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Bauern hoffen auf Neuzulassung für Glyphosat

Umstrittenes Unkrautvernichtungsmittel Bauern hoffen auf Neuzulassung für Glyphosat

Behörden und Gesundheitsorganisationen streiten darüber, wie giftig Glyphosat tatsächlich ist und ob es Krebs auslösen kann. In diesen Tagen entscheidet sich, ob das Unkrautvernichtungsmittel in der EU wieder zugelassen wird. Die Bauern in der Region hoffen es jedenfalls, für Naturschützer wäre es dagegen ein Rückschlag.

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Besonders beim Anbau von Raps spielt Glyphosat eine wichtige Rolle. Welche Mengen von dem Unkrautvernichtungsmittel in der Region ausgebracht werden, ist nicht bekannt.

Quelle: epd

Dahmeland-Fläming. Es findet sich im Bier und im Brot, in Frühstücksflocken, Tierfutter und selbst im menschlichen Urin: Glyphosat. Es ist das weltweit wichtigste Unkrautvernichtungsmittel, wird seit 1974 eingesetzt und ist höchst umstritten. Es besteht der Verdacht, dass Glyphosat Krebs auslösen kann (siehe Infokasten). In diesen Tagen entscheidet sich, ob die Ende Juni auslaufende Zulassung für die Substanz in der Europäischen Union verlängert wird – derzeit deutet alles darauf hin. Die Landwirte in der Region hoffen darauf, für Naturschützer dagegen wäre es eine Niederlage.

„Bei den heutigen Anbaumethoden und unter den Bedingungen des Klimawandels spielt Glyphosat eine wichtige Rolle, ein Verbot hätte gravierende Folgen für die Landwirte“, sagt Thomas Goebel, der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Südbrandenburg, zu dem auch Dahme-Spreewald gehört. „Rein mengenmäßig setzen wir in unserem Betrieb aber nur noch etwa zehn Prozent der Menge ein wie noch vor einigen Jahren“, sagt der Geschäftsführer der Göritzer Agrar GmbH in Vetschau. Man habe den Verbrauch von 2000 Litern auf 200 Liter im Jahr gedrosselt, so Goebel.

Glyphosat wird nach der Ernte oder vor der Neuaussaat ausgebracht

Glyphosat, das 1970 vom US-amerikanischen Agrar- und Chemiekonzern Monsanto patentiert wurde, wirkt über die grünen Bestandteile der Pflanze. Es dringt in die Zellen ein und bringt diese zum Platzen. In Deutschland wird es vor allem nach der Ernte oder vor der Neuaussaat ausgebracht, um auf dem Feld „reinen Tisch“ zu machen: Unkraut und treibende Restkörner aus der vorigen Saison werden vernichtet, bevor das neue Saatgut ausgebracht wird. Am häufigsten kommt Glyphosat beim Anbau von Winterraps, Mais und Zuckerrüben zum Einsatz, spielt aber auch beim Wein- oder Obstanbau eine Rolle.

Hintergrund

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Vereinten Nationen kam in einer im März 2015 vorgestellten Studie zu dem Schluss, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ ist.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hingegen kommt zu dem Urteil: „wahrscheinlich nicht krebserregend“. Dem schließt sich auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) an.

Das Umweltbundesamt macht Glyphosat für die „Verarmung der biologischen Vielfalt in landwirtschaftlich geprägten Ökosystem“ verantwortlich.

Die europäische Bevölkerung lehnt Glyphosat größtenteils ab: In einer von Bürgerbewegungen in Auftrag gegebene Umfrage lehnen 76 Prozent der Italiener eine Neuzulassung von Glyphosat ab, 70 Prozent der Deutschen sowie 60 Prozent der Briten, Spanier und Franzosen.

Das bekannteste auf Glyphosat basierende Mittel ist „Roundup“ des US-Konzerns Monsanto, der die Substanz 1970 patentieren ließ. Für den privaten Gebrauch von Glyphosat, zum Beispiel im heimischen Garten, ist keine Genehmigung nötig. Landwirte dagegen brauchen für den Einkauf einen Sachkundenachweis.

