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Der lange Weg ins religiöse Leben

Religion in der Region: Judentum Der lange Weg ins religiöse Leben

Im Jahr 2000 wurde die jüdische Gemeinde in Königs Wusterhausen von jüdischen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion gegründet. Ihre Mitglieder haben ihre religiösen Traditionen erst hier erlernt.

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Rabbiner Nachum Presman legt Arkadi Schwarz die Tfillin an.

Quelle: privat

Königs Wusterhausen. Einmal im Monat lässt sich Arkadi Schwarz von einem Rabbiner die Tfillin, ein jüdischer Gebetsriemen, um seinen linken Arm binden und das dazugehörige Kopfteil auf die Stirn setzen. Damit symbolisiert er seinen Glauben. Das Anlegen der Tfillin dient religiösen Männern als Mahnung, Gottes Gebote zu beachten. Es ist eine wichtige Tradition im Judentum, orthodoxe Juden legen sie sogar zu jedem Morgengebet an.

Hintergrund

Die im Jahr 2000 gegründete jüdische Gemeinde Königs Wusterhausen ist die einzige in der Region Dahmeland-Fläming.

Sie zählt derzeit 58 Mitglieder und ist die kleinste der jüdischen Gemeinden im Landesverband Brandenburg.

27 Mitglieder der Gemeinde sind laut Halacha, dem jüdischen Gesetz, streng genommen keine Juden, da sie keine jüdische Mutter haben. Das wird in der Gemeinde nicht so eng gesehen. Funktionen dürfen jedoch nur die Mitglieder mit jüdischer Mutter übernehmen.

Im Landesverband sind zudem die Gemeinden aus Brandenburg/Havel, Barnim, Oberhavel, Cottbus, Frankfurt/Oder und aus Potsdam organisiert. In Potsdam gibt es noch andere Gemeinden, die nicht im Landesverband vertreten sind.

Bislang gibt es nur eine Synagoge im Bundesland – sie beefindet sich in Cottbus. In Potsdam sollte bereits 2012 eine Synagoge fertiggestellt werden. Da sich die beteiligten Gemeinden nicht auf einen Bauentwurf einigen konnten, wurde noch nicht einmal mit dem Bau begonnen.

Arkadi Schwarz ist weit davon entfernt, sich selbst als streng gläubig zu bezeichnen. Als er 1999 als Kontingentflüchtling aus der Ukraine in den Landkreis Dahme-Spreewald kam, ahnte er nicht, dass Religion überhaupt einmal eine Rolle für ihn spielen wird. Er hatte sie nie praktiziert, kannte jüdische Traditionen nicht. Nur ein Jahr später gründete der heute 63-Jährige mit Gleichgesinnten und mit der Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland die jüdische Gemeinde Königs Wusterhausen. Und der stellvertretende Gemeindevorsitzende entdeckt seine Religion noch immer – so wie fast alle Gemeindemitglieder.

Ein Rabbiner aus Israel begleitet die Gemeinde

„In der Ukraine hatte Religion überhaupt keine Bedeutung für mich“, erzählt Arkadi Schwarz. „Hier kann ich sie endlich ausleben.“ Dazu trifft er sich regelmäßig mit anderen Mitgliedern in der kleinen Wohnung in Königs Wusterhausen. Gemeinsam feiern sie Shabbat, jüdische Feiertage und beten einmal im Monat miteinander. Dazu kommt der Rabbiner Nachum Presman zu ihnen, der für die sieben jüdischen Gemeinden Brandenburgs zuständig ist. Presman ist ein Schaliach, ein Gesandter aus Israel, der die Juden zum Judentum zurückholen will.

„Hier sitzen wir zusammen“, sagt Schwarz und zeigt auf die Stühle neben sich. Schwarz und Leonid Gajdichowytsch, der Gemeindevorsitzende, empfangen Gäste am langen Tisch mit der orangenen Tischdecke, an dem sich alles abspielt. An den Wänden hängen Plakate mit Texten zu jüdischen Feiertagen wie Pessach oder Jom Kippur. Daneben Israel-Karten, im Wandschrank stehen Symbole des Judentums: eine Menora, eine Tora und Kelche – alles Spenden oder Mitbringsel aus Israel.

Orte des Erinnerns in der Region

Die jüdische Gemeinde in Königs Wusterhausen ist typisch für die aktuelle Situation des Judentums in Brandenburg. Vor dem Holocaust gab es mehrere Gemeinden, darunter in Luckenwalde und Mittenwalde. In beiden Städten wurden die jüdischen Friedhöfe als Orte des Erinnerns hergerichtet. Auf dem Jagdschloss Ahrensdorf bei Trebbin wurden jüdische Jugendliche vom Jugendbund „Makkabi Hazair“ zwischen 1936 und 1941 auf eine Ausreise nach Palästina vorbereitet.

Detlev Riemer, der ehemalige Pfarrer aus Luckenwalde, hat viel zur Geschichte des Judentums in der Region geforscht. Er engagiert sich für Erinnerungsprojekte wie Stolpersteine und das jährliche Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht am 9. November. „Ich hoffe, dass es irgendwann auch wieder eine jüdische Gemeinde in Luckenwalde geben wird“, sagt er. „Das wäre eine Bereicherung für die kulturelle und religiöse Vielfalt.“

Gemeinde engagiert sich für kulturellen Austausch

Das sehen auch Gajdichowytsch und Schwarz so. Sie engagieren sich ebenfalls dafür, die jüdische Kultur in der Region zu verbreiten: Zweimal im Jahr organisieren sie in Kooperation mit der Stadt Königs Wusterhausen Konzerte, in Lübben und Luckau organisiert die Gemeinde jüdische Kulturtage. Dazu kommen Lesungen und der Einsatz für die Verlegung von Stolpersteinen.

Neben dem religiösen und dem kulturellen Aspekt hat die Gemeinde vor allem einen sozialen: „Wir helfen unseren Mitgliedern viel im Alltag“, sagt Leonid Gajdichowytsch. Dazu zählen Krankenbesuche. Die nehmen immer mehr zu – das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei mehr als 55 Jahren. Die meisten Kinder aus der Gemeinde leben inzwischen in größeren Städten. Sie sind jüdisch erzogen und mit der Religion firm. Viele von ihnen haben das jüdische Gymnasium in Berlin besucht und ein junger Mann absolviert gerade die Ausbildung zum Rabbiner.

Von Anja Meyer

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