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Die Tragödie von Königs Wusterhausen

DDR-Flieger stürzt ab Die Tragödie von Königs Wusterhausen

Vor 45 Jahren stürzte eine Interflug-Maschine von Schönefeld auf dem Weg ans Schwarze Meer über dem Stadtgebiet von Königs Wusterhausen ab. Das Unglück gilt als eines der größten Flugzeugabstürze auf deutschem Boden. 156 Menschen starben. Ein Augenzeuge und ein Ersthelfer erinnern sich.

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Bergungsarbeiten an der Unglücksstelle in Königs Wusterhausen 1972.

Quelle: MAZ

Königs Wusterhausen. Die Ereignisse vom 14. August 1972 haben Günter Haim sein Leben lang nicht wieder losgelassen. Jedes Jahr im August legt er in Königs Wusterhausen Blumen an der Stelle in der Nähe des Bahnhofs nieder, an der vor 45 Jahren ein Flugzeug abstürzte und so 156 Menschen mit sich in den Tod riss. Zwar kannte der Rentner keines der Opfer aus der Iljuschin IL-62 persönlich, doch fühlt er sich auf besondere Weise mit dem Unglück – eines der größten in der deutschen Fluggeschichte – verbunden.

Seit der Kindheit von Flugzeugen fasziniert

Günter Haim, geboren 1931, wuchs in Sachsen-Anhalt neben einem Flugplatz der Luftwaffe auf. Mit fünf Jahren sah er den Hindenburg-Zeppelin auf dem Weg zu den Olympischen Spielen am Himmel. Das alles faszinierte ihn als Kind so sehr, dass er sich Zeit seines Lebens intensiv mit Flugzeugen beschäftigte. Obwohl er bis heute selbst nie geflogen ist, kannte er jeden Flugzeug-Typ und seine Merkmale ganz genau.

Augenzeuge

Augenzeuge: Günter Haim sah das Flugzeug und war an der Absturzstelle.

Quelle: Anja Meyer

So wusste Günter Haim sofort, dass da etwas nicht stimmte, als er am 14. August 1972 kurz vor 17 Uhr mit seiner hochschwangeren Frau im Garten des Forsthauses zwischen Pätz und Neubrück beim Kaffee saß. Der Forstwirt war gerade aus dem Büro in Königs Wusterhausen gekommen – da hörte es dieses merkwürdige Geräusch. „Normalerweise flogen Flugzeuge im Anflug immer ruhig über unser Haus“, erzählt Haim, „aber von dieser Maschine kam ein Motorengeräusch, als wäre sie im vollen Steilflug.“ Das ergab für ihn keinen Sinn. Der Flieger kam aus südlicher Richtung, war nicht gerade in Schönefeld gestartet.

Kraftstoff spritzte aus den Tragflächen

Haim schaute in den Himmel. „Ich habe gesehen, wie da aus den Tragflächenenden kleine Fontänen mit Kraftstoff herausspritzten.“ Für ihn das Zeichen, dass es einen Notfall an Bord geben musste. Dann hörte er dreimal einen dumpfen Knall aus der Ferne. Wenig später rief ihn der Chef der Zivilverteidigung an: Ein Flugzeug sei über Königs Wusterhausen abgestürzt, Haim solle das Gerät zum Überprüfen von Radioaktivität in der Luft sofort aus dem Betrieb abholen und zur Unglücksstelle kommen. Eine gute halbe Stunde nach dem Absturz war er da.

Cockpit blieb bei Absturz intakt

„So viele Krankenwagen wie auf dem Weg dahin habe ich noch nie gesehen“, erinnert er sich. Vor Ort suchten Soldaten das Gelände nach Leichen ab, Haim sah noch ein paar zugedeckte Körper. Als er bemerkte, dass das Cockpit ganz war, war klar, dass kein radioaktives Material ausgetreten sein konnte. Sein Einsatz wurde somit abgebrochen. Damit hätte das Thema für ihn vorbei sein können, doch er forschte mit Hilfe von Bekannten, die bei Interflug arbeiteten, nach dem Unglückshergang und allem, was damit verbunden war.

An das Flugzeugunglück erinnert eine große Gedenktafel auf dem Waldfriedhof in Wildau

An das Flugzeugunglück erinnert eine große Gedenktafel auf dem Waldfriedhof in Wildau. Darauf sind die Namen von 60 Opfern verzeichnet, die identifiziert werden konnten.

Quelle: Anja Meyer

Das tat auch Diplom-Ingenieur Jörn Lehweß-Litzmann. Der Wil­dauer war nach dem Unglück Ersthelfer und gehörte der 127-köpfigen Sachverständigenkommission an, die die Unglücksursache aufklären sollte. Wie er erzählt, wurde die Ursache des Absturzes bald herausgefunden: Eine undichte Heißluftleitung unter dem Boden des Heckgepäckraumes hatte Elektroleitungen beschädigt und so Kurzschlüsse und Geräteausfälle kurz nach dem Start in Schönefeld verursacht. Daraus entwickelte sich ein Brand, der die Höhensteuerung des Flugzeuges, in dem 148 Passagiere auf dem Weg ans Schwarze Meer sowie acht Besatzungsmitglieder saßen, zerstörte und das Heck kurz vor dem Absturz abschweißte.