 

Für die Landwirte haben glyphosathaltige Mittel, von denen in Deutschland 95 zugelassen sind, mehrere Vorteile. Vor allem sparen sie sich damit das kosten- und energieintensive Pflügen, das ebenfalls dazu dient, ungewollte Pflanzen auf dem Acker zu vernichten: „Das Spritzen mit Glyphosat kostet mich etwa 20 Euro pro Hektar,“ sagt Thomas Goebel, „beim Pflügen gebe ich das Drei- bis Vierfache davon für Diesel aus.“ Außerdem, so ein weiteres Argument der Glyphosat-Befürworter, verliert der Boden beim Pflügen viel Feuchtigkeit und wird schneller abgetragen, Stichwort: Bodenerosion.

Mengen des genutzten Glyphosats in der Region sind unbekannt

In welchen Mengen und auf welchen Flächen Glyphosat in der Region ausgebracht wird, ist nirgends verzeichnet. In ganz Deutschland werden nach Angaben des Bundestags jährlich zwischen 5000 und 6000 Tonnen Glyphosat eingesetzt. Weltweit hat sich die Menge zwischen 2005 und 2014 sogar mehr als verdoppelt: von 340 000 Tonnen auf 747 000 Tonnen. Wer in Deutschland professionell Glyphosat einsetzen will, braucht dazu einen Sachkundenachweis.

Dass Thomas Goebel den Einsatz von Glyphosat reduzieren konnte, erklärt er so: „Man lernt beim Umgang mit Pflanzen täglich dazu. Inzwischen pflanzen wir zum Beispiel gezielt Gräser als Untersaat für Mais oder Getreide an, um dem Unkraut entgegenzuwirken.“ Die pfluglose Bodenbearbeitung schaffe außerdem ein besseres Klima etwa für Regenwürmer, die durch Humusbildung die Qualität des Bodens erhöhen. „Und dafür brauchen wir Glyphosat nun mal.“

Im Ökolandbau ist die Nutzung von Glyphosat verboten

Das hält Gisela Deckert für ein Scheinargument. „Für die Landwirte ist es natürlich vorteilhaft, weil sie mit Glyphosat weniger Arbeitskräfte brauchen und die Produktion billiger wird. Und billig muss ja heute alles sein“, sagt die promovierte Biologin und Naturschützerin. Das Pflügen sei für die Umwelt aber deutlich weniger schädlich. Im Ökolandbau sei der Gebrauch von Glyphosat darum auch verboten.

Gisela Deckert sieht den Einsatz von Glyphosat in einem größeren Zusammenhang: „In Deutschland gibt es mittlerweile 80 Prozent weniger Insekten als noch vor einigen Jahren. Das merkt man zum Beispiel daran, dass man kaum noch tote Insekten an seinem Auto findet.“ Die Gräser auf den Feldern seien schließlich eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten, diese wiederum werden von Vögeln gefressen: „Das ist eine katastrophale Entwicklung für das gesamte Ökosystem.“

Entscheidung der EU-Kommission steht noch aus

Moderne Pflanzenvernichtungsmittel seien einfach zu effizient, zusätzlich würden viele Bauern inzwischen auch Feldraine und Waldränder besprühen, so dass Insekten auch dort keine Nahrung mehr fänden.

Eine offizielle Entscheidung der EU-Kommission über die weitere Zulassung von Glyphosat steht noch aus. Wie am Mittwoch bekannt wurde, dürfte die bestehende Zulassung nun aber zunächst für 12 bis 18 Monate verlängert werden. Für die Naturschützerin eine traurige Nachricht: „Ich hoffe natürlich, dass Glyphosat nicht wieder zugelassen wird. Aber selbst wenn es verboten wird, dann erfinden sie ein neues Gift und es geht wieder von vorne los.“

Von Martin Küper

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