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Bestensee „Ich wusste nicht, was das ist: frei zu sein“
Lokales Dahme-Spreewald Bestensee „Ich wusste nicht, was das ist: frei zu sein“
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05:38 17.09.2018
David Levin in seinem Wohnzimmer in Bestensee, Quelle: Franziska Mohr
Bestensee

Die Nachrichten mag er manchmal nicht mehr einschalten. Erst unlängst erfuhr er von einer abgebrochenen Führung im KZ Sachsenhausen, bei der die Teilnehmer die Verbrechen der Nazis leugneten. Oder wenn er wie aus Chemnitz hört, dass ein Mensch erstochen und andere dann aufgrund ihrer Herkunft auf der Straße gejagt werden. Hat sein langes Leben David Levin doch eines gelehrt: „Egal welcher Herkunft, welcher Religion oder Ideologie: jeder Mensch will eigentlich nur eines – vernünftig leben.“

Einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen

Der 92-jährige Bestenseer ist einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust, der schmerzlich und mit bis heute nicht vernarbten seelischen Wunden ertragen musste, wohin Intoleranz, Rassenwahn und unbändiger Machtmissbrauch führen.

Als Kind ist für David Levin die Welt noch in Ordnung. Er wächst mit drei Geschwistern als Sohn eines jüdischen Schokoladenfabrikanten in Warschau auf. Schmunzelnd erinnert er sich: „In der Schule war ich beliebt, weil ich immer ein Stück der damals teuren Schokolade dabei hatte.“

Zeit der Unbeschwertheit war vorbei

Mit dem Überfall auf Polen im September 1939 aber ist für den 13-Jährigen die Zeit der Unbeschwertheit schlagartig vorbei. Im Oktober 1940 richten die Nazis in Warschau das mit einer drei Meter hohen Mauer umgebene Warschauer Ghetto ein. Binnen sechs Wochen mussten alle Warschauer Juden dorthin umziehen. Das bedeutete ein Drittel der gesamten Stadtbevölkerung auf nicht einmal einem Dreißigstel der Fläche. „Wir hatten dabei noch Glück. Meine streng gläubige Familie wohnte ohnehin in diesem Gebiet, sodass wir zwar Einquartierungen bekamen, aber in unserem Haus bleiben konnten“, berichtet David Levin. Im Vergleich zu vielen anderen Ghettobewohnern sei es ihnen daher nicht ganz so schlecht gegangen. Der Großvater besaß eine Trockenmilchanlage. David und sein anderthalb Jahre älterer Bruder Richard wurden zur Arbeit außerhalb des Ghettos auf einem deutschen Kriegsfriedhof eingeteilt. Schule fand nach der Arbeit heimlich statt. Aber sie konnten wenigstens noch so manche Kartoffel oder Zwiebel tauschen. Die Lebensmittelzuteilung für einen Juden erstreckte sich im Ghetto auf 184 Kilokalorien pro Kopf und Tag, während Polen 634 und Deutschen 2310 zustanden. „Unzählige Nachbarn und Freunde sind verhungert oder an Flecktyphus gestorben. Auf den Straßen des hoffnungslos überfüllten Ghettos sah ich als 14- oder 15-Jähriger bald mehr Leichen als Menschen.“

Ein fast vierjähriges Martyrium

Im Herbst 1941 wurden sein Bruder und er von der SS auf der Straße angehalten, ihr so lebenswichtiger Passierschein, der sie zur Arbeit zum Verlassen des Ghettos berechtigte, mit einem höhnischen Grinsen zerrissen und sie auf einen Lastwagen verfrachtet. Die Fahrt führte sie direkt in das etwa 160 Kilometer entfernte Majdanek, wo sie das ab Oktober 1941 eingerichtete KZ mit aufbauen mussten. Für den 15-Jährigen begann damit ein fast vierjähriges Martyrium mit so grauenvollen Stationen wie Auschwitz und Buchenwald. David Levin wurde zur namenlosen Häftlingsnummer 129432 mit dem Dreieck als dem Judenzeichen darunter.

1942 wird er in Viehwaggons nach Auschwitz transportiert, wo im Frühjahr des gleichen Jahres die ersten Gaskammern entstehen. Sein Bruder Richard wird dort erschossen. David Levin muss wie tausende seiner ausgemergelten Mithäftlinge in Bautrupps täglich mindestens elf Stunden schuften. Bei Kälte und Regen wird selbst der notdürftige Schutz mit einem leeren Zementsack mit Peitschenhieben oder gar dem Tod bestraft. Zur Gaudi der SS müssen die schon entkräfteten Häftlinge Ziegelsteine im Laufschritt schleppen oder große Straßenwalzen wie Pferdegespanne ziehen. „Solidarität unter den Häftlingen gab es kaum. Jeder war nur von einem Gedanken beherrscht, ein bisschen mehr Brot, ein bisschen mehr Suppe zu erheischen“, sagt David Levin. Unweit von seiner Baracke befindet sich das Lager der Sinti und Roma, das eines Morgens plötzlich nicht mehr da war - über Nacht ausgelöscht. „Wir wussten alle, was dort geschehen ist, aber keiner sprach darüber“, erinnert sich der 92-Jährige.

