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Der Pflegenotstand ist da

Dahmeland-Fläming Der Pflegenotstand ist da

Die Gesundheitswirtschaft in Brandenburg boomt, doch dahinter verbirgt sich vor allem eine dramatische Beschleunigung des demografischen Wandels. In der Region ist der Fachkräftemangel im Pflegebereich jetzt schon akut – verbessern wird sich die Lage nicht, glauben Fachleute.

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Immer mehr Menschen sind im Alter auf Pflege und Zuwendung angewiesen.

Quelle: dpa

Dahmeland-Fläming. Die Zahlen klingen zunächst einmal beeindruckend: Zwischen 2008 und 2015 ist die Gesundheitswirtschaft in Brandenburg um 3,4 Prozent jährlich gewachsen, deutlich stärker als der Rest der Wirtschaft mit 0,9 Prozent. Auch die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich hat mit 1,5 Prozent pro Jahr deutlich stärker zugelegt als die restlichen Branchen mit 0,2 Prozent,wie das Statistische Landesamt errechnete.

Hintergrund

Die Gesundheitswirtschaft ist ein sehr dehnbarer Begriff. Die Statistikämter zählen dazu etwa Firmen wie Pharmabetriebe, Biotech-Unternehmen und Medizintechnikhersteller genauso wie Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen, Apotheken oder Reha-Kliniken.

Im Landkreis Dahme-Spreewald lag der Anteil der pflegebedürftigen Menschen an der Gesamtbevölkerung 2011 bei 3,4 Prozent. Im Jahr 2001 waren es noch 2,7 Prozent.

In Teltow-Fläming ist dieser Wert in derselben Zeit von 2,4 auf 3,6 Prozent gestiegen.

Die Zahl der stationären Pflegeeinrichtungen ist in Dahme-Spreewald von 2001 bis 2011 von 14 auf 21 gestiegen. Mehr als 47 Prozent aller Pflegebedürftigen wurden 2011 in stationären Einrichtungen betreut.

In Teltow-Fläming ist die Zahl der Einrichtungen in dieser Zeit von 15 auf 22 gestiegen. Dort wurden 2011 42,5 Prozent aller Pflegebedürftigen stationär versorgt.

In ganz Brandenburg arbeiteten 2015 145 000 Menschen in der Gesundheitswirtschaft, das sind 15 000 mehr als noch im Jahr 2008.

Doch hinter den Zahlen verbirgt sich nicht nur ein Boom von Pharmafirmen wie der Merete Medical GmbH, die im Biotechnologiepark Luckenwalde seit 2007 zum Beispiel Hüftimplantate oder Knochenersatz herstellt. Oder der Medizinischen Modellbau Manufaktur GmbH, die im Technologie- und Gründerzentrum in Wildau medizintechnische Prototypen herstellt. Die Zahlen belegen auch eine dramatische Beschleunigung des demografischen Wandels und der Probleme im Pflegebereich, die sich daraus ergeben – denn diese Branche hat einen erheblichen Anteil an der Gesundheitswirtschaft.

Mehr pflegebedürftige Menschen

So ist die Zahl pflegebedürftiger Menschen allein im Landkreis Dahme-Spreewald zwischen 2001 und 2011 um 1133 auf 5472 gestiegen – um mehr als  26 Prozent. In Teltow-Fläming sind in derselben Zeit sogar fast 50 Prozent mehr Menschen pflegebedürftig geworden: 5787 waren es 2011,  1917 mehr als zehn Jahre zuvor. Brandenburg gilt deutschlandweit als das Land mit der ältesten Bevölkerung, durch die Abwanderung der Jungen schlägt der demografische Wandel hierzulande stärker durch als irgendwo sonst. Im Jahr 2015 gab es laut der brandenburgischen Landesregierung 18 Prozent zu wenig Fachkräfte in der Pflege, 2030 soll die Nachfrage gar um 35 Prozent höher liegen als das Angebot. Wer aber soll sich um die vielen pflegebedürftigen Menschen kümmern?

