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Das Sprech-Zimmer von Doktor Bibliothekar

Kulturleben in Bestensee Das Sprech-Zimmer von Doktor Bibliothekar

Wolfgang Schirmer ist in Bestensee Bibliothekar: Ehrenamtlich. Er liest sehr gern und liebt Bücher, die man anfassen, blättern, riechen kann. Mit seiner Leidenschaft steckt er andere an. Doch in seiner Bibliothek wird nicht nur gelesen, sondern auch viel miteinander gesprochen. Über Gott und die Welt und darüber, wo der Schuh drückt. Flüchtlinge lernten hier sogar Deutsch.

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Wolfgang Schirmer betreut in Bestensee ehrenamtlich die Bibliothek. Für ihn und viele seiner Leser ist sie ein Sprech-Zimmer.

Quelle: Andrea Müller

Bestensee. Die Räume der Bibliothek in der Bestenseer Waldstraße atmen förmlich Bücher. Es riecht nach Papier. Und nach Kaffee. Denn wer hierher kommt zu Wolfgang Schirmer, der will nicht nur lesen, sondern meist auch reden. Nicht nur über Literatur, sondern über Gott und die Welt und darüber, wo der Schuh drückt. „Die Bibliothek ist ein Treffpunkt für alle möglichen Leute“, sagt der Bibliothekar, der seine „Arbeit“ ehrenamtlich macht – aus Liebe zu den Schmökern und den Menschen.

Bis zum Jahr 2005 hat Schirmer auf dem Bau gearbeitet. Ein Knochenjob, den seine Knochen nicht aushielten; vor allem nicht die der Wirbelsäule. Aber zu Hause sitzen und Däumchen drehen, das konnte der Bestenseer auch nicht. Er las gern und als man ihn fragte, ob er nicht als Bibliothekar arbeiten will, sagte er spontan zu. Dabei kommt der Mann hier – umgeben von Tausenden von Büchern – nicht zum Lesen. Es muss geordnet und sortiert , entstaubt, Stück für Stück gemalert, Neues eingeordnet und die Ausleihe betreut werden. Die ist noch wie früher: Alles ist auf kleinen Karteikarten notiert. In der Bestenseer Bibliothek gibt es 16 000 Bücher – von Utopie bis Krimi. Letztere stehen bei der Beliebtheit der Bestenseer Leseratten auf Platz 1, verrät Schirmer. Aber auch die anderen Bücher gehen raus ins Leben. „Ich würde sagen, es gibt eine Umwälzung pro Jahr“, schätzt der Bibliothekar. Manche Bestseller werden von manchen sogar zwei- dreimal gelesen, einige sogar öfter – bei kostenloser Ausleihe. Jeder sucht sich heraus, was er möchte. Mit Empfehlungen hält sich der Fachmann aber eher zurück. Die Geschmäcker sind verschieden. „Nur, wenn mich einer fragt, gebe ich einen Rat“, sagt er.

Die Bibliothek als soziales Zentrum in Bestensee

Das trifft nicht nur auf Belletristik und Sachliteratur zu. Hier wird so mancher Ratschlag erteilt. Schirmer reist zum Beispiel sehr gern und fertigt hinterher Fotoalben an. „Die wollen alle sehen“, meint Schirmer, der dann gern auch bereit ist, Tipps rund um den Urlaub in der Fremde zu geben. Manche – es sind meist Ältere – wollen aber einfach auch nur mit Menschen zusammen sein, erzählen, Nähe spüren, vielleicht auch ihre Sorgen los werden. In diesem Sprech-Zimmer von Doktor Bibliothekar gibt es Zuhörer und Ruhe. Der eine kann hier einen Ratschlag geben, der andere dort. Aber es zieht auch Jüngere hierher. Mädchen kommen zum Puzzeln. Flüchtlinge lernten hier die ersten Worte Deutsch, bekamen Hilfe, wo Unterstützung gebraucht wurde. Auch der Briefmarkenverein trifft sich in der Bücherei.

Die meisten Bücher der Bestenseer Bibliothek sind Geschenke. „Sie kommen von Oranienburg, über Babelsberg bis zu Altglienicke“, erinnert sich der Bibliothekar, der jeden Neuzugang persönlich unter die Lupe nimmt. Was er findet, sammelt er. Eine kleine Ausstellung im Eingangsbereich erzählt davon. Da gibt es Liebesbriefe, Widmungen, Rechnungen. Die Wogen des Lebens liegen auch zwischen den Seiten. Schirmer hat sogar Zeugnisse von Ehebruch gefunden. Natürlich schweigt er darüber wie ein Grab.

Zweimal wöchentlich ist die Bibliothek geöffnet

In vielen der Bücher haben ihre früheren Besitzer ihre Namen eingetragen. „Manche reißen dann Seiten raus, ehe sie die Werke zu uns geben“, berichtet Schirmer. Die Seiten sollen aber ruhig an ihrem Platz bleiben, findet er, denn es gebe einen speziellen Stift, mit dem die Schrift entfernt werden kann.

Wolfgang Schirmer öffnet seine ihm heiligen Hallen zweimal wöchentlich Montag und Freitag von 16 bis 19.30 Uhr. Wenn er selbst im Urlaub ist, bleibt die Bibliothek geschlossen. Die Sprech-Stunde fällt dann aus.

Von Andrea Müller

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