Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
„Der Staat war ohnmächtig“

Interview mit Karl-Heinz Schmalfuß, dem ehemaliger stellvertretender DDR-Innenminister „Der Staat war ohnmächtig“

Der 86-jährige Karl-Heinz Schmalfuß lebt in Königs Wusterhausen und ist als stellvertretender Innenminister der DDR einer der letzten Zeitzeugen der DDR-Führung, der die Ereignisse der Wiedervereinigung im damaligen Machtzentrum direkt miterlebte.

Voriger Artikel
Luftfahrttechnik ist der Renner
Nächster Artikel
Wieder eine Rüge für den Bürgermeister

Der einstige Generalleutnant Karl-Heinz Schmalfuß lebt heute in Neue Mühle.

Quelle: Franziska Mohr

Dahmeland-Fläming. In wenigen Wochen jährt sich die Wiedervereinigung Deutschlands zum 25. Mal. Ein Ereignis, das der heute in Neue Mühle lebende 86-jährige Karl-Heinz Schmalfuß, ehemaliger Generalleutnant und stellvertretender DDR-Innenminister (1984 bis 1990) hautnah miterlebte.

MAZ: Wie war die politische Situation im Juli 1990? Ging es da noch heiß her oder waren da schon alle Messen gesungen?

Karl-Heinz Schmalfuß: Zu diesem Zeitpunkt war der politische Kurs abgesteckt. Mit der am 1. Juli vollzogenen Währungsunion fuhr das Schiff DDR mit Volldampf in Richtung Wiedervereinigung. Die Massenentlassungen in den Betrieben begannen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie den Rang des Vize-Ministers zwar schon eingebüßt, arbeiteten aber noch als Generalinspekteur unter dem CDU-Innenminister Peter-Michael Diestel. Wie funktionierte dieses merkwürdige Duo?

Schmalfuß: Ich weiß noch wie heute, dass Diestel sein Amt am Gründonnerstag übernahm. Er rief die Generäle zu sich und erklärte: „Meine Herren, ich benötige ihre Mitarbeit.“ Das sei mit dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) abgestimmt. Da bin ich geblieben.

Zur Person

Karl-Heinz Schmalfuß, geboren 1929, arbeitete ab 1948 als Neulehrer.

1955 erhielt er den SED-Parteiauftrag, als Unteroffizier Angehöriger der Deutschen Volkspolizei zu werden.

Von 1956 bis 1960 folgte ein Studium am Dzierzynski-Militärinstitut Moskau, der Militärakademie der Inneren Truppen, die dem Komitee für Staatssicherheit der UdSSR (KGB) unterstand.

Von 1965 bis 1975 leitete er das Büro des Innenministers der DDR und stieg 1984 zum Stellvertreter des Ministers des Innern auf. Diese Funktion hatte er bis April 1990 inne.

Unter CDU-Innenminister Peter-Michael Diestel arbeitete er als Generalinspekteur, ehe er am 2. Oktober 1990 seine Entlassungspapiere erhielt.

Was hatten Sie persönlich für einen Eindruck von Diestel?

Schmalfuß: Im Unterschied zum damaligen Verteidigungsminister Rainer Eppelmann war Diestel ein sehr fairer Mann, der die Leistung anderer achtete und niemanden mit Macht hinauswerfen wollte. Außerdem kamen schon sehr schnell Berater vom Bundesinnenministerium.

Wie war Ihnen zumute, als Sie erstmals diesen Beratern gegenüberstanden?

Schmalfuß: Schon im ersten Gespräch habe ich ihnen gesagt, dass wir es nicht geschafft haben, die DDR als Staat zu erhalten. Die BRD halte ich aber auch nicht für das letzte Wort der Geschichte. Eine Auffassung, die ich übrigens heute noch teile. Als sie mich zu meinem Verhältnis zur Staatssicherheit befragten, antwortete ich wahrheitsgemäß, dass ich gern, gut und jeden Tag mit ihnen zusammengearbeitet habe. Außerdem gehe ich davon aus, dass das bei ihnen ähnlich läuft. Diese Frage wurde anschließend nie wieder berührt.

Mit welchen Gefühlen sehen Sie heute dem 3. Oktober entgegen? Schließlich bekamen Sie an diesem Tag Ihre Entlassungspapiere.

Schmalfuß: Die Übernahme des DDR-Innenministeriums nahm damals Staatssekretär Hans Neusel vor. Natürlich empfand ich diesen Tag als Niederlage. Mit der DDR brach für mich ein Ideal zusammen, in dem alles besser gemeint war. Besser gemacht wurde aber viel weniger.

Ab wann wussten Sie, dass die DDR nicht mehr zu retten ist?

Schmalfuß: Ein massiver innenpolitischer Druck war spätestens ab den Kommunalwahlen im Mai 1989 zu spüren. Der Untergang aber begann weitaus früher, weil die Partei- und Staatsführung an die Bevölkerung ab Mitte der 70er Jahre fast nur noch Sozialgeschenke verteilte und die schwierige wirtschaftliche Lage der DDR verkannte. Außerdem hat sie die Stärke des Westens unterschätzt und den Einfluss Gorbatschows ignoriert. Als sich Umweltgruppen etablierten, die Massenfluchten über die Botschaften und die Montagsdemos begannen, herrschte absolute Ratlosigkeit. Niemand wusste, wie dies zu bewerten ist. Die Sowjetunion hatte bereits signalisiert, dass sie in keinem Fall eingreifen würde. Der Staat war ohnmächtig, erwies sich als unfähig, Gegenmaßnahmen einzuleiten. Die DDR hatte mit jedem Feind gerechnet, aber nicht damit, dass sich die eigenen Leute erheben würden.