„Das ist das entscheidende Thema“, sagt Michael Braukmann, der Geschäftsführer des Arbeitersamariterbundes (ASB) Mittelbrandenburg, der in der Region knapp 20 Altenpflegeeinrichtungen betreibt. „Wirklich frei verfügbare Fachpflegekräfte gibt es schon lange nicht mehr, im berlinnahen Raum sind inzwischen auch Hilfskräfte praktisch nicht mehr zu bekommen“, so der Experte. In Zeuthen habe der ASB vor drei Monaten eine neue Einrichtung eröffnet, „aber jeder Bewerber, den wir dort einstellen, fehlt dann an anderer Stelle.“

Natürliche Obergrenze

Normalerweise beginnt in Situationen wie dieser der freie Markt zu wirken: Wenn die Nachfrage nach Fachkräften steigt, aber das Angebot gleich bleibt, müssten Betriebe wie der ASB eigentlich mehr Geld bieten, um die Attraktivität des Berufes zu steigern und mehr Jugendliche zu motivieren, diesen zu ergreifen: „Das Geld für höhere Löhne ist in den Pflegesätzen aber nicht vorgesehen. Höhere Löhne für Fachkräfte können die Träger der Pflegeeinrichtungen schlicht nicht refinanzieren“, sagt Michael Braukmann. Diese „natürliche Obergrenze“ beim Lohn liegt in Brandenburg bei etwa 2500 Euro brutto im Monat für eine Fachkraft.

Viele Pflegedienste würden gerne mehr Fachkräfte aus dem Ausland anwerben. Doch auch das ist schwierig. In Deutschland dauert die Ausbildung zur Altenpflegekraft mindestens drei Jahre und ist sehr anspruchsvoll. Die Ausbildung in Ländern wie Polen oder Tschechien habe nicht den gleichen Standard, sagt Michael Braukmann: „Wenn es in Brandenburg Probleme bei der Anerkennung eines Abschlusses gibt, dann hat das durchaus fachliche Gründe. Die Behörden sind da alle sehr bemüht, weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass wir in dem Bereich einen extremen Mangel haben.“

Pflegekräfte aus China

Der ASB setzt seit knapp zwei Jahren verstärkt auf Pflegekräfte aus China. „Die kommen dann mit einem Universitäts-Abschluss zu uns, bei dem klar ist, dass er hier anerkannt wird“, erklärt Michael Braukmann. „Anschließend durchlaufen sie bei uns ein sechsmonatiges Trainee-Programm und legen anschließend noch eine Prüfung ab.“ Das Problem sei aber, dass diese aufwendige Personalgewinnung in keinem Pflegesatz enthalten ist.

Aber nicht nur die großen Unternehmen haben Probleme, Personal zu finden. Eileen Löwendorf aus Zossen hat erst vor kurzem einen privaten Hauspflegedienst in ihrer Heimatstadt übernommen. Die meisten ihrer Klienten sind zum Glück geblieben. Sieben Angestellte beschäftigt die 35-Jährige, alle aus der Region. Sie sucht eine weitere Fachkraft und eine Hilfskraft. „Die großen Träger können vielleicht mehr zahlen, dafür geht es bei uns sehr familiär zu und wir haben ein tolles Arbeitsklima“, sagt sie.

Das versucht man auch beim ASB zu schaffen: „Weil die Löhne gedeckelt sind, versuchen wir Leute anzuwerben durch faire Arbeitsbedingungen, flexible Dienstpläne und ein Miteinander auf Augenhöhe“, sagt Michael Braukmann. „Diese weichen Faktoren sind heutzutage entscheidend.“

Keine entspannte Situation

Aber auch Braukmann glaubt nicht, dass das ausreicht, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken: „Die Situation kann sich ja gar nicht entspannen, weil sich auch der demografische Wandel beschleunigt.“ In einigen Jahren werde die Generation der Babyboomer, zu der sich der 51-Jährige zählt, ins Rentenalter kommen. „Dann wird sich der Fachkräftemangel dramatisieren“, sagt er. Es brauche schon eine große gesellschaftliche Anstrengung und eine Verbesserung des Ansehens von Altenpflegern, glaubt Braukmann: „Ansonsten bin ich mit meinem Latein am Ende.“

Von Martin Küper

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