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Dahme-Spreewald Der Unkonventionelle
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00:18 29.09.2015
Genfer Konventionen und Dublin III müssen eingehalten werden: AfD-Kandidat Jens-Birger Lange. Quelle: Privat
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Der perfekte Kandidat aus dem Handbuch der Politstrategen, das weiß Jens-Birger Lange selbst, ist er wohl nicht. Nicht mit diesem schrägen Humor. Nicht mit dieser Unerfahrenheit in politischen Dingen. Und schon gar nicht mit dieser Biografie: SED-Mitglied, Volkspolizei, Versicherung, Ägypten, Fäkalienabfuhr. Die Leute in seinem Dorf haben ja schon getuschelt, als er bei der letzten Kommunalwahl auf der AfD-Liste stand und dann auch noch gewählt wurde. „Es gab ganz schöne Diskussionen, dass der Kackefahrer plötzlich im Kreistag sitzt“, sagt er. Jens-Birger Lange lacht herzlich.

Lange, 51 Jahre alt und Kandidat der AfD bei der kommenden Landratswahl, sitzt beim Griechen in Zeesen, trinkt Kaffee und erzählt Anekdoten aus seinem Leben. Das mit der Fäkalienabfuhr liegt inzwischen schon wieder ein paar Monate zurück, er arbeitet jetzt als Referent im Landtag. Aber eineinhalb Jahre lang leerte er Gruben im Dienste einer Königs Wusterhausener Entsorgungsfirma. „Ich bin mit der Honigbiene herumgefahren und habe überall meinen Rüssel reingehalten“, sagt Lange. Der Beruf ist ehrenwert, für einige mit politischen Ambitionen wäre das dennoch ein Stigma. Er dagegen amüsiert sich, wenn er erzählt, wie er – einst Personal-Trainer und Top-Verdiener bei der Allianz – sich mit seinen Unterlagen im Personalbüro von Fäkalien-Lehmann meldete. Die ungläubigen Blicke, die irritierten Fragen. Haben Sie Erfahrungen mit Fäkalien? „,Natürlich’, habe ich gesagt“, erzählt Lange und lacht wieder laut. „Mehrmals täglich!“

„Wer die Wahrheit erzählt, muss sich weniger merken.“

Früher wäre er mit solchen Geschichten womöglich zurückhaltender gewesen. Zwar liebt er Pointen, er war auch mal Kabarettist. Seinen Leuten bei der Allianz predigte er aber immer: optimale Offenheit statt maximale Offenheit. Als Kandidat verfolgt Lange indes eine andere Maxime. Er sagt: „Wer die Wahrheit erzählt, muss sich weniger merken.“ Und seine Wahrheit liest sich schon in den Stichpunkten auf seiner Homepage kurios.

Geboren in Schwerin steht da, dann Abitur. Von 1984 bis 1987 Streifeneinzeldienst und Kriminaltechnik bei der Volkspolizei, danach – von 1987 bis 1988 – Fachinstrukteur bei der FDJ-Kreisleitung Stralsund. Das sei sein erstes politisches Leben gewesen. Die Eltern waren Lehrer, sein Vater Genosse. Der junge Jens-Birger wollte auch in die Partei, kam aber erst im dritten Anlauf auf rein, weil er nicht zur Arbeiterklasse gehörte. In der FDJ-Kreisleitung füllte er Mitgliedsausweise aus, führte Statistiken. Er habe an die Sache geglaubt, sagt Lange. Entsprechend enttäuscht war er über das Ende der DDR. Vor allem über das Wie. Als er seinen Parteiausweis in einen Briefschlitz an der Parteizentrale steckte, schwor er sich, künftig die Finger von Politik zu lassen – was mehr als 20 Jahre lang auch gut funktionierte.

Lange, inzwischen Leiter einer Foto-Abteilung im Konsum-Kaufhaus, suchte sich ein neues Betätigungsfeld. Er ging in die Finanzwirtschaft, wurde Bauspar-Spezialist, dann bildete er Versicherungsmitarbeiter aus, nahm Stufe um Stufe auf einem steilen Karriereweg, bis ihn eine schwere Krankheit aushebelte. Das war die Stelle, als einiges zerbrach. Allem voran das Verhältnis zum Arbeitgeber. Man habe ihn fallen lassen in der schweren Zeit, ihn wie ein Anlageobjekt behandelt, sagt Lange. Wieder gesund, löste er seinen Vertrag auf, sattelte um, wurde Fotojournalist. Mit seiner Frau zog er nach Ägypten. Er habe dort viele Bilder gemacht, zwischendurch örtliche Unternehmen beraten, erzählt er, vor allem Gaststätten. Und womöglich wäre er immer noch dort, wenn nicht ein weiterer Krankheitsfall ihn und seine Frau nach Groß Köris gezwungen hätten. Und weil er dort schlecht auf der faulen Haut liegen konnte, wurde er eben Fäkalien-Fahrer.

Wenn Lange von den Wendungen seines Lebens erzählt, dann spricht er mit warmer Stimme. Im Kreistag aber – häufig, wenn es um die Flüchtlingskrise geht – kann er auch anders. Lange vertritt dort vehement die Linie seiner Partei und greift dabei schon mal tief in die Schublade der politischen Kampf-Phrasen. Einmal brach aus ihm heraus, dass viele Politiker die Bodenhaftung verloren hätten. „Man schaut dem Volk nur aufs Maul, um es ihm zu stopfen“, sagte er, und wurde recht laut.

Wohungen statt Gemeinschaftsunterkünfte

Beim Griechen klingt das gemäßigter. Rechts, links, das sei nichts für ihn, sagt Lange. „Wir sehen uns nicht in der rechten Ecke. Die Ansichten der anderen wandern nur nach links.“ Er habe auch nichts gegen die Unterbringung von Asylbewerbern. Die Genfer Konventionen, die Dublin-III-Verordnung, das alles müsse eingehalten werden. Aber doch nicht mit Massenunterkünften. Lieber solle der Landkreis Wohnungen bauen, die Asylbewerber gleichmäßig auf alle Orte verteilen, damit sie sich besser integrieren lassen. Wie genau das gehen soll bei einem Bedarf von derzeit rund 250 Plätzen pro Monat, das kann er nicht sagen. „Mag sein, dass wir relative Laien sind“, sagt er. Aber: „Ich würde es begrüßen, wenn man sich mit unseren Anliegen beschäftigt, und sie nicht ablehnt, nur weil sie von der AfD kommen.

Ihn selbst habe die AfD überzeugt, weil er irgendwann der Meinung war, es gehe alles so nicht mehr weiter. Er redet von einem Einheitsblock der Parteien und davon, dass er es seinen Enkeln schuldig gewesen sei, sich wieder zu engagieren. Sein Einzug in den Kreistag sei aber doch ziemlich überraschend gekommen. Als dann auch ein Landratskandidat gesucht wurde, habe man in der Partei gesagt, die unzufriedenen Wähler bräuchten ein Kanalisationsventil. „Und Kanalisation“, sagt Lange, und lacht wieder: „Da schließt sich dann der Kreis.“

Von Oliver Fischer

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