Die Rote Armee rückt näher

Als mit dem Näherrücken der Roten Armee Ende 1944 das Vernichtungslager Auschwitz schrittweise aufgelöst wird, wird David Levin zuerst auf einen Marsch und dann ausgerechnet in der Silvesternacht auf einen Transport nach Buchenwald geschickt, wo er am Neujahrstag des Jahres 1945 eintrifft. Hier erlebt er am 11. April 1945 auch die Selbstbefreiung der Häftlinge. „Dabei erinnere ich mich noch wie heute, dass ich damals völlig emotionslos auf dem Dach einer Häftlingsbaracke stand. Während sich andere umarmten, tanzten und immer wieder riefen ‚Wir sind frei, wir sind frei!‘, empfand ich gar nichts. In mir war nur Leere. Ich war außerstande zu begreifen, was dort geschah“, sagt der Bestenseer. „Als 19-Jähriger wusste ich überhaupt nicht, was das ist, frei zu sein.“ In einer Zeit, in der junge Menschen seines Alters gern Sport treiben, zur Tanzstunde gehen oder ihr erstes Mädchen küssen, hatte David Levin über Jahre nur ein Gedanke beherrscht - irgendwie den nächsten Tag zu erleben. Von einem neuen, einem freien, demokratischen Deutschland hatte er keine Vorstellung.

„Aber eine Maxime für mein weiteres Leben hatte ich gelernt: Nur ein Pfund Fleisch ergibt eine gute Suppe.“

Die Wirren der Nachkriegstage

In den Wirren der ersten Nachkriegstage fand er einen Cousin wieder, der ihm eine Arbeit bei der US-Armee besorgte. „Dort wurde ich Schichtleiter, ohne auch nur ein Wort Englisch zu sprechen“, sagt David Levin schmunzelnd. Im Oktober 1945 rang er allerdings schon wieder mit dem Tod. Er erkrankte an einer schweren Tuberkulose, die ihn drei Jahre lang an Krankenhäuser und Klinken fesselte. Erst danach konnte er endlich in ein normales Leben starten. Er wurde - alles learning by doing - Einkäufer in einem Betrieb. 1956 lernte er in Berlin seine heute 83-jährige Frau Christa kennen, mit der er in diesem Jahr 60 Jahre verheiratet ist. Augenzwinkernd meint er: „Mein bestes Antikstück.“ Sie erinnert sich, dass ihr David noch nach Jahrzehnten Albträume hatte und oft aus dem Schlaf aufschreckte: „Jetzt holen sie mich!“

Geblieben ist nur ein Foto

Von einer schon Ende der 1920er Jahre nach Palästina ausgereisten Tante erfuhr David Levin, dass er als Einziger aus seiner Familie den Holocaust überlebt hat. Seine Eltern, seine Schwester sowie sein zweiter Bruder sind tot. Wie sie umkamen, weiß der 92-Jährige bis heute nicht. „Was würde es ändern, wenn ich wüsste, ob und wo sie verhungert, erschossen, erschlagen oder vergast wurden?“, fragt er. Geblieben ist ihm von seiner Familie lediglich ein Foto aus dem Jahr 1938, das die Tante in Israel aufbewahrt hat. Es steht jetzt in seinem Wohnzimmer in Bestensee, wo er seit 1957 wohnt und sich noch heute täglich am Gesang der Vögel erfreut.

Der Glauben war tief erschüttert

David Levins Glauben war schon nach der Hölle von Auschwitz tief erschüttert. „Wie kann ich noch an einen Gott glauben, der so etwas zulässt, der tatenlos zuschaute, als allein in Auschwitz etwa eine Million Juden vergast wurden?“, fragt er. Synagogen betritt er fast nur noch, wenn der Opfer des Holocaust gedacht wird. Ihrer zu gedenken, ist ihm bis heute nicht nur wichtig, sondern eine Frage des Herzens und der Ehre. Daher überlegte David Levin trotz der Schwere der Erinnerungen auch nicht lange, als er im Januar 2011 eine Einladung des damaligen Bundespräsidenten erhielt. Christian Wulff bat den Bestenseer, ihn gemeinsam mit drei anderen Überlebenden auf seiner Reise anlässlich der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 zu begleiten. „Die Jüngeren müssen wissen, was dort geschehen ist. Und mit Menschen, die den Holocaust noch heute leugnen, sollte man dort hinfahren, sie sollen sich die Berge von Schuhen auch kleinster Menschenkinder anschauen.“ Das Gedenken an die Nazi-Opfer brachte den Bestenseer Anfang der 2000er Jahre bei einem Essen in Los Angles auch eher zufällig mit dem weltberühmten Filmregisseur Steven Spielberg zusammen, der 1993 den Film „Schindlers Liste“ drehte. Rund 60 Millionen Dollar der Einnahmen dieses Films verwendete Spielberg zur Gründung der Shoah Foundation. Sie filmt und führt für kommende Generationen Interviews mit Zeitzeugen. Spielberg sprach in dem Restaurant mit David Levin über die Shoah. Er hörte diesem Mann, der Auschwitz überlebte, zu. Hat David Levin an kommende Generationen doch nur einen Wunsch: „Es wäre schön, wenn jeder dem anderen über alle Rassen, Religionen und Weltsichten hinweg helfen würde, wenn Hilfe nötig ist. Wir alle wären weitaus glücklicher.“

Von Franziska Mohr

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