Tragen Sie nicht als stellvertretender Innenminister die politische Mitverantwortung für die Ereignisse zum 40. Jahrestag der DDR, als am 7./8. Oktober die Demonstrationen rund um den „Palast der Republik“ mit äußerster Härte aufgelöst wurden?

Schmalfuß: Diese Tage waren ein einziges Fiasko. Im Palast sollten die Staatschefs feiern. Ihnen durfte nichts passieren. Der Einsatz von Wasserwerfern war untersagt und die Bereitschaftspolizei musste sogar in Ausgangsuniformen arbeiten, um diesen 40. Jahrestag zu ehren. Aus heutiger Sicht war dies alles grotesk. Wir hatten die Lage völlig verkannt und höchstens mit 150 Festnahmen gerechnet. Am Ende wurden weit über 1000 Menschen inhaftiert, für die es weder Essen noch Räume, noch ausreichend Toiletten gab. Die Einsatzkräfte von Polizei und Staatssicherheit waren hoffnungslos überfordert, so dass Übergriffe nicht ausblieben. Diese Tage waren kein Ruhmesblatt für die Polizei.

Und wie haben Sie die Maueröffnung erlebt?

Schmalfuß: An diesem Tag war ich sogar der Diensthabende des Innenministeriums. Trotzdem erfuhr ich erst aus dem Radio, dass die Grenze offen ist. Der Minister war an diesem Abend nicht zu erreichen, weil er an einer Tagung des Zentralkomitees der SED teilnahm. In dieser Nacht kamen ganze zwei Anrufe. Ich war fassungslos und wusste, dass damit der Sozialismus auf deutschem Boden eine Episode der Geschichte war.

War die Maueröffnung gar ein Zufallstreffer?

Schmalfuß: In diesem November 1989 spielte der Gott des Zufalls ganz sicher eine Rolle. Dennoch war der Mauerfall aufgrund der Stärke des Westens und der Schwäche des sozialistischen Lagers zwangsläufig. Von 1949 bis 1989 sind aus der DDR 2,3 Millionen Menschen gen Westen gezogen.

Sie sagen selbst, dass Polizei und Stasi in der DDR eng verzahnt waren. In der Wendezeit haben Sie tausende Stasi-Leute entlassen. Wie erklären Sie sich, dass sich die sonst so allmächtige Staatssicherheit so kampflos ergeben hat?

Schmalfuß: Die Stasi hatte ihre Informanten überall. Wenn eine Institution in der DDR wusste, wie die Stimmung in der Bevölkerung tatsächlich aussah, dann war es die Staatssicherheit. Die überwiegende Mehrheit von denen waren intelligente Leute, die offenbar schon seit einiger Zeit wussten, dass die DDR abgewirtschaftet hatte. Das bewaffnete Quartett aus Stasi, Polizei, Armee und Kampfgruppen hat in der Wendezeit glücklicherweise funktioniert. Alle vier waren sich einig, dass kein Schuss fallen darf und ein Bürgerkrieg um jeden Preis zu verhindern ist. Eine Tatsache, für die ich noch heute dankbar bin.

Was bewerten Sie mit heute 86 Jahren als den größten Fehler Ihres Lebens?

Schmalfuß: Mein Bruder ist im Krieg gefallen. Und als mich der Lehrer als Klassenprimus in der vierten Klasse fragte, was ich gern machen möchte, sagte ich, dass ich zum Gymnasium gehen möchte. Das aber konnte mein Vater, ein einfacher Zimmermann, nicht bezahlen. In der DDR aber erhielt ich die Chance zu studieren. Das habe ich immer als Privileg empfunden, wofür ich auch bereit war, mich der Parteidisziplin zu beugen, obwohl ich manchmal genau wusste, dass man sich von den Idealen von Marx und Engels immer weiter entfernt hatte. Den Schlussstrich darunter zog ich erst Ende 1989, als ich aus der SED austrat.

Sie wohnten seit 1975 in der Siedlung des Innenministeriums in der Maxim-Gorki-Straße in Zeuthen. Gab es da nach der Wende Anfeindungen?

Schmalfuß: In Zeuthen nicht. Aber es gab schon den einen oder anderen Vorwurf vor allem aus den eigenen Reihen, dass ich unter Minister Diestel nicht den Dienst quittiert habe. Als Vorruheständler habe ich den ersten Seniorenbeirat in Zeuthen mit gegründet und mich stark in der Rentenpolitik engagiert. Meine Lebenserinnerungen fasste ich in zwei Büchern zusammen.

Was ist denn heute Ihr größter Wunsch?

Schmalfuß: Es darf keinen neuen Krieg geben. Der gegenwärtige Konfrontationskurs mit Russland führt in die Irre.


Von Franziska Mohr

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Dahme-Spreewald

Wie wichtig sind Ihnen Bio-Lebensmittel?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg