt an diese verrückte Zeit, als man noch mit einer Skizze, einem Brief und farbigen Bewerbungsmappen Fördermillionen bekommen konnte. „Das war die spannendste Zeit in meinem Leben“, sagt Barbara Wolff.

Von Oliver Fischer

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