Pilot bemerkte Probleme über Cottbus

„Der erfahrene Pilot Heinz Pfaff hatte im Raum Cottbus gemerkt, dass etwas nicht stimmt und ‚Schwierigkeiten mit dem Stabilisator‘ gemeldet“, sagt Jörn Lehweß-Witzmann. Weil er am Zielflughafen Burgas keine technische Hilfe erwarten konnte, sei er nach Schönefeld zurückgekehrt und hatte dort eine normale Landung geplant. Aus diesem Grund habe er im Luftraum südlich von Königs Wusterhausen fünf Tonnen Kraftstoff in 1850 Metern Höhe ablassen wollen – was Günter Haim aus seinem Garten beobachtet hatte.

16.59 Uhr: „Mayday!“

Als die Maschine über Zossen kurvte, setzte die Besatzung um 16.59 Uhr den ersten Notruf ab. „Mayday! Kurs 90 Grad, unmöglich Höhe zu halten!“ Weil das Höhenrudergestänge zerstört war, hatte der Pilot keine Kontrolle mehr über die Maschine. Das einzige, was Pilot Pfaff noch tun konnte, war, den Triebwerkschub in letzter Minute zu erhöhen. „Damit hat er Schlimmeres verhindert, da die Maschine sonst wahrscheinlich auf den zu dieser Zeit belebten Bahnhof mit darin stehender S-Bahn gestürzt wäre“, erklärt Lehweß-Litzmann. Um genau 17 Uhr riss über dem Gelände des Wasserwerkes in Neue Mühle der durch den Brand geschwächte Rumpf. „Beim Absturz brachen dann der schwere Cockpit-Bug und die linke Tragfläche ab“, sagt Lehweß-Litzmann. Nach dem Aufprall brannte der Hauptteil mit den Triebwerken vollständig aus.

Der Zeuthener Heinz Mutschinski zeigt einen damaligen Zeitungsartikel

Der Zeuthener Heinz Mutschinski zeigt einen damaligen Zeitungsartikel.

Quelle: Jens Rümmler

Staatstrauerakt auf dem Wildauer Waldfriedhof

Wenige Tage nach dem Unglück wurden die nicht identifizierbaren Leichen während eines Staatstraueraktes auf dem Waldfriedhof in Wildau beigesetzt. Danach gab es kaum noch Berichte über das Unglück. Die Interflug verbesserte ihre technischen Kontrollen. Angehörige beklagten aber eine fehlende Aufklärung zu den Ursachen des Unglücks. Dabei lagen die Ergebnisse der Untersuchungskommission laut Lehweß-Litzmann schon 1973 vor. Weil die Behörden in Moskau diese jedoch ohne Begründung bezweifelten, ließen die DDR-Funktionäre die Sache ruhen. Nicht so die Menschen, die persönlich als Augenzeuge oder als Angehörige betroffen waren. Um an die Opfer zu erinnern, organisieren Jörn Lehweß-Litzmann und Wolfgang Ketelhut, Anwohner der Unglücksstelle, zum 45. Jahrestag am Montag zwei Gedenkveranstaltungen.

Hintergrund

Am 14. August 1972 stürzte eine Iljuschin IL-62 in Königs Wusterhausen auf das Gelände des Wasserwerkes in Neue Mühle ab.

Die Unglücksursache war ein Brand im Heckgepäckraum des Flugzeuges, der durch eine undichte Heißluftleitung entstanden war.

Die Maschine war um 16.29 Uhr in Schönefeld als Charterflug zum Zielflughafen Burgas für das Reisebüro der DDR gestartet.

An Bord waren 148 Passagiere , die ihren Urlaub an der Schwarzmeerküste Bulgariens verbringen wollten. Dazu kamen vier Cockpitcrew-Mitglieder und vier Stewardessen. Alle 156 Insassen starben. Am Boden wurde wie durch ein Wunder niemand verletzt.

Viele der verstümmelten und stark verkohlten Leichen konnten nicht identifiziert werden. Sie wurden mit einem Staatstrauerakt auf dem Waldfriedhof in Wildau beigesetzt. Die identifizierten Opfer wurden von ihren Angehörigen und Gemeinden beigesetzt.

Seit diesem Unglück führte die Interflug regelmäßige „Klima-Sonderkontrollen“ durch. Dabei wurden das Rohrleitungssystem auf Dichtheit überprüft und Schrauben nachgezogen.

Diese wird auch Augenzeuge Günter Haim besuchen. „Ich bin froh, dass diese Veranstaltungen organisiert werden“, sagt er. Noch Jahre später hatte er über seine Bekannten von der Interflug Geschichten gehört, die ihn bewegten. Zum Beispiel von der Stewardess, der am Morgen des 14. August 1972 schlecht wurde und die dann von einer Kollegin vertreten werden musste. „Sie soll sich den Tod ihrer Kollegin nie verziehen haben und daran psychisch erkrankt sein“, sagt Haim. Oder dem Ehepaar aus der Oberlausitz, die an Bord sein sollten und den Flug wegen einer verschlossenen Schranke auf dem Weg verpasst haben sollen. „Die sind dann an jedem 14. August zur Schranke gefahren und haben sich bedankt, dass sie noch leben.“ Auch diesen unmittelbar Betroffenen will Haim am Montag gedenken.

Auf private Initiative gibt es am 14. August zwei Gedenkveranstaltungen: um 14 Uhr an der Gedenk- und Begräbnisstelle der Opfer auf dem Waldfriedhof Wildau und um 17 Uhr direkt an der damaligen Absturzstelle, Kirchsteig 54/55.

Von Anja Meyer

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