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Das schwere Erbe von Schlecker

Wirtschaft Das schwere Erbe von Schlecker

Die meisten der „Schlecker-Frauen“ arbeiten längst in anderen Jobs, auch Drogerie-Artikel gibt es auf dem Land immer noch zu kaufen. Trotzdem leiden viele Kommunen auch drei Jahre nach der Schlecker-Pleite noch immer unter dem Verschwinden der Drogerie-Kette. Denn das blaue Logo der Kette ist noch immer allgegenwärtig. Und es verheißt Leerstand.

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Die ehemalige Schlecker-Filiale in Baruth steht nach drei Jahren noch immer leer.

Quelle: Verena Splett

Dahmeland-Fläming. Wirklich schön ist der Blick durch die Scheiben des alten Trebbiner Schlecker-Marktes immer noch nicht – aber immerhin bewegt sich drinnen etwas. Wer sich dieser Tage an den Fenstern des alten Trebbiner Schlecker-Marktes seine Nase platt drückt, der sieht Baustaub, Rigips-Platten, Kartons. Das Ladenlokal wird ausgebaut, es wird umgebaut – und vor allem wird etwas abgebaut: Drei Jahre nach dem Ende der Drogerie-Kette sind in Trebbin fast alle blauen Schlecker-Logos verschwunden. Bis auf eines. „Das war hartnäckig“, sagt der neue Eigentümer, Bernd Schlesinger. „Aber der Umbau hat sich ohnehin verzögert, und da dachte ich, das Logo hat jetzt so lange gehangen, da machen zwei Wochen mehr auch nichts mehr aus.“

Schlesinger hat den leer stehenden Schlecker in der Bahnhofstraße vor wenigen Monaten gekauft. Er passte für seine Zwecke. Allerdings wird daraus kein Geschäft mehr. Schlesinger will bis Oktober aus dem gelben Haus den Unternehmensstandort seiner Immobilienfirma machen, samt Geschäftsführerwohnung. Aber immerhin hat Trebbin dann geschafft, woran viele andere Gemeinden in der Region noch verzweifeln: die städtebauliche Wunde, die die Insolvenz der Kette im Zentrum hinterlassen hat, ist endlich verschwunden.

Als der einst größte deutsche Händler von Seife, Waschmittel und Toilettenpapier im Juni 2012 auf einen Schlag alle Läden schloss, war das für die Region ein Schock. Zwischen Königs Wusterhausen, Großbeeren und Jüterbog saßen plötzlich gut 140 Beschäftigte auf der Straße, die Menschen in den Städten und Dörfern fürchteten Versorgungsengpässe.

Der Arbeitsmarkt fing das Verkaufspersonal allerdings recht schnell auf. Schon ein knappes Jahr später meldete die Arbeitsagentur, dass zwei Drittel wieder einen Job hatten. Von den restlichen steckten viele in Weiterbildungen oder sie schulten gleich ganz um.

Auch die Versorgungslage litt fast nirgends wirklich dramatisch. Drogeriewaren gab es in den meisten Orten weiterhin, auch wenn das Angebot der Supermärkte vielleicht übersichtlicher war.

Was aber von der Schlecker-Pleite dauerhaft blieb, war der Leerstand. Ob in Zeuthen, Schulzendorf, Halbe, Altes Lager, Luckenwalde, Am Mellensee oder Dahme. Mehr als 40 Schlecker-Filialen gab es in der Region, und viele davon sehen noch so aus, wie die Belegschaft sie 2012 verlassen hat – nur dass Folie oder Packpapier den Blick ins Innere verhindert.

„Das Problem sind die Ladengrößen“, sagt der Trebbiner Bernd Schlesinger. Die Geschäfte haben in der Regel 200 Quadratmeter Verkaufsfläche. „So etwas lässt sich in dieser Region einfach nicht mehr wirtschaftlich betreiben“, sagt er.

In Halbe etwa hat Eigentümer Ralf Miethe deshalb die Suche nach einem Nachnutzer schon aufgegeben. Miethe selbst betreibt ein Elektronikfachgeschäft. Ein Anbau hinter seinem Laden war jahrelang an Schlecker vermietet. „Das war okay“, sagt er. „Aber jetzt ist es einfach schwer, etwas Neues zu finden.“

In Baruth verunziert der Schlecker-Schriftzug sogar eines der stattlichsten Häuser am Platz. Während die Fassade orangefarben in der Sonne leuchtet, sind die Fenster verhangen, nicht einmal ein Ansprechpartner für Mietwillige findet sich. Die Gäste beim Italiener nebenan wissen auch nicht mehr. Seit der Schließung sehe das Geschäft so aus, sagt eine Frau. Es sei schade für Baruth. „Und ich verstehe auch nicht, weshalb nicht wenigstens mal jemand den Schriftzug abmacht.“

In Großbeeren das Gleiche. Dort habe zwischenzeitlich mal ein Autohaus das Ladenlokal als Ersatzteillager genutzt, erzählt Buchhändler Wolf-Peter Ebel, der sein Geschäft direkt gegenüber hat. Man habe sich aber nie die Mühe gemacht, das Logo zu entfernen. Inzwischen stehe der Laden wohl wieder leer. „Ich verstehe das nicht. In dieser Lage könnte man etwas daraus machen, vielleicht einen kleinen Bio-Laden“, sagt er. Aber stattdessen nur: Folie und ein blauer Schriftzug. „Wenn Schlecker noch ein Image hätte, dann wäre es spätestens jetzt ruiniert“, sagt Ebel.

Freilich sieht es nicht überall so aus. In den größeren Städten und Gemeinden fanden sich zum Teil schnell Nachnutzer. In der Cottbuser Straße in Königs Wusterhausen werden Computer verkauft, in der Zossener Bahnhofstraße gibt es Matratzen, in der Jüterboger Pferdestraße ist eine Physiotherapie eingezogen und in den früheren Filialen in Ludwigsfelde haben ein Tanzstudio und ein Hersteller von Naturkosmetik ihren Sitz.

Aber im ländlichen Raum fehlen diese Alternativen zumeist. Und selbst wenn es die gibt, wandelt sich damit nicht immer alles zum Guten. So sieht der alte Markt in Klausdorf trotz eines Eigentümerwechsels noch immer wie ein heruntergewirtschafteter Baucontainer aus. Der neue Eigentümer hüllt sich über die neue Nutzung der Räumlichkeiten in Schweigen.

An die Fenster hat er Plakate gepinnt, die darauf schließen lassen, dass er den Markt womöglich als Lager für einen Versandhandel nutzt. Am äußeren Erscheinungsbild wolle er jedenfalls nichts verändern, sagt er. „Es bleibt alles so, wie es ist.“ Schlecker-Schriftzug inklusive.

Selbst in Luckenwalde, einer Stadt mit immerhin gut 20 000 Einwohnern, gestaltet sich die Nachnutzung schwierig. Für das Ladenlokal am Markt hat sich nur eine Fitnessgruppe gefunden, die an einzelnen Abenden auf dem Fliesenboden ihre Übungen turnt. Der zweite Markt in der Parkstraße wurde gleich ganz abgerissen. Astrid Schulz, die nebenan einen Getränkemarkt leitet, bedauert das Verschwinden der Drogerie-Kette. „Es gibt nichts Schöneres als belebte Geschäfte in der Nachbarschaft“, sagt sie.

Romantik dieser Art hat bei Bernd Schlesinger keinen Platz. „Die Kaufkraft in der Region ist nun mal begrenzt“, sagt der Trebbiner. Den Laden in der Poststraße wieder als Geschäft zu betreiben? „Da wäre ich im Leben nicht darauf gekommen“, sagt er. „Da muss man schon ganz schön bescheuert sein.“

Von Oliver Fischer

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